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Crowdsourcing für die Wissenschaft

Von Eva Stanzl

Wissen
Auch die Herpetofaunistische Datenbank Österreichs , wie sie das Naturhistorische Museum Wien seit 1982 betreibt, wurde von Bürger-Meldeplattformen gespeist: Auch den Bürgern ist es zu verdanken, dass sie heute 107.000 Amphibien und Reptilien enthält.
© NHM

Forschung nutzt die Kreativität von Laien, um zu praxisrelevanten Ansätzen zu finden.


Wien. Alle Menschen können forschen. Oder genauer: Alle Menschen können sich in den Wissenschaften nützlich machen. Laienforscher haben besonders in den Naturwissenschaften Tradition: Sie zählen die Sterne, damit Astronomen exakte Karten des Nachthimmels erstellen können. Sie registrieren die Schmetterlinge in ihren Gärten, um die Artenvielfalt zu beobachten, verzeichnen Amphibien und Reptilien im ganzen Land oder suchen in den Wäldern nach Fossilien aus dem frühen Tertiär.

Traditionellerweise spendeten die Laienforscher ihre Funde den Museen oder gaben ihre Aufzeichnungen an Universitäten weiter. Doch nun gibt es eine neue Art des Mitmachens. "Citizen Science", zu Deutsch "Bürgerwissenschaften", nennen sich Projektformen, bei denen Laien (bis zu einem gewissen Grad) mitforschen. Um die Kreativität der Bevölkerung zu nutzen, baut das Wissenschaftsministerium nun sein Programm für gesellschaftliche Formen der Forschung mit Förderungen aus.

Schüler, die sich als Allergene verkleiden

Ausgangspunkt ist die seit 2007 laufende Initiative "Sparkling Science" für Nachwuchsforschung, bei dem bisher 29,2 Millionen Euro für insgesamt 206 Projekte an Schulen und Forschungseinrichtungen vergeben wurden. "Ging es etwa darum, die medizinischen Fragebögen für Allergiker zu verbessern, schwärmten Schüler als Allergene verkleidet durch die Stadt Salzburg und befragten Passanten zum Thema. Die Ergebnisse der Straßenbefragung wurden an der Universität Salzburg zu zielgerichteten Fragen ausformuliert", erklärt Christian Smoliner, Experte für Erdsystemforschung im Wissenschaftsministerium.

Im November startet eine Ausschreibung, bei der auch Erwachsene in laufende Projekte eingebunden werden sollen. Und ab Anfang 2017 will man auch neue Projekte in gesellschaftsoffenen Formen der Forschung fördern.

Hintergrund ist ein internationaler Trend zu Kooperationsmodellen. "So wie der Schritt vom disziplinär zugespitzten Forschungsansatz hin zur Interdisziplinarität eine entscheidende Erweiterung von Fragestellungen gebracht hat, die heute wissenschaftlich relevant sind, eröffnet Citizen Science neue Chancen und führt zu Kooperationen, die früher kaum vorstellbar oder technisch gar nicht machbar waren", betont Barbara Weitgruber, Sektionschefin im Wissenschaftsministerium, die die Initiative federführend betreut.

Beim "Citizen Science Day" im Naturhistorischen Museum (NHM) Wien am Dienstag wurden einige dieser Projekte vorgestellt. Etwa werten am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg (Iiasa) mittlerweile 10.000 Menschen Daten zur Waldrodung aus. Über eine App sortieren sie auf dem Smartphone, wo auf der Welt gerodet wurde und wo nicht, und markieren auf Satellitenfotos jene Flächen, auf denen sie Abholzung erkennen können. Das Ziel ist eine globale Landkarte der Walbedeckung als Basis für den Kampf gegen Waldverlust.

Weiters haben Schüler zusammen mit der Universität für Bodenkultur (Boku) eine Methode entwickelt, mit denen die Herkunft von Lebensmitteln zurückverfolgt werden kann. Über Isotopenanalysen soll der Zusammenhang zwischen Umweltfaktoren, wie etwa der Geologie des Bodens, der Seehöhe und der chemischen Zusammensetzung der Lebensmittel, ermittelt werden. Jugendliche haben Boden-, Wasser- und Nahrungsmittelproben gesammelt, die die Boku-Wissenschafter untersucht haben. Das Projekt soll demnächst auch für Erwachsene geöffnet werden.

Nicht zuletzt die Herpetofa unistische Datenbank Österreichs, die das NHM seit 1982 betreibt, wird von Bürger-Meldeplattformen gespeist: Auch dank ihnen enthält sie 107.000 Amphibien und Reptilien, die hierzulande leben. Doch die Bürger sollen sogar noch umfassender eingebunden werden. Unter dem Titel "Open Innovation" (Offene Innovation) sind ihre Ideen noch früher im Forschungsprozess gefragt: Hier kommen sie bereits bei der Definition von Forschungsfragen zu Wort. Beispielhaft machte dies die Ludwig Boltzmann Gesellschaft vor, die in ihrem Pilotprojekt "Open Innovation in Science" Angehörige, Ärzte und Laien zu den ihrer Meinung nach brennendsten Problemen rund um psychische Krankheiten interviewte. In der Folge präsentierte die Bundesregierung eine Strategie für Open Innovation, die derartige Projekte zu einem nationalen Ziel machte.

Neues Zentrum für Open Innovation

Das Ergebnis ist ein Anstoß für eine praxisrelevante Art der wissenschaftlichen Forschung, die sich nicht an sich selbst, sondern an der Realität orientiert. "Open Innovation erschließt neue Arten der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Es können neue Lösungen oder Fragen entstehen, indem tausende Menschen aus allen Teilen der Welt und mit den unterschiedlichsten Hintergründen ihr Wissen in einem Crowdsourcing-Prozess teilen", erklärte Lucia Malfent, Ko-Leiterin des neuen Center für Open Innovation in der Wissenschaft an der Boltzmann Gesellschaft in Wien, dessen Gründung am Dienstagabend offiziell bekanntgegeben wurde. Das Budget beträgt insgesamt zwei Millionen Euro für eine Laufzeit von drei Jahren, die von der Österreichischen Nationalstiftung für Forschung kommen.

Ob die Visionen der gesellschaftsoffenen Formen der Forschung aufgehen, muss sich weisen. Aber eines scheint bereits festzustehen: Sie zwingt die Wissenschaft, den Elfenbeinturm nicht nur zu verlassen, sondern auch, sich endgültig von ihm zu verabschieden.