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Dagobert Duck könnte helfen

Von Heiner Boberski

Wissen

Wissenschaftstag auf dem Semmering. | Man braucht Geld, die besten Köpfe und Risikobereitschaft. | Semmering. Was braucht Österreichs Wissenschaft? Christoph Kratky, Präsident des Fonds zur Förderung wissenschaftlichen Forschung (FWF), gab am Ende des Wissenschaftstages 2005 der Österreichischen Forschungsgemeinschaft auf dem Semmering über "Wissenschaft in Österreich - Bilanzen und Perspektiven" darauf zunächst eine launige Antwort: Ein Bild von Dagobert Duck in seinem Geldspeicher könnte den wichtigsten Bedarf am besten darstellen. Dann listete Kratky aber mehrere Punkte auf: die besten Köpfe, den besten Nachwuchs, Professionalität, eine solide finanzielle Basis, Chancengleichheit, Kontinuität und Perspektiven, Qualitätssicherung.


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Wie Kratky mit Zahlen belegte, weist Österreich im Vergleich mit dem Ausland eine äußerst geringe Quote an Wissenschaftern auf, nur wenige Uni-Absolventen gelangen in eine wissenschaftliche Laufbahn. Es gebe in Österreich erstklassige Forschung, aber die Basis müsste verbreitert werden. Der globale Wettbewerb um die besten Köpfe werde härter. In Amerika sei der Verlauf einer Karriere "hart, aber klar, in Europa hart, aber unklar, in Österreich vielleicht hart, aber sicher unklar".

Kratky präsentierte die Vergabepraxis des FWF, der im Vergleich mit ähnlichen Institutionen anderer Länder sehr gering dotiert sei und dringend Geld brauche, da die Zahl der geförderten Projekte ständig sinke. Auch sehr positiv bewertete Ansuchen müssen zunehmend abgelehnt werden. Mit weitgehender Zustimmung des Auditoriums sprach sich Kratky dafür aus, dass in Zukunft ein in den nächsten Jahren auf 50 Prozent anzuhebender Anteil der Fördersumme für ein Projekt dem Rektorat der jeweiligen Universität zur sinnvollen Verwendung zufallen sollte, ein in Amerika unter dem Titel "overhead" sehr bewährtes Verfahren, das Professoren, die gute Projekte einreichen, auch als Geldbringer für ihre Universität aufwertet.

Debatten um "Aiast"

Der Wissenschaftstag der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (über dessen Auftakt die "Wiener Zeitung" bereits berichtete) kreiste um Fachthemen und allgemeine Fragen der Wissenschaftsorganisation. Gab Jürgen Mittelstraß, Präsident des Österreichischen Wissenschaftsrates, ein Plädoyer für die neue Exzellenz-Einrichtung "Austrian Institute of Advanced Science and Technology" (Aiast) ab, die er sich nur im Raum Wien vorstellen kann, so nannte es Herbert Mang, Präsident der Akademie der Wissenschaften, "tödlich", sollten die Universitäten bei der Lösung der aktuellen Zugangsprobleme in Österreich nicht zusammenarbeiten.

Heinrich Honsell, Europarechtler an der Universität Zürich, würdigte das hohe Niveau der österreichischen Rechtswissenschaft. Punkto elektronische Datenbanken zum Rechtswesen und zur Urteilspraxis sei man im deutschsprachigen Raum sogar deutlich voran.

Der Quantenphysiker Peter Zoller von der Universität Innsbruck (siehe auch Seite 17) forderte Chancengleichheit und keine automatische Bevorzugung des Aiast. Spitzenforschung sei jedenfalls auch außerhalb des Raums Wien zu finden.

"Der gute Forscher ist das wertvollste Gut der Uni", meinte Zoller und regte an, US-Modelle nicht naiv zu übernehmen, aber von ihnen zu lernen. Dabei nannte er die harte Selektion, die Evaluierung, die Orientierung an Drittmitteln, das Headhunting nach guten Leuten, für die auch eine klare Perspektive ihrer weiteren Karriere bestehe.

Den zahlreichen Zäsuren in der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts - die politischen Umbrüche lösten stets Neuorientierungen unter den Historikern aus - spürte der Göttinger Historiker Hartmut Lehmann nach. Nur wenige Historiker seien über den Dingen gestanden. Lehmann empfahl der österreichischen Geschichtswissenschaft, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, die Schätze in österreichischen Archiven zu erschließen und sich der Erforschung multiethnischer und multikultureller Gesellschaften zu widmen.

Erfolgsstorys

Der Wissenschaftstag 2005 führte positive Vernetzungen von Wissenschaft und Wirtschaft beispielhaft vor Augen. Ingeborg Hochmair-Desoyer, die mit ihrem Mann ab den 70er Jahren am Wiener Institut für Elektrotechnik Implantate zur Hörhilfe entwickelte und 1989 in Tirol die Firma Med-El gründete - das mit 400 Mitarbeitern heute weltweit zweitgrößte Unternehmen auf diesem Gebiet -, schilderte ihren Weg von den Ingenieurwissenschaften zum Unternehmertum.

Zu einer eigenen Firmengruppe, der 1998 gestarteten Lumitech Holding im südlichen Burgenland, führte die Forschung des Grazer Festkörperphysikers Günther Leising, der seine Arbeiten auf dem Gebiet der organischen Elektronik, insbesondere der Leuchtstoffe, vorstellte. Seit 1999 leitet Leising auch das Institut für Nanostrukturierte Materialien und Photonik der Grazer Joanneum Research Forschungsgesellschaft.

Der Wiener Ökonom Egbert Dierker sorgte mit Hinweisen auf internationale Rankings, die für Österreichs Unis nicht gerade Spitzenplätze ergeben, und Mängel in der heimischen Ausbildung für Ernüchterung. In der Volkswirtschaftslehre sei die Bilanz der Wanderungsbewegungen für Österreich negativ. Wer sich als Wissenschafter in Österreich niederlasse, tue das eher wegen der allgemeinen Lebensqualität als wegen der universitären Bedingungen.

Schwerpunkte setzen

Einen Einblick in die Arbeit einer ausländischen Einrichtung der Spitzenforschung gab der deutsche Genetiker Fritz Melchers, der von 1980 bis 2001 das von der Pharmafirma Hoffmann-La Roche finanzierte Basel Institute of Immunology leitete. Dort konzentrierte sich ein Team von nur 50 Wissenschaftern aus aller Welt mit einem relativ geringen Budget ausschließlich auf die Erforschung des Immunsystems und heimste höchste Auszeichnungen - darunter drei Nobelpreise - und wertvolle Patente für den Konzern ein. Melchers empfahl Österreich, bei der neuen Exzellenz-Einrichtung kein Risiko zu scheuen und einen originellen Schwerpunkt zu setzen: "Wenn die Mehrheit sagt: ,Das müsst ihr machen - dann ist etwas faul."