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Dacapo für einen Tiefgang

Von Gerhard Strejcek

Reflexionen

"Das Boot" wurde neu gedreht und kommt im Herbst als TV-Serie heraus. Inzwischen ist über den Autor einiges mehr bekannt geworden.


Jürgen Prochnow als Kommandant in Wolfgang Petersens Verfilmung von "Das Boot".
© Ullstein-KPA

Der deutsche Autor, Maler und ehemalige Kriegsberichterstatter Lothar-Günther Buchheim (1918 2007) veröffentlichte Anfang der Siebzigerjahre den Roman "Das Boot", in dem er das Schicksal einer deutschen U-Bootbesatzung im Zweiten Weltkrieg beleuchtete. Die Verfilmung erregte weit über den deutschen Sprachraum hinaus Aufmerksamkeit und initiierte eine Debatte über die geschickte Manipulation einer ganzen Generation durch das NS-Regime und die gezielte Desinformation über den desaströsen Verlauf des U-Bootkriegs.

Zehntausende junge Männer meldeten sich - einen konstruierten Heldenmythos vor Augen - als Marinesoldaten freiwillig zur gefährlichen "U-Bootwaffe", obwohl die Opferbilanz mit 27.600 Toten und dem Verlust von über 340 Besatzungen auf deutscher Seite erschütternd ausfiel, unzählige Matrosen von alliierten und neutralen Handelsschiffen ihr Leben lassen mussten und die Ozeane zu ölverseuchten Schiffsfriedhöfen wurden.

Trotz Hekatomben versenkten und vernichteten Schiffsraums in einem totalen U-Bootkrieg vermochte die Kriegsmarine die alliierten Landungen nicht zu verhindern. Ab 1944 operierte die von Fliegerschutz entblößte Kriegsmarine nur mehr von Norwegen und den Ostseehäfen aus, konnte aber kaum mehr wirksame Angriffe starten. Nach der Kapitulation wurden die noch intakten Boote nach Loch Eriboll gebracht und im November 1945 von britischen und polnischen Zerstörern in der Irischen See versenkt ("Operation Deadlight").

Musik von Doldinger

In der Kinovariante der Urfassung, die am 17. 9. 1981 Premiere hatte, zählte "Das Boot" unter der Regie von Wolfgang Petersen zu den erfolgreichsten deutschen Produktionen und machte Hauptdarsteller Jürgen Prochnow (als Kommandant) international bekannt. Die einprägsame Musik von Klaus Doldinger mit dem berühmten "Ping" und dem wehmütig-dramatischen "Boot"-Thema entwickelte sich zu einem Klassiker der Filmmusik. Vier Jahre später folgte eine Fernsehserie, ehe 1997 ein Director’s Cut auf DVD auf den Markt kam.

Der technische Aufwand war bereits in der Originalvariante beträchtlich, die Nachfolgeproduktion konnte 2017 mit einem Etat von 26,5 Millionen Euro rechnen. Die Neuauflage des Films unter der Regie von Andreas Prochaska ("Morgen bist du tot", "Das Wunder von Kärnten") steht unter bayerischer Ägide (Bavaria Fiction) in Kooperation mit der britischen Sky-Mediengruppe. Im November 2018 wird "Das Boot" (zunächst nur) im Pay-TV als Serie ausgestrahlt werden.

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Die Drehbücher beruhen auf Buchheims Nachfolgeromanen "Die Festung" (1996) und "Der Abschied" (2001). Sie enthalten Familien- und Beziehungsepisoden an Land als zweiten Handlungsstrang. Die Landszenen drehte Prochaska im Frühjahr in Prag und München. Das Team repräsentiert eine neue Generation von Schauspielern, darunter Tom Wlaschiha ("Game of Thrones") und den 29-jährigen Rick Okon. Der aus Brandenburg stammende "Tatort-Kommissar" erhielt eine Kommandantenrolle. Das Spektrum der femininen Rollen decken Lizzy Caplan ("Masters of Sex") und die Luxemburgerin Vicky Krieps ("Phantom Thread") ab, auch wenn sie notgedrungen an Land bleiben müssen, um Geliebte, Gattinnen, aber auch Resistance-Kämpferinnen zu mimen.

