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"Dafür rennen und brennen"

Von Peter K. Wagner

Politik

Bundeskanzler Christian Kern gab sich beim Wahlkampfauftakt der SPÖ in Graz angriffiger als gewohnt.


Graz. Angeschlagen sei die SPÖ, lautete der Befund diverser Polit-Experten in den vergangenen Tagen. Davon ist beim SPÖ-Wahlkampfauftakt in Graz nichts zu merken, die Sympathisanten sind bester Laune. Vor der Stadthalle herrscht reges Treiben, eine Blasmusikkapelle samt Ziehharmonikaspielern ist schon da, die Wahlkampf-Pkw-Flotte auch. Und am Kaffeestand rennt der Schmäh. "Ich hol mir jetzt, was mir zusteht", sagt Mustafa Durmus, Landesvorsitzender der Jungen Generation in der SPÖ Steiermark.

Erst Wels, dann Graz

Überhaupt sind neben der SPÖ-Wahlklientel früherer Tage viele junge Gesichter zu sehen. Und die Jugend glaubt noch an einen guten Wahlausgang. "Wir sind die ganze Kampagne hindurch im Einsatz", erzählt Martin Amschl, Student und einer der vielen Wahlkampfhelfer, der eigentlich in der Weststeiermark um Stimmen kämpft. Nun unterstützt er das landesweite Team. Was genau auf ihn in der Messehalle A der steirischen Landeshauptstadt zukommt, weiß er auch noch nicht. Aber er weiß, dass sich seine Partei nicht umsonst in der zweitgrößten Stadt Österreichs versammelt.

Wie schon bei der Präsentation des "Plan A" in der ehemaligen roten Stadt Wels, in der mittlerweile die FPÖ den Bürgermeister stellt, ist Graz ein schwieriges Pflaster für die SPÖ. Bei der Gemeinderatswahl Anfang des Jahres verlor man den letzten verbliebenen Stadtrat. Bei der Nationalratswahl 2013 landetet man nur auf Platz drei. Hinter der FPÖ und den Grünen. "Graz", sagt Christoph, ein weiterer junger Wahlhelfer, "das ist ein Ort auf den wir einfach nicht vergessen dürfen." Und Martin Amschl hat noch ein Ziel für heute: "Ein Foto mit Michael Häupl."

Der hat ebenso in der ersten Reihe Platz genommen wie die gesamte Ministerriege der SPÖ - mit Ausnahme des verhinderten Verteidigungsministers Hans Peter Doskozil. Auch SP-Granden wie Andreas Schieder oder Doris Bures oder die landespolitischen steirischen Spitzen um Michael Schickhofer haben naturgemäß Platz genommen. Eingepeitscht wird aber von keinem großen Namen der Partei.

Das Jazz-Elektro-Projekt Deladap mit der aus der ORF-Show Starmania bekannten Beate Baumgartner als stimmungsmachende Sängerin betritt nach den Grußworten der Moderatorin die Bühne. Von noch mehr Elektrosound belgeitet, bekommt schließlich der Star des Abends seinen Auftritt. Bundeskanzler Christian Kern schreitet in den Saal, in dem fast alle der 3000 Plätze belegt sind. Angeschlagen wirkt sie wirklich nicht die SPÖ, aber viel anders werden Boxer bei ihren Einläufen vor Kämpfen auch nicht inszeniert. Der Mann, der vor etwas mehr als einem Jahr als großer Hoffnungsträger der Sozialdemokratie in Österreich antrat, zieht noch immer. Menschen jubeln, Standing Ovations und eine Friedensflagge sind zu sehen. "Die Kraft der SPÖ seid ihr alle. Wer immer glaubt, der Wahlkampf ist verloren, dem sagen wir: Er fängt erst richtig an", sagt die Moderation.

Veränderung mit Verantwortung steht auf dem Rednerpult, das Christian Kern bei seinem Auftritt nicht verlässt. Er greift sich ans Herz. Christian Kern ist im Wahlkampf. Und das sagt er wörtlich.

"Wir stehen vor einer Auseinandersetzung und diese Auseinandersetzung wird kein Spaziergang." Er redet lauter und impulsiver als in den vergangenen Monaten und ein bisschen muss er in dieser Rolle erst finden, hat man anfangs das Gefühl. Fast so, als wäre ihm dieses Abkommen von seinem erhabenen, smarten Stil der vergangenen Monate ein bisschen unangenehm. "Manche gehen durchs Land, glauben, sie können sich dieses Land aufteilen und trauern Wolfgang Schüssel und Karl-Heinz Grasser nach. Sie wollen sich wieder dieses Land aufteilen. Sie freuen sich zu früh. Wir werden dafür rennen und dafür brennen. Wir treten am 15. Oktober mit dem Anspruch an, Nummer eins zu werden." Über eine Stunde stimmt Kern seine Partei ein, verteidigt "Holt euch, was euch zusteht" als nicht links oder rechts, sondern Bekenntnis zu Fairness und Gerechtigkeit, wettert einmal mehr über nahezu idente Wirtschaftsprogramm der Konkurrenz von Schwarz und Blau sowie deren unrealistische Einsparungsziele und auch über Dirty Campaigning. "Bei der ersten kritischen Journalistenfrage zu jammern beginnen", fände er "richtig schwach". Es sind auch Seitenhiebe dabei, die tiefer sitzen als man sie vom langjährige Spitzenmanager gewohnt ist.

Als er über die Familienentlastungspläne der neuen Volkspartei spricht, in denen "wohl erst nach Redaktionsschluss aufgefallen" sei, dass auf die alleinerziehenden Mütter vergessen wurde, kann er sich eine abschließende, abfällige Bemerkung nicht verkneifen. "Naja, die Lebenswirklichkeit ist schon ein Hund, aber manches lernt man erst im reiferen Zustand." Der Lohn für die offensichtliche Kritik an den langjährigen schwarzen und nun türkisen Widersacher, dessen Chef Sebastian Kurz er kein einziges Mal namentlich erwähnt, sind Lacher und eine jubelnde Menge.

"Wir sind keine Egoisten, wir sind Teil einer Familie, Teil eines Landes, Teil Europas, Teil der Welt, Teil der Menschheit." Kern beschwört die sozialdemokratischen Werte, bezieht sich immer wieder auf Bruno Kreisky und zeichnet das Bild eines erfolgreichen Österreichs, das erfolgreich bleiben soll.

Anlehnung an Figl

"Es geht um eure Zukunft", sagt der Kanzler dann. Die SPÖ sei die Partei, die nur Dinge verspreche, die auch gehalten werden können. Und dann wieder die Geschichte von ihm, dem Arbeiterkind aus Simmering, der als Erster in der Familie studieren konnte. Es ist der Bogen seiner Rede, es gehe in dieser Kampagne nicht um Kern, es gehe um die Menschen, denen es auch besser gehen soll - vom "österreichischen Traum".

"Ich bitte euch aus tiefer Überzeugung", sagt er zum Abschluss und bezieht sich auch auf Leopold Figl. "Glaubt an unser Österreich. Und glaubt unsere Zukunft." Ehe ein "Freundschaft" folgt, das man je nach Interpretationswillen als überzeugend oder kleinlaut bezeichnen könnte - und es noch ein paar Mal knallt. Auf die Besucher im Grazer Messesaal regnen rote, weiße und goldene Konfetti. Die SPÖ mag nicht gut da stehen in Umfragen, aber möglicherweise ist in Graz noch einmal eine Aufholjagd eingeleitet worden.