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Darwin hätte seine helle Freude

Von Engelbert Washietl

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Der Autor ist Vorsitzender der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor Wirtschaftsblatt, Presse, und Salzburger Nachrichten.

Um das Charles-Darwin-Gedenkjahr ist es bereits zur Halbzeit sehr ruhig geworden, zumindest in der öffentlichen Berichterstattung. Ein neuer Anlauf kann nicht schaden.


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Die Entwicklung der menschlichen Werkzeuge vom Feuerstein und der Holzkeule bis zum Laptop ging, gemessen an kosmischen Zeiträumen, in Windeseile vor sich. Was sind schon eine oder zwei Millionen Jahre im Verhältnis zu dem mit viereinhalb Milliarden Jahren angenommenen Erdzeitalter?

In ihrer stürmischen Entwicklung im Kampf mit der feindseligen Umwelt legen sich die Menschen gerne ein paar Leitsätze zurecht, sie erleichtern das Fortkommen. Manchmal klingen sie sehr gescheit, manchmal wie Bauernregeln. Ein gescheiter Satz ist etwa 2000 Jahre alt oder auch älter, wer weiß das schon. Überliefert wurde er von den Römern: Sapiens omnia sua secum portat - Der Weise trägt all das Seine mit sich.

Wer darauf vertraut, kommt möglicherweise schon ein gutes Stück weiter, doch wird das Zitat dem evolutionären Schwung nicht mehr ganz gerecht. Der mit Daten, Tabellen, Fotos und Videos aller Art vollgestopfte Laptop, dessen Inhalte die legendäre Bibliothek von Alexandria in den Schatten stellen würden, ist zumindest eine Auslagerung aus dem Gehirn. Immerhin liegt das gesammelte Material aber noch auf dem Arbeitsplatz.

Aber allein schon der Internetanschluss vertausendfacht den Handlungsspielraum und schiebt ihn weit weg vom eigenen Körper. Man holt Partikel aus dem Universum herein, lässt sie aber auch wieder los und surft zum nächsten Sternenhaufen des Interesses. Jene Inhalte, mit denen man den PC nicht belasten will, schiebt man in die Online-Datenbank, also irgendwo hinaus in den weiten Cyberspace, wo es entweder vergessen wird oder auf Knopfdruck erneut abgerufen werden kann. Auch die alte Weisheit, wonach "zu wissen, wo etwas steht, die Hälfte des Wissens" ist, erfährt ein Update mit neuem Sinn. Zu wissen, wo etwas abgerufen werden kann - bei Wikipedia etwa oder bei Google - bedeutet vielen Zeitgenossen sowieso schon das ganze Wissen.

Zwei Nachrichten deuten darauf hin, dass die Auslagerung unserer Sapientia unentwegt fortschreitet. Nach dem Absturz der Air-France-Maschine bei Brasilien und der vergeblichen Suche nach dem Flugschreiber schlugen Experten vor, das Prinzip der Blackbox durch das von Satelliten gebildete Kommunikationsnetz zu ersetzen: Statt die Flugdaten im Flugzeug mitzuführen, schickt man sie in ausgelagerte Datenbanken. Das hätte den Vorteil, dass eine Unglücksmaschine ihre letzten Aufzeichnungen nicht auf den Meeresgrund mitnimmt.

Google kündigte das Betriebssystem "Chrome OS" an, zunächst eher für die kleinen Netbooks gedacht, jedenfalls aber als Konkurrenz zum Marktbeherrscher Microsoft. Die genial klingende Idee dabei: Viele umständliche Leistungen des Betriebssystems werden nicht mehr im Computer vollbracht, sondern im Internet, dem jederzeit dienstbaren Nirgendwo der modernen Kommunikation. Auch das ist eine markante Erweiterung unseres Handlungsraums in Richtung

der Unendlichkeit. Der am 12. Februar 1809 geborene Charles Darwin hätte seine helle Freude daran.

Wie bei jedem dieser Schritte, auch wenn man sie unter "Fortschritt" subsumiert, gibt es freilich Nachteile und Gefahren. Irgendwie müssen die individuell ausgelagerten Schätze an Wissen und Fähigkeiten ja auch verwaltet werden. Google lebt davon, zu den aufbewahrten Daten einträgliche Werbeslogans zu drehen. Das ist ärgerlich genug und verdächtig. Denkt man freilich an die Möglichkeit, die gesamte Menschheit auszuspionieren und zu überwachen, dann ist die Werbung noch die geringste Sorge.