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Covid-19 kann Duft in Gestank verwandeln

Von Eva Stanzl

Wissen

Eine Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 kann Gerüche und Geschmäcker nicht nur betäuben, sondern sie auch verändern.


Etwas riechen, was nicht da ist: Der medizinische Überbegriff Parosmie steht für krankhafte Riechstörungen, bei denen Betroffene Dinge zu erschnuppern vermeinen, die die Mehrheit so nicht wahrnimmt. Gerüche werden dabei fälschlicherweise als angenehm oder unangenehm empfunden oder imaginiert. Dann riecht etwa Fleisch nach Schokobananen, Käse nach Waschpulver oder der Hausmüll nach Vanille.

Zu den Ursachen zählen Infektionen, Schädigungen des Riechepithels, Tumoren des zentralen Nervensystems, posttraumatische Hirnschäden, neurologische Erkrankungen - oder Covid-19. Ein Forschungsteam berichtet in einer Studie an rund 1.500 Probanden, dass die pandemisch grassierende Erkrankung nicht nur den bereits bekannten, zumeist vorübergehenden Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns auslösen kann, sondern diese Sinne auch verdrehen kann, wenn sie wieder zurückehren. Da Geruchs- und Geschmacksverlust laut den Autoren um Kathrin Ohla von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg bei 45 bis 70 Prozent der Covid-19-Patienten auftritt, sei davon auszugehen, dass auch relativ viele Menschen eine Zeit lang unter Riechveränderungen leiden.

"Covid-Nase"

Ziel der noch nicht von Fachgutachtern überprüften, auf dem Server "medRxiv" publizierten Studie waren vertiefte Kenntnisse über die Rückkehr von Geruch und Geschmack nach Covid. 1.468 Patientinnen und Patienten, die im Infektionsverlauf weder riechen noch schmecken konnten, wurden im Lauf von elf Monaten - ein erstes Mal zwischen April und September 2020 und ein zweites Mal von September 2020 bis Februar 2021 - befragt. Die Ergebnisse: Noch 200 Tage nach Krankheitsende berichteten 60 Prozent der Frauen und 48 Prozent der Männer, dass weniger als 80 Prozent ihres Geruchssinnes zurückgekehrt waren.

Weiters berichteten 10 Prozent in der ersten und 47 Prozent in der zweiten Befragungsrunde, an Parosmie zu leiden. Laut den Forschern ist sie damit auch dem Phänomen Long Covid zuzuordnen. Anders als der reine Geruchs- und Geschmacksverlust nehme Parosmie nämlich mit der Zeit zu. "Die olfaktorische Dysfunktion scheint eine prominente Komponente von Long Covid zu sein, da fast die Hälfte der Testpersonen darüber nach einer Zeit berichtet", schreiben die Forschenden.

Ein Geruch entsteht, wenn Duftmoleküle an Rezeptoren der Riechsinneszellen in der Nase andocken. Diese 350 Duft-Sensoren werden von unterschiedlichen Aromen und deren Kombinationen angesprochen. Kaffee, Kaffee mit Zucker, verschiedene Essig-, Obst und Käsesorten etwa aktivieren unterschiedliche Rezeptor-Typen und Sinneszellen. Und das wiederum erzeugt im Gehirn typische Aktivierungsmuster, die wir mit Lebensmitteln, Düften und Duft-Kombinationen verbinden.

Eine Infektion wie Covid-19 stört die Funktion dieser Riechsinneszellen, wodurch sich auch das Aktivierungsmuster verändert. Unser Denkorgan kann die vertrauten Speisen oder Objekte nicht mehr mit ihren Gerüchen in Verbindung bringen und deutet die Erfahrung als abstoßend. Kaum ein Proband berichtete, dass nach Covid veränderte Gerüche besser wurden. "Beeinträchtigungen des Geruchssinns können Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit ebenso wie auf den Speiseplan haben", berichtet das Team. "Covid-Nase" nennt die "Neue Zürcher Zeitung" den Effekt, der glücklicherweise aber nach einer Zeit wieder vorüberzugehen scheint. Hier berichtet eine Fallperson von einer "verstörenden Geruchsveränderung": Sein Essen habe plötzlich einen abartigen Gestank verströmt. Schon am dritten Tag seiner Covid-19-Infektion hätten sowohl ein Schweinskotelett als auch Salat einen abstoßenden chemischen Geruch verströmt. Mittlerweile, nach neun Monaten, habe sich der Geruchssinn fast wieder normalisiert.