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"Das Bildungssystem ist nicht zukunftsfit"

Von Petra Tempfer

Politik

Laut Rechnungshof reichen die Maßnahmen der Bildungsreform für eine Verbesserung des Schulsystems nicht aus.


Wien. Österreichs Schulsystem gehört reformiert, novelliert, revolutioniert: Ob der Initiator des Bildungsvolksbegehrens 2011, Hannes Androsch, die Sozialpartner oder die Industriellenvereinigung, die 2014 einen Vorschlag für ein komplett neues Schul- und Bildungssystem präsentierte - sie alle bezweifeln massiv, dass das derzeitige System Zukunft hat.

An den Bildungsausgaben scheint es allerdings nicht zu hapern. Denn diese sind von 2010 bis 2014 um 13,5 Prozent gestiegen (der Ausgabenanstieg für den gesamten Bundeshaushalt betrug 10,9 Prozent). Und das, während die Schülerzahlen um vier Prozent schrumpften, sagte der Präsident des Rechnungshofes (RH), Josef Moser, am Mittwoch.

Schulgesetze aus 1962

Vielmehr sei es das chaotische Bildungssystem selbst, das Moser für "nicht zukunftsfit" hält. Es sei ein System mit unzähligen Playern auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene -das zeige sich allein daran, dass der RH seit 2004 mehr als 60 Prüfungen im Bildungsbereich durchführen musste. "Dadurch ist es nicht möglich, dass das Geld auch bei den Schülern ankommt", so Moser. In einem neuen Bildungspositionspapier, einer Art Best-of-Zusammenstellung dieser mehr als 60 Prüfungen, listet der RH nun die Problembereiche auf. Es sind jene Bereiche, bei denen seiner Ansicht nach weder die gesetzten noch geplanten Maßnahmen im Zuge der Bildungsreform, die im November des Vorjahres im Ministerrat beschlossen worden ist, für eine Verbesserung reichen.

Einen prominenten Platz hat darin das Thema Schulverwaltung. "Die derzeitige Schulgesetzgebung stammt aus dem Jahr 1962 und ist nicht mehr zeitgemäß", heißt es zum Beispiel darin. Doppelgleisigkeiten seien die Folge. In Oberösterreich seien 20 Behörden für die Schulverwaltung zuständig, in Tirol sogar 21. Zudem zersplitterten die Kompetenzen, sagte Moser. An Pflichtschulen etwa müssten die Gemeinden eine Schulsekretärin oder einen Schulsekretär finanzieren, während die Lehrer vom Bund bezahlt werden. "Daher sagt der Schulerhalter, der Lehrer soll die Verwaltung machen." Das relativiere die grundsätzlich positive Situation, dass in Österreich relativ wenige Schüler auf einen Lehrer kommen und dieser eine geringe Unterrichtsverpflichtung habe.

Dieses Problem werde auch bei der Bildungsreform nicht angegangen. Diese sieht zwar vor, neun Bildungsdirektionen in den Bundesländern einzurichten, in denen die Verwaltung aller Lehrer künftig gebündelt werden sollen - tatsächlich führten diese den derzeitigen Zustand aber nur weiter, so Moser. "Das ist eine Fortschreibung des Modells Stadtschulrat für Wien oder Landesschulrat Oberösterreich, nur schreibt man eben Bildungsdirektion darüber. Aber man ist nicht in der Lage, klare Verantwortlichkeiten festzulegen."

Das Bildungsministerium verweist auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" dennoch auf die Bildungsreform - die sich ja noch in Umsetzung befinde und genau diese Punkte behandeln werde. Sie sei "gut auf Schiene", heißt es.

Aber auch das Modell der Neuen Mittelschule, das nach langwierigen Verhandlungen im Schuljahr 2013/14 endlich umgesetzt wurde, führte laut Moser zu noch mehr Chaos - zum Beispiel, was die Bezahlung der Lehrer angeht. Denn die unterrichtenden AHS-Lehrer, die der Bund bezahlt, erhalten für weniger Stunden mehr Geld als die dort arbeitenden Landeslehrer. Das neue Lehrerdienstrecht, das höhere Anfangsgehälter für Junglehrer mit sich bringt, gilt erst ab 2019/20. Neu eintretende Lehrer können schon jetzt zwischen altem und neuem Dienstrecht wählen.

Schulautonomie und Zuschüsse

Geht es nach dem Bildungsexperten Stefan Hopmann sollte man Lehrer daher nicht nach Ausbildung, sondern nach Aufgaben bezahlen, wie es etwa in Norwegen gehandhabt werde. Und zwar schon seit den 90ern. "Die Umstellung tat anfangs furchtbar weh", so Hopmann zur "Wiener Zeitung", letztendlich sei es aber die gerechtere Variante, "wenn man fürs Nichtstun nicht genauso viel bekommt wie für Engagement". Essenziell sei allerdings, dass unabhängige Schulausschüsse, bei denen kein Eigeninteresse dahintersteckt, die Höhe der Zuschüsse der einzelnen Lehrer regeln.

Der Schlüssel dazu sei die Schulautonomie. In den skandinavischen Ländern ist diese seit jeher Usus. Österreichs Bildungsreform sieht ebenfalls Maßnahmen zu deren Ausbau vor - Verhandlungen darüber sind bisher aber gescheitert. Warum? "Weil eine pauschale Angst davor besteht, Verantwortung abzugeben", meint Hopmann.

Androsch übrigens, der auch für eine Vereinfachung der Schulorganisation durch Schulautonomie eintritt, plädiert dafür, nicht Politiker miteinander verhandeln zu lassen. "Da ist bisher nichts herausgekommen." Stattdessen sollten Experten Lösungen erarbeiten und dann zwei Optionen auf den Tisch legen. "Und daraus sollen sich die Amtsträger für einen entscheiden."