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"Dann ist es kein Passivhaus"

Von Bernd Vasari

Politik
Mieter klagen über zehnfach zu hohen Heizwärmebedarf.
© Stanislav Jenis

Vorzeigeprojekt Eurogate: Passivhaus Austria verweigert Wohnblock die Aufnahme in österreichische Passivhaus-Liste.


Wien. Die Passivhaussiedlung mit dem etwas uneindeutigen Namen, Eurogate - direkt übersetzt: Eurotor, gemeint ist vermutlich Tor zu Europa - im 3. Bezirk ist nicht irgendeine gewöhnliche Siedlung in Wien. Sie ist vielmehr ein "Vorzeigeprojekt" der Stadt, wie Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) schon mehrmals betonte. Ein Projekt, "das besten Wohnkomfort mit hohen ökologischen Standards verbindet." Nachforschungen des Stadtratbüros hätten zudem ergeben, dass Eurogate "die größte Passivhaussiedlung der Welt" sei, so der Stadtrat in einem früheren Interview mit der "Wiener Zeitung".

So weit die Theorie. In der Praxis sieht die Lage aber etwas anders aus. Vor allem der Bauplatz sechs des Bauträgers Arwag - an dem die Stadt Wien einen 28,65-prozentigen Anteil über die gemeindeeigene Wien Holding hält - ist nach wie vor weit davon entfernt, seine Passivhaus-Kriterien zu erfüllen.

Bereits im ersten Bestandsjahr des Gebäudes mit 150 Wohnungen war der Wert des Heizwärmebedarfs mit jährlich knapp 37 Kilowattstunden pro Quadratmeter (kWh/m²) um mehr als das Doppelte höher als die für den Passivhaus-Standard vorgeschriebenen maximalen 15 kWh/m² pro Jahr. Das Warmwasser fließt hier nicht in die Berechnung mit hinein. Die "Wiener Zeitung" berichtete.

Als Begründung für den zu hohen Wert hat man laut den Mietern vonseiten der Arwag versichert, dass ein zu hoher Wert bei einem neuen Gebäude nicht ungewöhnlich sei. Das Gebäude sei vom Bau noch ausgekühlt, viele Türen seien in der Einzugsphase offen gewesen. Weiters müsse die Baufeuchte noch austrocknen und die Feinjustierung der Anlage müsste man sich ebenfalls noch vornehmen. Die Mieter selbst können die Anlage nicht steuern.

Sie hofften auf ein besseres Jahr 2013 und wurden wieder enttäuscht. Nicht nur, dass der Wert nicht gesunken ist. Im Gegenteil: Der Wert kletterte sogar auf jährliche 41 kWh/m². Die Jahresabrechnung liegt der "Wiener Zeitung" vor.

30.000 Euro mehr Heizkosten

"Das sind etwa 30.000 Euro mehr Heizkosten pro Jahr, wenn man bedenkt, dass für das Gebäude laut Energieausweis jährlich 4 bis 5 kWh/m² seitens der Arwag angegeben wurden", sagen die Mieter, die nicht namentlich erwähnt werden wollen.

Warum man sich vonseiten des Bauträgers derart verrechnet hat, bleibt den Mietern ein Rätsel. Dass der tatsächliche Heizwärmebedarf in etwa zehnmal so hoch ist, wie im Energieausweis angegeben wurde, heißt aber nicht, dass es in allen Wohnungen unbedingt wärmer geworden ist. So reicht die Heizleistung in den unteren Geschoßen nicht einmal aus, um die Wohnungen im Winter zu wärmen. Nachdem sich die Mieter darüber bei der Arwag beschwert hatten, wurden vom Bauträger um rund 100.000 Euro in 18 Wohnungen elektrische Nachheizregister eingebaut.

