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Das Beschwören der Geschichte: Mit Konfuzius will KP ihre Macht legitimieren

Von Klaus Huhold

Politik

Politik und Auftreten der Kommunisten erinnern immer wieder an Kaiserreiche.


Peking/Wien. Ganz oben wollte er anklopfen, ganz unten ist er gelandet: Chinas ehemaliger volksnaher Politstar Bo Xilai träumte davon, die Kommunistische Partei einmal anzuführen. Doch am Donnerstag wird beim Parteikongress der viel unscheinbarere Xi Jinping als künftiger KP-Generalsekretär und Präsident Chinas vorgestellt werden, Li Keqiang wird Premier. Bo, der ehemals mächtige Parteichef der Metropole Chongqing, ist mittlerweile ein Ausgestoßener, dem strafrechtliche Verfolgung droht. Seine Frau hatte gestanden, den britischen Geschäftsmann Neil Heywood in Chongqing vergiftet zu haben. Bo muss sich vielleicht noch vor Gericht gegen den Vorwurf wehren, dass er das Verbrechen vertuschen wollte.

Ausländische Medien sprachen davon, dass Bo im Vorfeld des Parteikongresses Opfer eines Fraktionskampfes innerhalb der KP wurde. Tatsächlich erinnert der Vorfall an Palastintrigen an früheren chinesischen Kaiserhöfen, als die Eunuchen und Beamten ständig Ränke schmiedeten. Doch warum Bo derart in Ungnade fiel, ob er wegen der Verbrechen seiner Familie oder aufgrund politischer Intrigen verstoßen wurde, kann nicht ganz beantwortet werden. Denn wie innerhalb der Führungsspitze der KP Entscheidungen fallen, bleibt in den Besprechungszimmern der Staatspartei verborgen.

Freilich achten auch westliche Parteien darauf, dass viele Interna nicht nach außen dringen. Doch von einer derartigen Geheimniskrämerei, wie sie Chinas KP betreibt, sind sie weit entfernt. Die chinesische Politelite tagt oft abgeschottet wie einst die kaiserlichen Beamten in Pekings Verbotener Stadt, die die Bevölkerung nicht betreten durfte.

Nicht nur damit weckt die KP Assoziationen zur Vergangenheit. Auf der symbolischen Ebene schloss die KP von Anfang an immer wieder bewusst an der 2000-jährigen Geschichte der Kaiserreiche an. "Die chinesische Regierung hat schon unter Mao Zedong ein Zeichen gesetzt, indem sie die oberste Führungsspitze in einen Palast neben den Kaiserpalast gesetzt hat", sagt der Sinologe Hans van Ess von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. "Das Bild von Mao hängt ja auch am Kaiserpalast, er blickt ganz symbolisch auf den Platz des Himmlischen Friedens. Die Kommunistische Partei hat von Anfang an versucht, da Parallelen zu ziehen."

Filme und Comichefte voller historischer Themen

Zudem hat Mao stets alte literarische Werke zitiert. Er stieß damit bei seinen Landsleuten auf offene Ohren. China sei - wie viele ostasiatische Staaten -ein Land, dessen Bevölkerung wesentlich stärker historisch denkt, als dies in den meisten europäischen Staaten der Fall ist, sagt Van Ess. "Insofern sind traditionelle, literarische Werke und traditionelles Wissen viel stärker verbreitet." So liegt etwa "Die Geschichte der drei Reiche" des im 14. Jahrhundert lebenden Autors Luo Guanzhong in fast jeder Buchhandlung auf. Der Roman erzählt von Staatsaffären, Kriegslisten und Schlachten, erzählt vom Untergang der östlichen Han-Dynastie im zweiten Jahrhundert. Die Leser begegnen aufrechten Fürsten genauso wie boshaften Intriganten, und diese dienen für Vergleiche mit der Gegenwart.

Auch in Computerspielen, Kinofilmen oder Comics werden ständig historische Themen verarbeitet. Dadurch erfreute sich vor ein paar Jahren nach einer Fernsehserie plötzlich der im 18. Jahrhundert herrschende Kaiser Yung-cheng großer Beliebtheit. Er wurde als unbestechlicher Herrscher dargestellt, der hart gegen die Korruption durchgriff. Der längst verstorbene Imperator löste damit Sehnsüchte für die Gegenwart aus: Denn die Korruption der hohen Parteikader ist eines der größten Probleme im gegenwärtigen China.

