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Das BIP ist nicht die ganze Wahrheit: Die Suche nach einem neuen Maßstab

Von Regine Bohrn

Analysen

Das BIP: Seit Jahrzehnten gilt das Bruttoinlandsprodukt (vor allem das BIP pro Kopf) als Gradmesser für den Wohlstand einer Volkswirtschaft. Erstmals berechnet wurde es in den USA während der Großen Depression in den 1930er Jahren, und seitdem ist es die Kennziffer für die wirtschaftliche Macht einer Nation. In den vergangenen Jahren regte sich aber Kritik, ob die nackte Addition aller hergestellten Waren und Dienstleistungen die alleinige Maßzahl für Wohlstand und Lebensqualität sein kann und sollte. Bereits 1968 meinte Robert Kennedy, der jüngere Bruder des ehemaligen US-Präsidenten: "Das BIP misst alles - außer das, wofür es sich zu leben lohnt."

So profitiert das BIP zwar von Unfällen und Naturkatastrophen, weil diese den Krankenhäusern und Aufräumdiensten Arbeit bringen, aber es ignoriert die unentgeltliche Leistung, die Personen erbringen. Menschen, die also daheim ihre Kinder betreuen oder sich um ältere Verwandte kümmern, scheinen ebenso wenig im BIP auf wie Menschen, die sich in ihrer Freizeit beim Roten Kreuz oder bei der Rettung engagieren oder eine Open-Source-Software programmieren.

Das BIP zeigt zudem auch nicht auf, wenn es in einem Land wegen Verteilungsfehlern zur sozialen Verwerfung kommt. So kann es sein, dass das BIP wächst und dennoch Teile der Bevölkerung ärmer werden, weil das Wachstum nur einer bestimmten Gruppe zugute kommt.

Ein weiteres Manko des vermeintlichen Wohlstandsindikators ist es, dass die ökologische Nachhaltigkeit ausgeblendet wird. Wenn eine wasserreiche Nation etwa ihre gesamten Seen leerfischt und die Fische verkauft, steigert das zwar das BIP, aber die ökologischen Folgen können schwerwiegende Konsequenzen für die Bevölkerung und das Land haben. Die gesamte Wahrheit, wie es im Inneren einer Volkswirtschaft aussieht, wird im BIP also nie abgebildet.

Aus all diesen Gründen mehrten sich in der Vergangenheit Stimmen, das BIP um soziale und ökologische Indikatoren zu ergänzen. Die Diskussion wurde bereits vor mehr als 30 Jahren vom Zaun gebrochen, als der Club of Rome die Grenzen des Wachstums thematisierte. Da bis jetzt allerdings noch keine Lösung gefunden wurde, haben sich einige Organisationen inzwischen selbst etwas einfallen lassen. So berücksichtigt etwa die Weltbank bei der Berechnung von Wohlstand die sozialen und ökologischen Aspekte, während Umweltorganisationen den "ökologischen Fußabdruck" ins Leben gerufen haben, der von einigen Behörden bereits als Messlatte für den ökologischen Fortschritt anerkannt wird.

Obwohl es bisher noch zu keiner Lösung gekommen ist, sind die Chancen dafür aber größer denn je. Denn auch Teile der Bevölkerung wünschen sich laut Umfragen, dass soziale und ökologische Aspekte bei der Messung des Fortschritts beachtet werden.