Für die Innenaufnahmen der Neuproduktion standen mehrere Drehorte zur Verfügung, darunter ein historisches U-Boot im Dock von La Rochelle. In dem als Museum dienenden, siebenundsechzig Meter langen Original-U-Boot erfuhren Kameraleute und Schauspieler, welche bedrückend-klaustrophobische Atmosphäre in der sauerstoffarmen Innenwelt eines Atlantik-U-Bootes herrschte.

Räumliche Enge

Regisseur Andreas Prochaska gilt als Spezialist für die Inszenierung von Angst- und Beklemmungs-Erlebnissen, auch im "Wunder von Kärnten" drehte er die Innenszenen in einem einzigen Raum, was den psychischen Druck der Betroffenen unmittelbar spürbar machte. Aber in einem "eisernen Sarg" von 6,5 Meter Breite, der von hunderten Leitungen durchzogen und von Wassertanks umgeben ist und nur gebückt durchquert werden kann, hat die Enge noch eine ganz andere räumliche und psychische Dimension. Jede Anstrengung wird darin zur Qual, jedes ungute Gefühl erreicht sofort ein Maximum an Intensität, die Angst ist ein ständiger Begleiter, gleichgültig, ob das Boot in einen Sturm gerät und nach Wassereinbruch die Luken schließen muss, oder ob es mit einem Wasserbombenangriff von Zerstörern und Flugzeugen "beharkt" wird.

Lothar-Günther Buchheim, der auf U 96 unter dem Kommando von Heinrich Lehmann-Willenbrock, einem aus Bremen stammenden Kapitänleutnant, eine Unternehmung dokumentierte, schilderte die bangen Momente in dem Dokumentationsband "Der U-Bootkrieg" (zuletzt 2001). Die Matrosen leisteten beim Torpedoziehen Schwerarbeit, Wachen mussten an Deck im Turm und "Wintergarten" stundenlang gegen Sonne oder Sturm ankämpfen. Auch die Filmcrew unter Prochaskas Leitung hatte in der Enge der U-Boot-Röhre unter Sauerstoffmangel zu leiden.

Die U-Bootfahrer waren Meister des Understatements und der Euphemismen, höchst beunruhigende Vorgänge wurden in verharmlosend-tarnende Worte gekleidet. Der "Fächer", mit dem eine Angriffstechnik bezeichnet wurde, stammt aus der Galanterie- und Opernszene. Auch aus der Zoologie bezogen die Marinesoldaten Begriffe: Ein mit Pressluft oder elektrisch betriebener Torpedo galt als "Aal"; eine akustikgesteuerte Variante, welche sich im Zickzackkurs an eine Lärmquelle anheftete, hieß im Fachjargon "Zaunkönig".

Diese elektrisch angetriebenen Todesbringer konnten auch das eigene Boot vernichten, wenn die eigenen Geräusche den abgelassenen Torpedo wieder anzogen. Vermutlich wurde ein versehentlicher Selbstangriff dem berühmten U-Bootfahrer Günther Prien ("Mein Weg nach Scapa Flow") im März 1941 samt seiner Besatzung zum Verhängnis. Diese Version bestätigte der in britische Kriegsgefangenschaft geratene Kommandant Otto Kretschmer, der als erfolgreichster U-Bootfahrer galt und im Nachkriegsdeutschland wieder in Marinediensten stand.

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Realität und Fiktion

Während die U-Boote, deren Besatzungen und ihr Schicksal gut dokumentiert sind, zählen soziale und politische Aspekte zu den weniger erforschten Gebieten der Marinegeschichte. Im Gegensatz zum alten "Boot", einem von männlichen Rollen dominierten Kriegsfilm, dessen Story über weite Strecken auf Buchheims Erstlingsroman basiert, verfolgt die Neuverfilmung ein anderes Konzept, weil der Film nun auch das "Privatleben" der Marinesoldaten sichtbar machen soll.