Für die Mieter ist dieser Vorgang unverständlich: "Das ist die teuerste Heizart, weil elektrisch. Außerdem haben wir uns für ein Passivhaus entschieden, weil wir ökologisch wohnen wollten." Wie die - durch die E-Heizung - zusätzlichen Kosten abgerechnet werden, wissen die Mieter nicht. Auf Nachfrage bei der Arwag gab es dazu keine Antwort.

Die vom Bauträger angekündigte Feinjustierung der Anlage wurde nach einiger Zeit dann durchgeführt: In den zu warmen Wohnungen wurde die Luftmenge gedrosselt, in den zu kalten Wohnungen erhöht. Zu Verbesserungen führten die Maßnahmen jedoch nicht. "Durch die zusätzliche Luft wurde die Luft trockener und die Anlage ist so laut, dass ich nicht mehr schlafen kann", sagt einer der Mieter. In den Wohnungen, wo der Luftstrom reduziert wurde, erhöhten sich die CO2-
Werte.

Vonseiten der Arwag hält man sich zu den Vorwürfen bedeckt. Nur soviel: "Der Fall liegt bei der Schlichtungsstelle, die sich nach Auswertung bei uns melden wird, welcher Ansicht sie sind", sagt Stefan Hawla.

Für Günter Lang, Chef der Passivhaus Austria, steht eines fest: "Wenn der Heizwärmebedarf nicht unter 15 kWh/m² pro Jahr liegt, dann ist es kein Passivhaus." Auch er kennt die Daten des Bauplatzes. Ob er das Gebäude in die Liste der österreichischen Passivhäuser aufnehmen werde? "Dieses Objekt nehmen wir mit Sicherheit nicht auf."

Baukosten im 1-Prozent-Bereich

In dem Gebäude dürften offensichtlich doch gewisse Einsparungen gegenüber den ursprünglichen Planungen erfolgt sein, die sich nun rächen würden, sagt Lang. "Es ist klar, dass im sozialen Wohnbau unter dem Titel leistbares Wohnen auf jeden Cent geschaut wird und man da scheinbar von Haus aus Kosten einsparen möchte." Die Baukosten wären aber nicht einmal um ein Prozent höher gewesen.

Um eventuelle Missstände bereits im Vorhinein zu verhindern, fordert er, dass Förderungsgelder erst nach der Vorlage der Energierechnungen der ersten drei Jahre ausbezahlt werden sollen. "Das alleine würde zu einer gewaltigen Qualitätssteigerung führen."

Für das Passivhaus-Image in Österreich sieht Günter Lang keinen Schaden. Denn schließlich sei es ja kein Passivhaus. Und weiter: "Es bestätigt uns aber umso mehr, die Qualität auch einzufordern, damit sie dann auch erreicht wird und nicht nur behauptet wird, dass ein Gebäude gewisse Standards hat. Wir haben tausende Beispiele, die bestens funktionieren."

Im Büro des Wohnbaustadtrats Michael Ludwig werde man sich das Problem genau ansehen, heißt es: "Wir hatten vom Jahr 2012 die Kenntnis, dass der Wert zu hoch ist. Der Bauträger hatte daraufhin zugesichert, dass alles in Ordnung kommen würde." Darüber, dass der Wert nun 2013 sogar höher ausgefallen sei, wusste man bis dato aber noch nichts.

Mit knapp 40 Millionen Euro unterstützte die Stadt Wien das gesamte Projekt Eurogate (Gesamtbaukosten: 103 Millionen Euro). Das Arwag-Gebäude wurde zusätzlich mit etwa 800.000 Euro gefördert, "unter der Voraussetzung, dass das Bauvorhaben in der energetischen Qualität Passivhausstandard (inklusive Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung) hergestellt wird." Das steht im Schreiben zur Förderung der zuständigen MA 50 (Wohnbauförderung).

Im Büro von Ludwig heißt es dazu: "Wenn die Förderbestimmungen nicht erfüllt werden, dann müsste auch die Förderung zurückgezahlt werden. Und zwar die komplette."