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"Dann stech ich mit der Aids-Nadel"

Von Ramit Plushnick-Masti

Politik

Als israelische Soldaten Donnerstag in den Kindergarten eindringen, zieht eine radikale Abzugsgegnerin plötzlich eine Nadel hervor. "Sie ist mit dem Aids-Virus verseucht", ruft sie und droht, die Soldaten zu stechen. Diese verlassen darauf den Gruppenraum der Gaza-Siedlung Kfar Darom. Stattdessen rücken Spezialkräfte an. Wenige Minuten später wird die Frau mit einem Arzt an ihrer Seite abgeführt.


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Es handelt sich fast ausschließlich um Ultranationalisten, die zum Protest gegen die Evakuierung der Gaza-Siedlungen aus dem Westjordanland angereist sind. Viele haben ihre kleinen Kinder dabei, die sich verschreckt an ihre Eltern klammern. "Wir sind aus Israel gekommen, um in der Schlacht zu helfen", sagt die 26-jährige Shawi Healer. "Wir bleiben, so lange es geht." Sie werde sich den Soldaten aber nicht gewaltsam widersetzen, schließlich sei sie schwanger.

Szenen wie diese spielen sich am zweiten Tag der Zwangsräumung jüdischer Siedlungen im Gaza-Streifen immer wieder ab. In Netzer Hasani werden die Soldaten von schwarzen Rauchwolken empfangen. Die Menschen dort haben Barrikaden aus Mülleimern und Autoreifen in Brand gesetzt, um die Räumung zu blockieren. Dennoch rücken hunderte Soldaten ein, ein Feuerwehrauto löscht die gewaltige Flamme. Die Siedler bewerfen den Wagen mit Eiern und Farbbeuteln. Als sie von den Soldaten mit Megafonen aufgerufen werden, in ihre Häuser zurückzukehren, gehorchen die meisten.

Es ist weniger der aktive Widerstand der Siedler, mehr der psychologische Druck, der den Sicherheitskräften zu schaffen macht. "Wir wollen, dass sie weinen, damit sie nie wieder so etwas Schreckliches machen", ruft eine Frau. Tatsächlich haben einige Soldaten Tränen in den Augen, und sie werden von den Siedlern in den Arm genommen. In Kfar Darom verweigert ein Soldat plötzlich die Befehle, als eine Religionsschule geräumt werden soll. Er wird rasch abgeführt.

In der Siedlung in der Mitte des Gaza-Streifens ist der Widerstand besonders groß. Dutzende Siedler und Abzugsgegner aus Israel haben sich in der Synagoge verschanzt, einige verbarrikadierten sich auf dem Dach hinter Stacheldraht. Trotz des passiven Widerstands soll die Räumung aller 21 Siedlungen schon bis Dienstag nächster Woche abgeschlossen werden. Die Militäraktion komme schneller voran als erwartet, sagte am Donnerstag ein Regierungssprecher im Anschluss an Kabinettsberatungen. Bis zum Donnerstagmittag wurden elf Siedlungen geräumt.

Bereits der erste Tag der Militäraktion wurde von Protesten, passivem Widerstand und vereinzelten Zwischenfällen begleitet.

Mit besonders zwiespältigen Gefühlen muss einer der ranghöchsten israelischen Generäle, Ifta Ron Tal kämpfen, der als Kommandant der Landstreitkräfte die Evakuierung in Kfar Darom koordinieren muss. Sein Sohn, seine Schwiegertochter und sein Enkel gehören zu den radikalen Abzugsgegnern, die sich im Siedlungsaußenposten Shirat Hayam direkt an der Küste verschanzt haben. AP