Welche historische Gestalt als Bezugsperson für die Gegenwart gilt, unterliegt aber Schwankungen. Konfuzius war während Maos Kulturrevolution in den 1960er und 70er Jahren noch verfemt, er galt als Symbolfigur des feudalen China, und die revolutionären Kampfverbände zerstörten unzählige konfuzianische Tempel. Heute ist der Gelehrte, der im 5. Jahrhundert vor Christus wirkte, auf Geheiß der Partei wieder in die Schulbücher und Parteitagsreden zurückgekehrt.

Konfuzius, der als Beamter und Wanderlehrer tätig war, entwickelte eine am Alltag ausgerichtete Lehre. Diese befasste sich etwa mit Pflichten, Moral, Wegen zur Weisheit, aber auch der idealen Regierungsform. Dabei verlangte er Respekt vor Autoritäten - was der KP natürlich entgegenkommt. Gleichzeitig forderte der Philosoph aber, dass die Herrschenden ihren Untertanen als moralisches Vorbild dienen.

Harmonische Gesellschaft statt Klassenkampf

Auf Basis des Konfuzianismus hat der nun am Parteitag scheidende Parteichef Hu Jintao während seiner Amtszeit das Konzept der harmonischen Gesellschaft ausgerufen. Es soll den Klassenkampf ersetzen - just in dem Moment, in dem man in China immer mehr von sozialen Klassen sprechen kann und die Unruhen deshalb zunehmen. Denn durch die wirtschaftlichen Reformen sind zwar einzelne Familien unermesslich reich geworden, und es bildete sich eine Mittelschicht heraus. Doch gleichzeitig ging die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinander. Das Konzept der harmonischen Gesellschaft diene dazu, "die aufbrechende Gegensätze, die die chinesische Gesellschaft derzeit kennzeichnen, zu übertünchen", sagt Van Ess. Der Wanderarbeiter, der Zwölf-Stunden-Schichten am Fließband schiebt, und der Ferrari fahrende Unternehmer sollen sich so unter dem Dach des Konfuzianismus und der KP vereint finden.

Zudem ist die neuerliche Beschwörung des Konfuzianismus, der teilweise schon während der Kaiserreiche zur Staatsphilosophie erkoren wurde, auch eine Selbstvergewisserung der eigenen Traditionen. China wolle sich dadurch vom Westen abheben und seinen eigenen Weg gehen, so Van Ess. Aber der Rückgriff auf den Philosophen hält laut dem Autor des Buches "Der Konfuzianismus" auch eine Botschaft für das Ausland bereit. "Es wird damit suggeriert, dass sich der chinesische Aufstieg in Harmonie und nicht in aggressiver Form vollziehen wird."

Generell betonen die Machthaber in Peking gerne, dass China immer eine friedliche Macht war, und geizen dabei nicht mit Beispielen. Genannt wird etwa Admiral Zheng He, der Anfang des 15. Jahrhunderts bis an die Küste Ostafrikas segelte. Im Gegensatz zu den Europäern brachte er aber keine Sklaven, sondern nur eine Giraffe in seine Heimat mit.

Dem halten aber viele Historiker entgegen, dass sehr wohl auch einige Kaiserreiche einen militärischen Expansiondrang hatten. Und auf Länder der Umgebung wirkt das derzeitige Verhalten Chinas ohnehin großmannsüchtig. Vietnam etwa befindet sich, wie viele andere Staaten, gerade in einem Territorialstreit mit Peking um rohstoffreiche Seegebiete im Südchinesischen Meer. Nationalistische Proteste in Peking erinnern die Vietnamesen daran, dass sie jahrhundertelang von China besetzt waren.

Welchen Weg Chinas zukünftige Führung gehen, welcher Konzepte sie sich bedienen wird, ist unklar. Die Liaison der KP mit dem Konfuzianismus ist schon ziemlich vorangeschritten, so wurde die ganze Welt mit Konfuzius-Instituten, in denen chinesische Sprache und Kultur gelehrt werden, überzogen. Gleichzeitig gibt es aber laut Van Ess in China einflussreiche Persönlichkeiten, die die Rückbesinnung auf den Konfuzianismus für nicht zielführend halten.

Denkmal von Konfuzius ist plötzlich verschwunden

Dass der Philosoph aus alten Zeiten heute nicht unumstritten ist, illustriert eine Anekdote aus Peking. Im Frühling 2011 wurde dort eine neun Meter hohe Konfuzius-Statue am Platz des Himmlischen Friedens errichtet, sozusagen direkt unter der Nase von Mao, der dort ja als Bildnis prangt. Doch plötzlich verschwand die Konfuzius-Statue in einem Innenhof des Nationalmuseums. Ob es deshalb innerhalb der Partei heftige Streitigkeiten gab, ist aber nicht bekannt. Denn Politik wird in China seit Jahrtausenden hinter hohen Palastmauern betrieben.