Zum Hauptinhalt springen

Cruz ist Geschichte, Trump die Gegenwart

Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

Politik

Letzter ernstzunehmender Widersacher des New Yorker Billionärs streicht die Segel – Republikanische Führung ruft dazu auf, ihn ab sofort im Kampf gegen Clinton zu unterstützen.


Washington D.C./Indianapolis. Mit der Verwendung von Superlativen sollte man vorsichtig sein, besonders im Kontext des Landes, dessen Einwohner nämliche von jeher zur Kunstform erheben; aber angesichts dessen, was gestern im Mittleren Westen der USA passierte, scheinen sie ausnahmsweise angebracht. Alsdann: unvergleichlich, unglaublich, ohne Präzedenz, historisch. Dass bei den am Dienstag abgehaltenen Vorwahlen in Indiana auf Seiten der Republikaner viel auf dem Spiel stand, war jedem klar, der die Grundrechnungsarten und das kleine Einmaleins der Politik beherrscht. Aber jetzt?

Ted Cruz, der letzte ernstzunehmende Widersacher von Donald Trump im
Rennen um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Konservativen, verabschiedete sich noch am Abend Ortszeit aus dem Wettbewerb. Was Trump, auch wenn er noch nicht die 1.237 Delegiertenstimmen beisammen hat, um auch formal zum Bannerträger der Grand Ole Party (GOP) zu werden, de facto zu genau diesem macht.

Mit anderen Worten: Es ist vorbei. Das Duell um den Einzug ins Weiße Haus werden – sofern es zu keinen außergewöhnlichen Ereignissen wie FBI-Anklagen oder Attentaten kommt, in den USA nie ganz auszuschließen –, Donald Trump und Hillary Clinton bestreiten.

Letztere verlor in Indiana zwar einmal mehr klar gegen Bernie Sanders (53 zu 47 Prozent Stimmenanteil), strich aber wie gewohnt dank der, nun ja, eigenwilligen Art, wie die Demokraten ihren Kandidaten küren, mehr Delegierte ein als der Senator aus Vermont (43 zu 42). Auch wenn Sanders das Ergebnis einmal mehr als Legitimation ansieht, trotz extrem geringer Chancen bis zur letzten Vorwahl am 14. Juni in Washington D.C. (eine Woche vorher findet der letzte "Super Tuesday" inklusive Kalifornien statt) im Rennen zu bleiben, wird der Druck auf ihn, es Cruz gleich zu tun, jetzt massivst steigen.

Auf Seiten des Parteiestablishments der Demokraten befürchten angesichts des Status Quo immer mehr, dass eine andauernde Kandidatur des 74-jährigen Sozialisten Clinton im Herbst beschädigen könnte. Einerseits sind da die monetären Ressourcen, die viele lieber ab sofort, in dieser Sekunde, gegen Trump eingesetzt sehen würden als gegen Sanders; andererseits will man unter allen Umständen verhindern, dass die Republikaner, von denen sich jetzt die Mehrheit – widerwillig, aber doch – um ihren neuen Liebling scharen, ein zeitliches Ruhekissen erhalten und Sanders quasi als Verbündeten ansehen.

Trump selbst zeigte sich in seiner Siegesrede bemüht, all jene republikanischen Wähler und Funktionäre zu beruhigen, die ihn ihm nicht
weniger als den Totengräber der Partei ansehen. Er bedankte sich bei Cruz, den er noch 24 Stunden zuvor einen "wahnsinnigen Lügner" geheissen hatte und nannte ihn einen "harten, klugen Widersacher", den er respektiere, dessen Familie er alles Gute wünsche und der eine "gute Zukunft" als Politiker habe. Er lobte Reince Priebus, den Vorsitzenden des Republican National Committee (RNC), der bis vor kurzem dafür bekannt war, hinter den Kulissen alles dafür zu tun, Trump als Spitzenkandidaten zu verhindern. Anders als Cruz, der Trump in seiner Abschiedsrede praktisch mit keinem Wort erwähnte – einen Tag zuvor hatte der texanische Senator den New Yorker Immobilien-Magnaten und Ex-Reality-TV-Star noch wörtlich einen "skrupellosen Schauspieler",
"notorischen Schürzenjäger" und "Lügner, der alle seine Wähler betrügen
wird" genannt – rief Priebus per Twitter dazu auf, die politischen
Realitäten nunmehr anzuerkennen und entsprechend die Reihen zu schließen: "Wir müssen jetzt zusammenhalten und uns darauf konzentrieren, Hillary Clinton zu schlagen." Hashtag: #NeverHillary.

Über die Motivation von Cruz, der gerade erst die Ex-Hewlett-Packard-Geschäftsführerin Carly Fiorina zur Vizepräsidentschaftskandidatin erkoren hatte, nach der Niederlage von Indiana aus dem Rennen zu scheiden, gingen die Urteile indes kaum auseinander. (Am Ende lag er dort 16 Prozentpunkte hinter Trump. John Kasich, ab sofort nicht einmal mehr eine Fußnote im Rennen, wurde knapp zweistellig, gelobte aber trotzdem, durchzuhalten, bis Trump die 1.237 knackt; der Gouverneur von Ohio hält jetzt bei 153, Trump bei 1.007).

Seit Donald Trump Cruz vor ein paar Monaten zu seinem Hauptangriffsziel auserkor, hatten sich die Popularitätswerte des texanischen Senators beständig Richtung Keller bewegt. Selbst bei seiner ureigenen Klientel, den Evangelikalen, setzten sich zunehmend Zweifel an seinem Charakter fest, nachdem ihn Trump angesichts seiner Philosophie, vielleicht nicht Wahlen zu gewinnen, aber sich im Nachhinein die Delegiertenstimmen zu sichern, als "Lyin' Ted Cruz" gebrandmarkt hatte. Für seine nahezu fix fest stehende Widersacherin um die Nachfolge Barack Obamas hat Trump ebenfalls schon einen "Spitznamen": "Crooked Hillary Clinton", was übersetzt nichts weniger als korrupt heißt. Es wird eine heißer Herbst in Amerika.