Zum Hauptinhalt springen

Damit sie wissen, was sie wollen

Von Barbara Ottawa

Wirtschaft

Die Idee hinter dem Projekt "Kooperative Mittelschule" (KMS) ist einfach: 10- bis 14-jährige Schülerinnen und Schüler sollen in einer neuartigen Schulform einen möglichst individualisierten Unterricht erfahren, der ihnen helfen soll, ihre Ausbildungslaufbahn möglichst gut zu planen. Im Probelauf an Privatschulen hat sich das Projekt bereits bewährt. Mit diesem Schuljahr startet es an 130 Schulstandorten in Wien.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Die Kooperative Mittelschule ist eine moderne Leistungsschule", bringt Paul Kral, Direktor des Pädagogischen Instituts (PI) der Stadt Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" das Wesen des Schulprojekts auf den Punkt.

Die wesentlichen Merkmale der KMS sind die Kooperation zwischen verschiedenen Schultypen, eine maximale Individualisierung des Unterrichts, fächerübergreifende Lernthemen und eine Methodenvermittlung, erläutert Kral. "Es wird auch die kulturelle Vielfalt der Kinder berücksichtigt."

Die Kooperation zwischen den Schultypen kann auf zwei Ebenen geschehen. Entweder Hauptschulen und AHS kooperieren horizontal, also zwischen den Schulstufen. Dabei kommt es auch zu einem Lehreraustausch zwischen Schulen. Auf vertikaler Ebene wird mit BMHS oder Berufsschulen kooperiert, um für jede Schülerin und jeden Schüler den Übergang möglichst effizient zu gestalten.

Chance für Schüler

Durch die Individualisierung des Unterrichts werde gewährleistet, dass die Talente der Kinder gefördert werden und dass die richtige Entscheidung für die künftige Schullaufbahn getroffen wird, erläutert Kral.

"Den Schülerinnen und Schülern wird ein Bildungszertifikat ausgestellt", erläutert der Pädagoge. Zusammen mit dem Kind und den Eltern werde auch ein Vorschlag über die weitere schulische Laufbahn gegeben. Durch die individuelle Einschätzung werde auch die Gefahr eines Ausbildungsabbruchs verringert.

Für die amtsführende Stadtschulratspräsidentin von Wien, Susanne Brandsteidl ergibt sich durch die KMS noch eine ganz andere Entscheidungserleichterung: Die Eltern und Kinder müssten nicht mehr nach der Volksschule zwischen Hauptschule und AHS wählen. Dabei sei es manchmal zu einer Fehlentscheidung gekommen und die Kinder hätten nach einem Jahr die Schule wieder verlassen müssen, führte Brandsteidl gestern bei einem Pressegespräch aus.

Ein weiterer großer Vorteil sei die Wohnortnähe. "Vor allem in den Bezirken über der Donau haben wir oft Probleme einen AHS-Platz für Kinder zu finden. Dann müssen sie pendeln", erläuterte die Stadtschulratspräsidentin. Durch die KMS würde dieses Problem gelöst.

Umstellung für Lehrer . . .

Als Anbieter von Weiterbildungsprogrammen für Pädagoginnen und Pädagogen haben das PI mit der Einführung der KMS eine ganz spezielle Aufgabe: Den Lehrerinnen und Lehrern, aber auch den Direktorinnen und Direktoren der Schulen müssen oftmals völlig neue Methoden vermittelt werden. Unter den wichtigsten nennt Kral das Lehren und Lernen in heterogenen Gruppen, das fächerübergreifende Arbeiten, das Betreuen von selbst gesteuertem Lernen, die Vermittlung von Berufs- und Bildungslaufbahnorientierung und von sozialen Kompetenzen.- Ganz allgemein muss vor allem Teamwork vermittelt werden, denn durch die verschiedenen Kooperationen müssen Unterrichtsstunden gemeinsam vorbereitet werden.

"Viele Lehrerinnen und Lehrer haben mit diesen Methoden bereits gearbeitet, für einige ist das bereits alltäglich. Andere aber werden hier mit etwas völlig Neuem konfrontiert", schildert der Direktor die Ausgangssituation für die Weiterbildung. Um die ersten 1.200 Lehrkräfte, die über den Sommer geschult wurden, effizient in die Materie einzuführen, wurden schulspezifische Pakete zusammengestellt, mit Informations- und Unterrichtsmaterial - maßgeschneidert. "Die Schulen bzw. die Lehrkräfte können sich auch jederzeit an uns wenden, wenn sie weitere Hilfestellungen benötigen", betont Kral.

. . . und Direktoren

Auch auf die Schulleiterinnen und Schulleiter kommen mit den KMS etliche Neuerungen zu. "Sie brauchen Führungskompetenzen und müssen wissen, wie sie mit ihrem Lehrerteam gut arbeiten können", so der PI-Direktor.

Völlig neu ist auch die enge Kooperation mit anderen Schulen und Schulformen. "Wir hatten Fälle, wo zwei Schulgebäude Wand an Wand gebaut waren, aber die Direktoren erst jetzt durch die Einführung der KMS erstmals miteinander geredet haben", erzählt Kral der "Wiener Zeitung".

Denkanstoß für alle?

Kral glaubt nicht daran, dass die Hauptschulen durch die KMS sterben werden. "Es ist eine Umstrukturierung - nicht nur der Organisationshülse sondern auch der inhaltlichen Qualität".

Für die Wiener Vizepräsidentin Grete Laska ist die Einführung der KMS jedoch nur "ein Schritt in die richtige Richtung", wie sie gestern bei einem Pressegespräch formulierte. Im europäischen Vergleich sei es offensichtlich, dass eine Differenzierung im Bereich der Schulen für 10- bis 14-jährige "kein kluger Schritt" sei. Genau diese Nivellierung ist für Kritiker jedoch der Stein des Anstoßes - genauso wie die Zusatzkosten. Dazu stellte Brandsteidl fest: "Die Kooperativen Mittelschulen brauchen keine zusätzlichen Mittel." Auch PI-Direktor Kral sagt gegenüber der "Wiener Zeitung", dass er nicht glaube, dass das Projekt KMS Mehrkosten verursache.

Die pädagogischen und organisatorischen Vorgaben des Projektes KMS sind im Internet einsehbar unter: http://www.pi-wien.at/kms/modell.htm#ppp