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Dann flogen auch die Wrights

Von Edwin Baumgartner

Wissen

Die Fotografie hilft, die Geschichte der Luftfahrt zu verzerren.


17. Dezember 1903: Nach 12 Sekunden und 37 Metern war alles vorbei. Aber es hat stattgefunden. Zumal der Rekord, scheinbar der erste seiner Art, noch am gleichen Tag gebrochen wurde - und das nicht einmal von einem Konkurrenten, sondern vom eigenen Bruder und Mitkonstrukteur. Also: 12 Sekunden und 37 Meter war Orville Wright mit seinem, nun ja: Flugzeug (und ein fliegendes Zeug war das Ding wohl auch) in der Luft gewesen. Wilbur Wright, dessen Todestag sich dieser Tage zum 100. Mal jährte, scheint der bessere Pilot gewesen zu sein, denn er kam auf 59 Sekunden und 260 Meter.

Man merkt es schon: Da wird ganz genau Buch geführt bei den Brüdern Wright, und die Ergebnisse werden fotografiert. Denn die Wrights sind nicht nur Fahrradmechaniker, sie sind auch Drucker und geben eine von ihnen gegründete Zeitung heraus. Ihre Erfahrung als Journalisten lehrt sie, wie man ein Ereignis dokumentiert - und zwar mit einem Bild. Die Wrights wollen die Ersten sein, sich als Motorflieger der Geschichte einschreiben, auch wenn ihre Methoden unfair sind. Der Erfolg heiligt die Mittel, derer sich die Söhne eines protestantischen Bischofs bedienen. Schließlich: Wer hat das erste flugtüchtige Flugzeug gebaut und ist damit geflogen? - Die Brüder Wright, so glauben die meisten Menschen, denen man diese Frage stellt.

Nur ist die Antwort falsch - und man braucht gar nicht bis Leonardo da Vinci zurückzugehen, der, Allround-Genie, das er nun einmal war, auch Flugapparate entworfen hat. Und dass vor den Wrights bereits geflogen wurde, und zwar von Menschen, nicht von Vögeln, ist unbestritten. Als ob es Brüdern eher im Blut flösse als Einzelkindern, waren es die französischen Brüder Montgolfier, die sich am 4. Juni 1783 in ihrem der Einfachheit halber (oder aus Konstrukteurs-Stolz) "Montgolfière" genannten Heißluftballon in Annonay in die Luft erhoben.

Und dann gab es da noch den Deutschen Otto Lilienthal, der mit einem Gleiter 1891 flog. Lilienthal war zwar Maschinenbauer, aber sein Gleiter war nicht motorisiert. Das dramatische Potenzial seiner Flüge indessen wusste Lilienthal, der auch Theaterstücke verfasste und zeitweise Direktor des Berliner Ostend-Theaters war, sehr wohl zu nutzen. So kam es, wie es kommen musste: Lilienthal sei der Erste gewesen, der mit starren Flügeln geflogen sei.

Was wieder lehrt: Die entsprechende Nachred’ gehört dazu, will man als Erster anerkannt sein. Denn genau genommen war der Deutsche Albrecht Ludwig Berblinger, bekannt als Schneider von Ulm, 1811 wesentlich früher dran als Lilienthal. Dass Berblingers Fluggerät tauglich war, ist heute unbestritten, zum Absturz führten widrige Wetterumstände.

Das Tempo verleiht Flügel

Die Wrights können also nicht den ersten Flug für sich verbuchen, nicht einmal den ersten Flug mit einem Starrflügler, sondern allenfalls den ersten bemannten und gelenkten Flug mit einem motorisierten Apparat. Und nicht einmal das stimmt.

Die Sache mit den starren Flügeln ist wichtig - dass es für den Menschen nur so geht, ist Lilienthal (oder korrekter Berblinger und Lilienthal) zu verdanken. Bis dahin glaubten die Flugpioniere nämlich, man müsse den Flügelschlag der Vögel imitieren. Doch die Sache mit dem Vogelflug hat einen Haken: Beobachtet man einen Vogel, sieht man von seinem Flügelschlag nur auf und ab. Bildet man das als Mensch nach, kommt man nicht vom Fleck, denn beim Flügelschlag nach oben wirken gleich große Kräfte wie beim Flügelschlag nach unten - nur eben in der entgegengesetzten Richtung. Die Kräfte heben einander auf.

Der Vogelflügel ist so gebaut, dass er durch Verwindungen sowohl in der Auf- als auch in der Abwärtsbewegung Auftrieb erzeugt. Der menschliche Arm kann das nicht imitieren. Die Erfindungen, mit denen man die Physik austricksen wollte, etwa Lamellen, die sich bei der Abwärtsbewegung des Flügels schließen und bei der Aufwärtsbewegung öffnen, bewährten sich nicht.

