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Currykrieg um den Wiener Gaumen

Von Emanuela Hanes

Politik
An sich ist die indische Küche würzig scharf. Die österreichische Zunge mag es lieber mild. Foto: corbis

Currylokale bedeuten für viele Inder einen sicheren Arbeitsplatz. | Vom Zeitungsverkäufer zum Lokalbesitzer. | Wien. 37 indische Restaurants gibt es zurzeit in Wien. Doch ihre Zahl ist stark im Schwanken. Permanent entstehen neue Lokale, manch kleiner Betrieb macht dafür zu. Sieben Restaurants befinden sich allein im siebten Bezirk, der zum Hotspot für Currygerichte gehört. Mit zunehmender Zahl und Bekanntheit steigt auch die Konkurrenz. Das führt zu besserem Service, aber auch zu Ärger zwischen den Restaurants.


Currylokale werden üblicher Weise von Indern geführt und haben eine erstaunlich lange Geschichte in Wien. Als erstes indisches Restaurant hat bereits 1970 das Taj Mahal im ersten Bezirk aufgesperrt, es folgten viele Lokale im Umfeld, schließlich verbreiteten sie sich in den nahe gelegenen Bezirken Mariahilf, Josefstadt und Alsergrund aus. Östlich des ersten Bezirks gibt es noch weniger Currylokale.

Restaurants gelten für Inhaber als sicherer Arbeitsplatz und bieten die Möglichkeit, die Familie mit zu beschäftigen. Zudem kann in jeder indischen Familie zumindest ein Mitglied aus Erfahrung kochen und dieses Wissen weitergeben. Viele Angestellte haben keine Kochausbildung.

Das Demi Tass zählt zu den bekanntesten Adressen. Seit 1985 bietet es in der Prinz-Eugen-Straße hochqualitative, aufwendige indische Küche. Sheikh Ferose, ein ausgebildeter Gourmetkoch aus Neu Delhi, bot anfangs eine Mischung aus französischen und indischen Gerichten an. Nach zehn Jahren wurde das französische Angebot aufgegeben. Nun widmet er sich ganz seiner nordindischen Küche. Das laut dem Internet-Blog "Inder Finder" beste indische Restaurant ist trotz hoher Qualität keine Goldgrube.

"Indisch wird immer noch mit billig gleichgesetzt. Doch niemand denkt daran, dass die Produkte und die Arbeitskraft hier teurer sind als in Indien", erzählt Ferose. "Ich achte immer auf die besten, hochwertigsten Zutaten. Dadurch steigen die Preise, doch qualitativ hochwertige indische Küche in gehobener Preisklasse wird nicht so gut angenommen." Hauptklientel sind Studenten und Angestellte: "Für Besserverdienende ist ein Besuch in meinem Restaurant so etwas wie Kurzurlaub. Sie wissen vor allem die exotische Atmosphäre zu schätzen."

Auch Tanapalesingam Veluppilla, Inhaber der Curri Insel im achten Bezirk, ist ein Perfektionist. "Ich habe als Zeitungsverkäufer begonnen, lange gespart und es mit meiner Einstellung zu einem wundervollen Restaurant mit zahlreichen Stammgästen gebracht. 98 Prozent meiner Gäste sind Österreicher", erzählt der Ayurveda-Spezialist aus Sri Lanka. Bei ihm gibt es südindische Küche. "Die ist sehr arbeitsintensiv und gilt als Slow Food. Das Essen besteht aus vielen verschiedenen Gerichten und man sollte sich dafür Zeit nehmen." Die nordindische Küche ist würziger und kräftiger im Geschmack, hat aber weniger Gerichte. Veluppilla hat dieses Jahr auch zwei "Curry Up" Fastfood-Curryfilialen eröffnet.

Ein Klassiker ist das Bombay auf der Neubaugasse. Seit 1987 bietet es günstige Gerichte bei guter Qualität. "Das Restaurant ist immer voll, wir haben viele Stammgäste, und die Mundpropaganda wirkt viel besser als jede Werbung", ist die Inhaberin Rajinder Kaur überzeugt. Das Chennai in der Florianigasse hat erst vor einem halben Jahr aufgesperrt, "aber das Geschäft läuft sehr gut. Ich wende immer die Geheimnisse meiner Mutter an. Die Kunden mögen das Essen und das gute Service", sagt die Inhaberin Beulah Duraipandian.

Kampfplatz im Internet

Der Blog Inder Finder ist eine der Hauptinformationsquellen über indische Restaurants in Wien. Dahinter steht der Universitätsbibliothekar und Anglizistikdozent Horst Prillinger: "Ich lernte in London die indische Küche kennen und lieben. Nach meiner Rückkehr suchte ich hier ebenso gutes Essen und probierte die Restaurants durch. Ende der 1990er richtete ich dann den Blog ein, um selbst einen Überblick zu behalten und in Form eines öffentlichen Tagebuchs meine Erfahrungen zu teilen."

Die Anzahl der Lokale nimmt weiter zu, und damit auch der Wettbewerb. Konkurrenzkriege werden im Internet ausgefochten. Auf Bewertungsplattformen schwärzen sich einige Lokale gegenseitig an und geben fürchterliche Bewertungen über die Konkurrenz ab. Hetzmails erreichen auch Prillinger, der in der Szene recht bekannt ist: "Ich bekam E-Mails von vorgeblichen Angestellten eines Restaurants, die schrieben, der Chef würde sie betrügen und ausnehmen. Ich kenne das Lokal aber und bin dahintergekommen, dass die Mails von einem Konkurrenzrestaurant kamen." Auf Prillingers Blog gibt es daher keine Bewertungsfreigabe.

Der Konkurrenzkampf erhöhte auch die Auswahl und führte teils zu einer Qualitätssteigerung. "Wir haben immer stärkere Konkurrenz, das ist wahr. Wir achten deshalb jetzt noch mehr auf Qualität und Service", gibt Kaur vom Bombay zu. Andererseits passen sich immer mehr Lokale dem österreichischen Geschmack an. "Das geht von Rindfleischgerichten, die in Indien absolut tabu sind, bis zu Curries, die von Gulasch nicht zu unterscheiden sind; für mich als Liebhaber scharfer, intensiver Gerichte immer wieder eine Enttäuschung", so Prillinger. Die Strategie ist zweischneidig. Einerseits vertreibt man so Curry-Nostalgiker, andererseits zieht man neue Besucher an. Viele Österreicher sind vorsichtig angesichts der Legenden um feurig-scharfe Curries und würden lieber auf heimische Küche zurückgreifen, wenn es kein Angebot von milden Curries gäbe.

Die selbstgestellte Aufgabe, alle indischen Restaurants in Wien durchzuprobieren, hat Prillinger bis heute nicht gelöst. "Einerseits sind es einfach mittlerweile zu viele. Andererseits verliert man den Geschmack, wenn man zu oft indisch essen geht. Und es gibt leider auch frustrierende Besuche. Aus diesem Grund tendiere ich zu meinen Lieblingen."