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Cristina zwingt zum Exportieren

Von Konstanze Walther

Wirtschaft

Wein für Autos - und Socken für die Outdoor-Jacke. | Händler beißen in den sauren Apfel.


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Buenos Aires/Wien. Argentinien, der achtgrößte Staat der Erde, beschreitet weiter seinen eigenwilligen wirtschaftlichen Weg - fernab von den Ratschlägen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Welthandelsorganisation. Das Land befindet sich seit 2001 im "Default"-Status - ist also offiziell pleite.

Ein Teil der Schulden beim sogenannten "Pariser Klub", der Staatspleiten regelt, ist noch immer ausständig - vor allem weil sich Argentinien weigert, dem IWF Einsicht in die Wirtschaftsdaten zu gewähren. So existiert das Land ohne IWF-"Gütesiegel" und ohne Zugang zu den internationalen Finanzmärkten.

Inflation klettert 2011 auf geschätzte 26 Prozent

Aufgrund seiner Größe ist Argentinien dennoch ein begehrtes Ziel für den internationalen Handel. Noch stärker als die Exporte entwickelten sich 2010 die Importe, die fast um die Hälfte (46 Prozent) auf einen Wert von 56,4 Milliarden Dollar anstiegen. Und das, obwohl Argentinien versuchte, seinen Export unter anderem mittels Inflation anzukurbeln. Private Analysten schätzen die argentinische Teuerungsrate im Jahr 2010 auf 26 Prozent. Offiziell sollen es nur 11,6 Prozent gewesen sein.

Eine andere Lösung musste her. "Im Jänner kam plötzlich die Meldung, dass Autos und Landmaschinen nur noch beschränkt importiert werden dürfen", erklärt der österreichische Handelsdelegierte Josef Hofer von der Außenhandelsstelle in Argentinien. Konkret ging es um nur noch 80 Prozent der Einfuhrmenge des Vorjahres. Außer die Unternehmen erklären sich bereit, im Gegenzug Waren aus Argentinien zu exportieren, um die Handelsbilanz auszugleichen. Die betroffenen importierten Warengruppen sind daraufhin sukzessive erweitert worden - inzwischen fallen etwa auch Bekleidungsstücke unter jene Beschränkungen.

Der Hintergrund: Argentinien war nach dem Zweiten Weltkrieg eines der reichsten Länder der Welt. Danach kam der wirtschaftliche Verfall. Man hat das Produzieren verlernt, heißt es von Managern, die im Land gelebt haben.

Die neuen Regelungen führen nun dazu, dass es im Dunstkreis des Zollamts in Buenos Aires ein Gerangel um Export-Dokumente gibt. Jedes Unternehmen will den Stempel auf eines der begehrten Papiere bekommen, um den Export - von Wein, Maschinen oder Soja-Produkten - nachzuweisen, erzählt ein Händler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Ob die Fracht dann tatsächlich exportiert wird, oder ob sie nur 20-mal auf den Papieren als exportiert aufscheint, steht auf einem anderen Blatt. Noch dazu, wo man in Argentinien sogar für den Export, besonders für landwirtschaftliche Güter, Zoll zahlen muss.

Laut der offiziellen Statistik ist das Export-Volumen des Landes von Jänner bis Juli 2011 nun auch um 24 Prozent gestiegen (bei einer gleichzeitigen Steigerung der Importe um 37 Prozent). Damit kann Argentinien seinen Außenhandel-Überschuss weiterhin halten. Zumindest nach den Zahlen des argentinischen Statistik-Amtes. "In allgemeiner Form kann angemerkt werden, dass die Qualität der offiziell verfügbaren Daten derzeit meist nicht am mitteleuropäischen Standard gemessen werden kann", heißt es dazu diplomatisch im Bericht der österreichischen Außenhandelsstelle.

Grazer Konzern Northland Marktführer

Obwohl der Verwaltungsaufwand für den Import nach Argentinien ansteigt, gibt es Händler, die dafür Verständnis haben. "Jeder, der in einem internationalen Job ist, sieht auch die Probleme der Globalisierung", erklärt etwa der Manager Manfred Reiter. Er war für den Grazer Outdoor-Ausrüster Northland (der in Argentinien Marktführer ist), einige Jahre lang im südamerikanischen Land, bis er wieder zur Firmenzentrale in der Steiermark zurückgekehrt ist. Der Ausrüster Northland produziert vor allem in Asien. Aber er sieht sich jetzt gezwungenermaßen in Argentinien Fabriken an, um bald argentinische Socken nach Europa zu exportieren. Der Kristallhersteller Swarovski exportiert dem Vernehmen nach Wein. Genauso wie es der Autohersteller Porsche tut. Volkswagen hat diese Probleme nicht: Der Autohersteller produziert teilweise vor Ort in Argentinien.