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Daesh ist noch nicht geschwächt

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Der Dschihadismus wird so schnell nicht verschwinden.


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Bagdad. Die Amerikaner brauchen Erfolgsmeldungen. Militärsprecher Steven Warren und US-Sonderbeauftragter für den Irak, Brett McGurk, übertreffen sich in diesen Tagen geradezu mit Siegesmeldungen über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Von 30 Prozent spricht der eine, der andere nennt gar 40 Prozent des Territoriums, das man Daesh im letzten Jahr abgenommen habe. Doch ist das wirklich so? Die Vergangenheit hat gezeigt, wann immer die USA Siegesmeldungen über den IS verkündeten, schlugen die Dschihadisten kurz darauf zu. So auch jetzt. In den letzten Tagen haben sie massiv von sich reden gemacht: Doppelanschläge in einem Bagdader Supermarkt am Montag; Selbstmörder sprengten sich in einem Café in Istanbul am Dienstag in die Luft; ein israelischer Touristenbus im Pyramidenbezirk Giza in Kairo wurde am Wochenende beschossen. Die Verantwortung übernahm stets der IS.

Die Botschaft ist eindeutig: "Wir sind noch immer schlagkräftig." Auch in der irakischen Provinz Anbar wird weiter gekämpft, obwohl die irakische Regierung Ende Dezember Ramadi für befreit erklärte. Entgegen der Jubelmeldungen ist ein Teil der knapp 200.000 Einwohner zählenden Provinzhauptstadt heute noch immer in der Hand von Daesh (IS). Im Norden und Nordosten Ramadis haben sich die Dschihadisten verschanzt und leisten erbitterten Widerstand. Verluste auf beiden Seiten gibt es fast täglich noch. Einige Familien, die von IS-Kämpfern festgehalten worden waren, konnten indes befreit werden. Doch in anderen Stadtteilen, vor allem im Osten, sollen die Dschihadisten weitere Familien als Geiseln genommen haben. Trotzdem ist Ramadi aus den öffentlichen Schlagzeilen heraus, seitdem der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi dorthin flog, sich auf das Dach des Regierungspalastes stellte und die Stadt für befreit erklärte. Nur zu gerne will man an einen endgültigen Sieg über Daesh glauben - in Ramadi und auch anderswo. Vorsicht vor allzu bereitwilligem Wunschdenken ist deshalb geboten.

Zweifelsohne läuft es für den selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi und seine Kämpfer derzeit nicht richtig rund. Das Kalifat schrumpft: Tikrit, Baiji, Sinjar im Irak, Kobane, Dair az-Zor und ein strategisch wichtiger Staudamm in Syrien mussten die Dschihadisten binnen eines Jahres einbüßen. Erobern konnten sie Ramadi, das sie jetzt teilweise wieder verloren haben und Palmyra, die syrische Wüstenstadt. Trotzdem ist der Islamische Staat noch 78.000 Quadratkilometer groß, was etwa der Größe Tschechiens entspricht. Dass Bagdadi & Co unter erheblichen Druck geraten sind, ist allerdings ein offenes Geheimnis. Nicht von ungefähr wird immer wieder über Exekutionen von abtrünnigen Daesh-Kämpfern berichtet und von Durchhalteparolen des Chefs gegenüber seinen Anhängern.

IS verlagert den Kampf

Ein von der irakischen Armee im Kampf um Ramadi gefangen genommener Dschihadist berichtet über die schwindende Kampfeslust seiner Kollegen in Anbar. Die Versorgung der Provinz, die zu 90 Prozent von Daesh kontrolliert wird, ist nicht mehr uneingeschränkt aufrecht zu erhalten. Die Preise der Lebensmittel stiegen in den Wochen der Kämpfe ins nahezu Unermessliche, Treibstoff ist kaum mehr zu bekommen, Wasser wird immer knapper. Auch aus anderen Teilen des Kalifats dringen ähnliche Nachrichten. Das Zusammenspiel der irakischen Armee, den Sunniten- und Schiitenmilizen im Zentrum Iraks, der Peschmerga im Norden mit den Amerikanern und der internationalen Allianz verbessert sich. Die Luft für den Kalifen wird dünner. In dieser misslichen Lage erinnert sich Bagdadi an einen Klassiker arabischer Propaganda und droht in seiner neuesten Videobotschaft Israel. "Wir haben Palästina keine Sekunde vergessen", es werde bald zum Friedhof der Juden. Soll heißen: Wenn wir da, wo wir jetzt sind, Niederlagen erleiden, gehen wir woanders hin. Das hat sich ohnehin in jüngster Zeit gezeigt. Die IS-Terrorzellen auf dem Sinai in Ägypten und in Libyen gewinnen an Bedeutung, Anschläge in Europa nehmen zu. Die Attacke in Istanbul auf eine deutsche Reisegruppe ist hier die neueste Entwicklung.

Wenn auch die Terrormiliz in den letzten Monaten erheblich unter Druck geraten ist, geschwächt ist sie deshalb noch lange nicht. So erfolgte gleichzeitig mit dem Beginn des dritten Angriffs der irakischen Armee auf Ramadi Mitte Dezember ein Angriff von Daesh auf Mossul, um die Gegner dort auszubremsen. Eine IS-Attacke auf Tikrit zeigte den Anspruch der Terrormiliz, die einstmals in ihrer Hand befindliche Heimatstadt Saddam Husseins abermals zurückerobern zu wollen. Doch selbst wenn Daesh aus den Städten und Provinzen des Kalifats vertrieben werden kann, wird der Dschihadismus nicht verschwinden. Neue Extremisten werden auf den IS folgen, so wie Daesh auf Al Kaida gefolgt ist. Einen Vorgeschmack auf künftige Schlachtfelder gibt es bereits. Die Zuspitzung der Spannungen zwischen dem radikal schiitischen Iran und dem nicht weniger radikal sunnitischen Saudi-Arabien bergen einen besorgniserregenden Sprengstoff.