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Das Desinteresse hat Folgen für den Rest der Welt

Von Walter Hämmerle

Politik

Korrupte Eliten, organisierte Kriminalität, Massenarmut und ein historisch ohnehin schwacher und von den Wirtschaftskrisen der vergangenen Jahre nun massiv in seiner Existenz bedrohter Mittelstand: Die geballten Folgen dieses explosiven Gemischs reichen weit über Lateinamerika hinaus.


Die 33 Staaten südlich der USA sind alles andere als eine homogene Region. Sie bilden zwar einen Kulturraum mit einigen gemeinsamen historischen Erfahrungen, von gemeinsamer Identität kann jedoch keine Rede sein. Vor allem die Bevölkerungszusammensetzung und das Wohlstandsniveau unterscheiden sich teilweise markant.

Mexiko, Zentralamerika und die Karibik weisen traditionell eine starke Bindung an den großen nördlichen Nachbar, die USA, auf. Die Andenregion mit Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Bolivien und Peru befindet sich aus unterschiedlichen Gründen seit Jahren in einer Phase der Desintegration.

Die zweite Region, der Cono Sur mit den Ländern Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay und Uruguay galt jahrelang als "die" Hoffnungsregion Südamerikas. Mit der Schaffung des MERCOSUR (Mercado Común del Sur) 1991 gelangen zeitweilig tatsächlich beachtliche wirtschaftliche und soziale Fortschritte. Hartnäckige Finanzkrisen und zahllose politische Pendelschläge zwischen ganz weit links und ebenso weit rechts haben jedoch diese längst wieder zunichte gemacht und die einst vielversprechende Region in Depression gestürzt.

Die eigenwillige politische Kultur der Region will es, dass die meisten Regierungen zwar mit demokratischen Mitteln an die Macht gelangen, diese dann jedoch oftmals autoritär ausüben. Dass sich diese Regeln nicht an das links-rechts-Schema halten, beweist dieser Tage eindrucksvoll Venezuelas Präsident Hugo Chavez.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die mitunter angegangenen Gesellschafts- und Wirtschaftsreformen keinen nachhaltigen Erfolg erzielen konnten. Wirtschaftsdaten von teilweise apokalyptischer Aussagekraft belegen dies. Armut ist daher noch immer ein Massenphänomen. Die 'soziale Schere' und das Wohlstandsgefälle könnten auf engstem Raum kaum drastischer sein.

Der Teufelskreislauf, in dem weite Teile Lateinamerikas gefangen sind, ist jedoch nicht allein von regionaler Bedeutung. Sowohl der reiche Norden des Kontinents als auch Europa werden die Folgen politisch und wirtschaftlich schmerzhaft zu spüren bekommen. Die in diesem Zusammenhang immer wieder angeführte Drogenkriminalität ist dabei nur ein Aspekt. Gravierender ist das Abdriften eines ganzen Subkontinents in die politische, wirtschaftliche und soziale Bedeutungslosigkeit. Daran wird auch eine von Sozialromantik inspirierte Politrhetorik der "Anti-Globalisierung" nichts ändern.

Die Karte ist http://www.lib.utexas.edu

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