Bei starren Flügeln wird der Auftrieb vor allem durch die Geschwindigkeit erzeugt - im Prinzip kann alles fliegen, wenn nur das Tempo hoch genug ist. Laienhaft gesagt: Je höher das Tempo, desto fester wird die Luft, je fester die Luft, desto besser trägt sie. Sogar ein Lattenzaun fliegt, wenn man ihn genug beschleunigt. Genau diese Idee des Fliegens verbindet sich mit den Brüdern Wright - irrigerweise.

Denn der in den USA lebende gebürtige Deutsche Gustav Weißkopf, der sich in Amerika in Gustave Whitehead umbenannte, ist früher dran. Schon 1899 startet der ausgebildete Maschinenbauer mit einem Motorflugzeug. Dabei legt er eine Meile in acht Meter Höhe zurück - und er nimmt in seinem eleganten Eindecker sogar einen Passagier mit, der den Flug ebenso bezeugt wie die Bruchlandung. Am 14. August 1901 fliegt Weißkopf eine Strecke von 800 Meter und landet sicher. Im selben Jahr gründet er die erste Flugzeugfabrik der Welt, die Flying Machine Factory.

Und wieso richten sich aller Augen auf die Wrights statt auf Weißkopf? - Nun, wie gesagt: Es ist eine Sache der Buchführung, der Dokumentation. Von Weißkopfs Ein-Kilometer-Flügen gibt es Augenzeugenberichte, aber keine Fotos. Der Siebenunddreißig-Meter-Hopser der Wrights hingegen ist im Bild festgehalten. Und ein Bild sagt eben auch in dieser Geschichte, die eigentlich eine Geschichtsverzerrung ist, mehr als tausend Worte.

So ergeht es auch dem Österreicher Wilhelm Kress, der mit seinem Wasserflugzeug am 3. Oktober 1901 vom Wienerwald-Stausee abhebt. Der Wahrheit zuliebe sei gesagt, dass Kress’ Flugversuche aufgrund eines zu schweren Motors dreimal missglücken, und beim vierten Versuch geht die Maschine zu Bruch. Aber abgehoben hatte sie - was leider kein Foto dokumentiert.

Ohne Foto kein Beweis

Die Sache mit dem fehlenden Foto hängt auch dem deutschen Flugpionier Karl Jatho nach, der am 18. August 1903, also vier Monate vor den Wrights, in der Vahrenwalder Heide bei Hannover startet und mit seinem Primitiv-Gerät, das alle bereits bekannten aerodynamischen Prinzipien vernachlässigt, in rund 30 Zentimeter Höhe etwa 20 Meter weit, nun ja, gönnen wir’s ihm: fliegt. Vier Augenzeugen beglaubigen das Ereignis notariell - ein einziger Fotograf hätte für die Gerechtigkeit der Luftfahrtsgeschichte mehr ausgerichtet.

Ihren größten Coup landen die Wrights, die möglicherweise sogar bei Whitehead spioniert, mit Sicherheit aber von seinen Flügen gewusst haben, in der Angelegenheit mit der Smithsonian Institution. Die am 10. August 1846 gegründete Einrichtung dokumentiert unter anderem die Geschichte der Technik. Da ist es klar, dass auch das Gerät des angeblich ersten Motorflugs in die Smithsonian-Sammlung muss. Die Wrights überlassen ihren Flugapparat der eigentlich der Wahrheit verpflichteten Forschungsstätte unter einer Bedingung, die später von den Wright-Erben und der Smithsonian schriftlich fixiert wird: Diese Bedingung lautet, dass es keinen offiziellen Hinweis auf einen früheren Motorflug geben darf. Bis heute legt sich die Smithsonian quer bei allen Versuchen, der Wahrheit in Sachen Weißkopf auf die Spur kommen zu wollen - zweifellos auch, um die Tatsache zu verbergen, über Jahrzehnte der Lüge das Wort geredet zu haben.

Aber in einem Punkt sind die Wrights wirklich die Allerersten: in der Vermarktung der Fliegerei. Patente und Flugvorführungen und Flugzeugfabriken sichern ihnen ein nobles Einkommen. Orville Wright überlebt seinen Bruder um 36 Jahre und stirbt am 30. September 1948 in Dayton (Ohio). Weißkopf muss jahrelang den Triumph der Wrights mitansehen, der ihm zugestanden wäre, und stirbt nahezu vergessen am 10. Oktober 1927.

Das Geschäft mit der Fliegerei hat den Wrights recht gegeben. Aber wir feiern ja auch Christoph Columbus als den Entdecker Amerikas und nicht etwa Bjarne Herjolfsson oder, worüber man, historische Korrektheit vorausgesetzt, allenfalls noch streiten könnte, Leif Eriksson.