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Cyberkrieg für ein freies Internet

Von Gregor Kucera

Analysen

"Anonymous geht auf Rachefeldzug für Megaupload" ist mehr als eine Twitter-Meldung: Hier wird in Wahrheit ein Krieg erklärt, und zwar der erste Cyber-Privatkrieg in der noch jungen Internet-Geschichte. Keine heimlichen Angriffe, es geht auch nicht um Religion oder Staatsgrenzen, der virtuelle Krieg wird offen geführt und dreht sich um Daten - und natürlich um Geld.

Vor wenigen Wochen deckte Anonymous Sicherheitslücken auf, wies - durch die Veröffentlichung von Daten - auf die Gefahren im Internet hin und plädierte für ein freies Wissensnetz. Und nun? Die anonymen Online-Aktivisten steigen auf die Barrikaden, weil die Behörden einen Webauftritt geschlossen haben, der nachweislich illegales Material verbreitete. Werden hier nicht die Rechte der freien Bürger vor den Karren gespannt, um zwielichtige Gestalten als Cyber-Märtyrer zu präsentieren?

In dieser Woche blieb die Webseite von Wikipedia schwarz. Kritiker wollten damit gegen eine Gesetzesvorlage protestieren, die einen tiefen Eingriff in die freie Welt des Internets bedeutet hätte. Es wäre möglich gewesen, Websites den digitalen Tod sterben zu lassen, wenn Unternehmen ihre Rechte verletzt sähen. Wikipedia könnte so auch verboten werden, auf bestimmte Inhalte zu linken.

Wenn man die beiden Episoden der jüngeren Internet-Historie vergleicht, so zeigt sich eines deutlich: Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind schwer zu ziehen. Anonymous hat sie mit seinen jüngsten Aktionen weiter verwischt. Es dreht sich nicht mehr nur um das Veröffentlichen von mehr oder weniger öffentlichen Daten und Zensurhinweisen. Websites werden attackiert und damit Webauftritte vom Netz genommen, deren Inhalte den Anonymous-Ideen widersprechen.

Doch bedarf es auch eines Blicks auf die "Gegenseite". Die USA lassen Europäer in Neuseeland verhaften, weil diese angeblich gegen US-Gesetze verstoßen. Auf den Servern von Megaupload liegen nicht nur illegale Dateien. Viele Anwender können nicht mehr auf ihre legalen Dokumente zugreifen, weil die Website in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom Netz genommen wurde.

Wie sollen sich Nutzer dagegen wehren? Durch Demokratisierung und Piratenparteien, die ein Bewusstsein für die Thematik schaffen können? Protest mit verdunkelten Websites? Die Antworten müssen bald gefunden werden.