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"Da geht es nicht nur um die AUA"

Von Karl Leban

Reflexionen

Städtische wäre bei AUA-Verkauf bereit, ihr Aktienpaket abzugeben. | Konzern prüft weitere Akquisitionen für sein Imperium im Osten. | Kooperation mit dem Rechtsschutzversicherer Arag könnte nächstes Jahr gestartet werden. | "Wiener Zeitung": Herr Generaldirektor, welche Lösung wünscht sich die Wiener Städtische als Aktionär und Kunde der krisengeschüttelten AUA?


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Günter Geyer: Ich bin für jede Lösung, die sicherstellt, dass der Flughafen Wien weiter ausgebaut wird. Es geht dabei nicht nur primär um die AUA und ihre Ergebnisse, sondern auch um den Wirtschaftsstandort. Der Flughafen ist als Schaltstelle für den Osten und Südosten Europas von großer Bedeutung für die Firmen in Wien und Umgebung. Für mich ist daher jede Art einer Beteiligung an der AUA zweckmäßig, wenn damit die Aufwärtsentwicklung des Flughafens weiter vorangetrieben werden kann.

Mit einem Alleinflug der AUA wäre das also nicht möglich?

Die Stand-Alone-Variante wäre im Konnex mit der Konkurrenzsituation und der Entwicklung des Kerosin-Preises sicher die schwierigste aller Lösungen.

Haben Sie Vorlieben für einen bestimmten Airline-Partner?

Nein, bei einem Partner für die AUA müsste aber sichergestellt sein, dass der Flughafen Wien expandieren kann und der Standort gesichert wird. Gegen die Lufthansa spricht nichts. Mir ist nur bewusst, dass der Flughafen München eine große Konkurrenz ist. Es kommt darauf an, ob da ein Konzept geliefert wird, das die vorher genannte Prämisse glaubhaft sichert - und das dauerhaft.

Sollte es zum mehrheitlichen Verkauf der teilstaatlichen AUA kommen: Würde die Städtische, falls es nötig sein sollte, ihren 1,4-Prozent-Anteil abgeben?

Das wäre möglich - aber nur, wenn damit eine vorteilhafte Konstellation für den Flughafen Wien garantiert ist.

Viel wird bei einem Verkauf nicht zu holen sein, der Börsenkurs der AUA ist im Keller. Wie sehen Sie die Preisfrage?

Die Preisfrage ist immer wichtig, im Zusammenhang mit der Standortfrage für mich aber nachrangig. Ist man viel unterwegs, ist es angenehm, zum Flughafen zu fahren, und man ist in zwei bis drei Stunden in dem Gebiet, wo österreichische Firmen sind, die ihren Sitz in Wien oder Niederösterreich haben. Ist das nicht mehr möglich, wäre damit auch der Standort in Frage gestellt.

Was sollte die heimische Politik in Sachen Standort generell tun?

Die wichtigste Aufgabe der Politik wäre, die Standortfrage deutlich zu unterstützen und sich dessen bewusst zu sein, dass wir in einem Land leben, das gerade im Hinblick auf die Nachbarländer sehr große Vorteile und Chancen hat, und wir gleichzeitig in einem Wettbewerb mit diesen Ländern stehen. Hiermit muss sich die Politik auch strategisch befassen, sie darf nicht nur Behinderungsthemen in die Welt setzen.

Die da wären?

Unternehmen, die so wie wir in Osteuropa tätig sind, müssen sich beispielsweise fragen, ob es sinnvoll ist, die Barrieren am Arbeitsmarkt weiter aufrecht zu halten. Wenn ich etwa in Prag bei einer Tochtergesellschaft einen Russen oder Ukrainer mit hohem Know-how anstellen will, habe ich dort keine Probleme. Wenn ich das in Österreich mache, habe ich zumindest ein administratives Problem.

Wichtig ist auch die Steuerfrage. Ich spreche nicht von der Körperschaftsteuer, die ist grundsätzlich okay. Wenn ich mir aber Gedanken machen muss, dass ich einen Mitarbeiter als Österreicher für einige Zeit in den Osten schicke, wäre es sehr wichtig, dass er durch den hohen österreichischen Steuersatz gegenüber lokalen Führungskräften nicht benachteiligt ist.

Die Wiener Städtische vertieft ihre Vertriebskooperation mit der Erste Bank und den Sparkassen - sowohl in Österreich als auch in Osteuropa. Sie können dadurch bis zu 15 Millionen Kunden zusätzlich ansprechen. Warum steht eine Kapitalverflechtung mit der Erste Bank nicht zur Debatte? Damit könnten Sie die Vertriebsehe doch langfristig absichern?

Die Konzentration auf das jeweilige Kerngeschäft ist für beide Häuser eine wichtige Grundphilosophie. Wo ist denn bei einer Verschränkung wirklich der Vorteil? Ich glaube, dass es eine funktionierende Partnerschaft nicht notwendig hat, dass man wechselseitig Aktionär ist. Wenn die Vienna Insurance Group der Erste Bank - oder vice versa - ein Geschäft anbieten würde, kann jeder Partner davon ausgehen, dass er nur ein Geschäft angeboten bekommt, dem er selbst sehr positiv gegenübersteht. Das heißt: Jeder Partner entscheidet ausschließlich auf Grund der jeweils eigenen Interessen, ohne durch eine aktionärsmäßige Beteiligung behindert zu werden. Und das ist gut so!

Für den Ende März fixierten Kauf des Versicherungsgeschäfts der Erste Bank geben Sie fast 1,5 Milliarden Euro aus, eine stolze Summe. Haben Sie jetzt - nach der großen Einkaufstour der letzten Jahre - eine Pause bei weiteren Akquisitionen verordnet?