Frauen sollen aus nahe liegenden Gründen nicht auf die Rolle von Prostituierten im nachgebauten Hafenbordell reduziert werden, daher nehmen am Gelage in La Rochelle vor einer kriegerischen Ausfahrt (im Fachjargon: Unternehmung) auch getarnte Widerstandskämpferinnen teil. In der Realität war der Aufenthalt in den Wartungsdocks (etwa in St. Nazaire) allerdings oft so kurz, dass die Mannschaften gar keinen Ausgang erhielten und selbst die Offiziere in der Messe des Flottillen-Stützpunkts bleiben mussten, während das Boot überholt und mit Munition versorgt wurde.

Die sozialen Kontakte der jungen U-Bootfahrer blieben defizitär, weil die Seekadetten schon als Jugendliche in Stralsund, oft fern der Heimat, einrückten. Nach der Infanterieausbildung dienten sie auf Schulschiffen oder in der U-Bootschule in Pillau. Aus Österreich stammten u.a. der in Wien geborene Spross eines Kontreadmirals, Hardo Rodler von Roithberg, der an seinem 27. Geburtstag (25. 2. 1945) bei den Färöer-Inseln fiel (U 989), der aus Baden stammende Oberleutnant Carl-Gabriel von Gudenus sowie mein Onkel Gottfried Schiffmann (19232014), der als Erster Wachoffizier und Leutnant zur See auf einem modernen Boot der Klasse XXIII diente.

Die für den neuen Film "Das Boot" verwertete Geschichte der Liebe zwischen einem Marineangehörigen und einer Résistance-Kämpferin mag fiktional erscheinen, doch sie beruht auf einer wahren Begebenheit aus dem Leben von Lothar-Günther Buchheim. Die dramatische Beziehung wurde durch eine kritische Biografie bekannt, die Sohn Yves Buchheim heuer zur hundertsten Wiederkehr des väterlichen Geburtstags (6. 2. 1918) publiziert hat.

Vater als Despot

Während seiner von der NS-Propaganda geförderten Dokumentation, die Marine-Malerei und Fotostrecken mit der "Leica" beinhaltete, bereiste Buchheim die von der deutschen Wehrmacht im Mai 1940 eroberten Häfen von La Rochelle (= La Pallice), Brest und St. Nazaire. Er lernte die Französin Geneviève Militon kennen und lieben, was angesichts der Überwachung durch die Gestapo und geheime Feldpolizei ein gefährliches Unterfangen war.

Geneviève wurde denunziert, von der Gestapo verhaftet und in das KZ Ravensbrück deportiert, kehrte aber nach dem Krieg ebenso wie ihr Vater schwer gezeichnet aus der Haft zurück. Als Frau Militon als Corporale des französischen Geheimdiensts im Frühjahr 1947 im besetzten Bayern nach den Verrätern suchte und in Feldafing auf Klaus Buchheim, den Bruder des Ex-Geliebten stieß, war ihr Ansinnen zunächst Vergeltung. Das Leben schrieb aber eine andere, versöhnlichere Geschichte, sie erneuerte ihre Beziehung zu Lothar-Günther Buchheim und heiratete ihn.

Sohn Yves Buchheim (68), selbst Vater von zwei Töchtern, der im schweizerischen Fribourg als Unternehmensberater tätig ist, entstammt dieser Beziehung. Folgt man ihm, der die Rolle des Vaters als Sammler und dessen autoritäre Erziehungsmethoden kritisch beleuchtet, schrieb ein wahrer Despot den Roman "Das Boot".

Gerhard Strejcek, geboren 1963, ist Ao. Professor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und Autor.

Literatur: Yves Buchheim/Franz Kotteder: Buchheim. Künstler, Sammler, Despot - Das Leben meines Vaters. Heyne, München 2018.