Wir haben die jüngste Kapitalerhöhung und Hybridanleihe mit dem Ziel gemacht, nicht nur diesen Kauf zu tätigen. Hintergrund dieser beiden Kapitalmaßnahmen war, dass wir dort, wo wir noch nicht so weit vorne sind, die Ausbaumöglichkeiten nutzen wollen - auch über weitere Akquisitionen. Das gilt vor allem für Polen, das Baltikum, die Ukraine und die Türkei. Durch die Transaktion mit der Erste Bank sind wir jetzt die Nummer eins in Zentral- und Osteuropa. Wir haben die deutsche Allianz überflügelt und möchten das in einigen Ländern noch stärker unterstreichen.

Warum haben Sie hier Russland nicht genannt? Ähnlich große Konzerne wie Raiffeisen International, Bank Austria oder Strabag sind dort wegen der tollen Wachstumsperspektiven bereits prominent vertreten. Eine größere Investition haben wir zumindest für die nächsten Jahre nicht vor. Man darf die eigene Bedeutung nicht überschätzen. Wir sind von einem großen österreichischen zu einem großen zentralosteuropäischen Konzern gewachsen, der sehr erfolgreich ist und sich nun von ursprünglich acht Millionen Kunden als Potenzial in Richtung 200 Millionen entwickelt. Russland ist zu riesig. Diesen Markt systematisch zu bearbeiten, wäre selbst für ein Haus unserer Größe nur schwer zu bewältigen - auch von den Management-Kapazitäten her. Wir sind schon in Russland, wir haben eine erfolgreiche Gesellschaft mit der Moskauer Versicherung, haben vorerst aber keine Absicht, in Russland stärker präsent zu sein. Wir wollen den Markt in Ruhe kennenlernen - und außerdem müsste sich das rechtliche Umfeld noch ein wenig weiterentwickeln.

Mit dem Kauf des Sachversicherers Ray Sigorta ist die Städtische im Vorjahr in den türkischen Markt eingestiegen und nun gerade dabei, ergänzend dazu eine Lebensversicherung zu gründen. Ist ein Brückenschlag in den ebenfalls wachstumsträchtigen arabischen Raum nur mehr eine Frage der Zeit?

Wie bereits gesagt, wollen wir unser Geschäft in der Türkei, einem Markt mit 70 Millionen potenziellen Kunden, ausbauen. Darüber hinaus gibt es jedoch keine konkreten Überlegungen. Der Nahe Osten ist sicherlich ein interessantes Gebiet. Aber ich sehe weder die Notwendigkeit noch die Sinnhaftigkeit, dorthin zu expandieren. In den 23 Ländern, in denen wir tätig sind, haben wir noch genug zu tun. Und da haben wir für die nächsten 15 bis 20 Jahre so schöne Chancen, auf die wir uns voll und ganz konzentrieren möchten.

Die Wiener Städtische sondiert bereits seit Monaten eine Kooperation mit der Arag. Wie ist denn da der Stand?

Wir sind nach wie vor bei den Vorfühlgesprächen - ein bisschen fortgeschritten dabei, aber noch nicht fertig. Die Überlegung ist: Die Arag ist ein guter Rechtsschutzversicherer, wir sind stark in Osteuropa. Rechtsschutz ist ein Spezialgebiet. Ich würde es daher sinnvoll finden, so etwas zusammen mit einem Partner zu machen. Die Arag ist im Osten nur in Slowenien, wir sind dort überall. Gemeinsam könnten wir das Feld Rechtsschutzversicherung aufbereiten. Die Überlegung ist aber sicher nicht, dass wir die Arag kaufen. Das Thema ist vielmehr: Wir gründen gemeinsame Gesellschaften. Und es könnte sein, dass wir auch in Österreich gemeinsam eine Gesellschaft betreiben.

Wann könnten die Gespräche abgeschlossen werden?

Wir haben vor, heuer jedenfalls soweit zu kommen, dass wir wissen, ob wir es tun und wenn ja, wie wir das organisatorisch umsetzen. Wenn wir das alles geklärt haben, könnte im nächsten Jahr der Startschuss fallen.

Zur Person

Günter Geyer steht seit fast genau sieben Jahren an der Vorstandsspitze der Wiener Städtischen. In dieser Zeit hat der gebürtige Oberösterreicher einen Konzern gezimmert, der mittlerweile auch international groß mitmischt - zumindest in Osteuropa, wo er heuer nach der Übernahme der Versicherungsaktivitäten der Erste Bank zur Nummer eins aufgerückt ist.

Im vergangenen Jahr kam die Städtische, die inzwischen mehr als 20.000 Mitarbeiter beschäftigt und im Ausland neuerdings unter dem Namen "Vienna Insurance Group" auftritt, bereits auf 6,9 Milliarden Euro Prämienvolumen und 437 Millionen Vorsteuergewinn. Bis 2011 will Geyer die Prämien auf mehr als 12 Milliarden hebeln - und das Ergebnis auf deutlich über eine Milliarde.

Im Konzern tätig ist der studierte Jurist, der am 31. Juli 1943 geboren wurde, bereits seit 34 Jahren. Zwischenzeitlich war er auch Generaldirektor der Donau-Versicherung. Ab 1. Juli ist Geyer neuer Präsident des Versicherungsverbands - für die Funktionsperiode von zwei Jahren.

Zur Städtischen: "Der Nahe Osten ist sicher ein interessantes Gebiet. Aber ich sehe weder die Notwendigkeit noch die Sinnhaftigkeit, dorthin zu expandieren."

Zur AUA: "Die Preisfrage ist immer wichtig, im Zusammenhang mit der Standortfrage für mich aber nachrangig."