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Das Dilemma der Energiewende

Von Eva Stanzl

Wissen
Klima-Paradies: Das kleine Rathlin Island will binnen weniger JahreCO2-neutral sein.
© wiki commons

Die Hälfte der Treibhausgase wird von Infrastrukturprojekten verursacht. Und die wiederum bringen Wachstum.


Rathlin wurde erst 2007 an das nordirische Elektrizitätsnetz angeschlossen. Bis dahin hatte die Insel Strom mit knatternden Wind-Turbinen und veralteten Diesel-Generatoren erzeugt. Jetzt will das 14-Quadratkilometer-Eiland nördlich der irischen Küste Vorreiter im Klimaschutz werden und mit Wind- und Wassertechnologien seinen eigenen, grünen Strom erzeugen.

"Momentan heizen wir mit Öl, fahren mit Diesel und Benzin, kochen mit Gas und werden von Fähren mit Gütern versorgt", sagte Michael Cecil von der lokalen Entwicklungsbehörde kürzlich zur britischen BBC: "All diese Treibstoffe erzeugen Kohlendioxid und andere Gase, die die Atmosphäre verschmutzen. Wir möchten bis Ende des Jahrzehnts CO2-neutral sein." Im ersten Schritt würden öffentliche Elektroautos und 20 E-Bikes für die Inselbewohner angeschafft, im zweiten eine Machbarkeitsstudie durchgeführt, im dritten kommunale Windturbinen, Sonnenpaneele und Wasserkrafteinheiten angeschafft. "Wir wollen schützen, was die Natur hier zu bieten hat", führt Cecil aus.

Im Großen wie im Kleinen?

Die 150 Einwohner von Rathlin Island machen im Kleinen vor, wie die Energiewende laufen könnte. An sich sollte die ganze Welt seinem Beispiel entschlossen folgen und hätte dies schon lange tun sollen. Seit Jahrzehnten warnen Forscher weltweit vor den katastrophalen Folgen des Klimawandels.

Laut dem jüngsten Bericht des Weltklimarats ist die Konzentration von Kohlendioxid, Methan und Lachgas noch stärker gestiegen als angenommen. Das hat zur Folge, dass die durchschnittliche globale Temperatur von 2011 bis 2020 um 1,09 Grad Celsius höher war als zu Beginn der industriellen Revolution 1850. Im Jahr 2019 war der Gehalt von CO2 in der Atmosphäre höher als jemals in den zwei Millionen Jahren davor. Als Folge geht das Meereis in der Arktis weiter zurück, schmelzen die Gletscher, steigt der Meeresspiegel und gibt es immer mehr Hitzewellen, Dürren und Überflutungen sowie weniger Kältewellen. Selbst wenn rigide Maßnahmen zum Klimaschutz unmittelbar umgesetzt würden, könnte die Menschheit bis Ende des Jahrhunderts nur 1,0 bis 1,8 Grad Celsius über vorindustriellem Niveau erreichen. Dazu dürften fossile Energieträger nicht mehr zum Einsatz kommen und müssten wie weniger Fleisch essen und umweltfreundliche Treibstoffe in die Tanks füllen.

Und warum setzen wir diese drei Dinge nicht um? Ist es in weltweiten, komplexen Systemen tatsächlich um so viel schwieriger als auf einer Insel wie Rathlin? Diese Frage wird bei einer Diskussion mit dem Titel "The complexity of great green transformations" (Die Komplexität großer grüner Transformationen) am 26. August bei den Technologiegesprächen in Alpbach thematisiert.

"Weniger Fleisch zu essen und Elektroautos zu fahren wird allein zu wenig sein. Ein Großteil der Problematik kommt nämlich daher, dass etwa die Hälfte der Treibhausgase von Infrastrukturprojekten verursacht wird", sagt Diskussionsleiter Stefan Thurner vom Complexity Science Hub Vienna, der das Panel zusammen mit dem Austrian Institute of Technology (AIT) veranstaltet. Straßen-, Tunnel-, Flughafen- und Hafenbau, Kanalisation, neue Städte, Industrie- und Gewerbegebiete: Bis Ende dieses Jahrhunderts müssten noch einmal so viele Städte gebaut werden wie es heute gibt. Also doppelt so viele Häuser, Stromleitungen und Bussysteme, doppelt so viel Asphalt: "Ein Riesenproblem ist, dass der Bau von Infrastruktur an das Wirtschaftswachstum gekoppelt ist, und dass Infrastruktur neue Infrastruktur schafft", sagt Thurner. Wo Menschen wohnen, kommen Supermärkte hinzu und versiegeln ebenso wie die Straßen, die sie mit den Einfamilienhäusern verbinden, den Boden. Zugleich entstehen Arbeitsplätze, prosperiert die Region und werden Treibhausgase in exponentieller Menge ausgestoßen.

Während Europa solche Aktivitäten bereits zurückfährt, geht es in weniger entwickelten Ländern Asiens oder Afrikas erst richtig los. "Dennoch kann man diesen Ländern nicht sagen, dass sie keine Städte bauen sollen, sie haben ein Recht auf Wohnen, Bewegung, Mobilität", erläutert der Komplexitätsforscher eine Thematik, die er als "Riesen-Dilemma" der Energiewende sieht. "Wie wollen unsere Grundrechte erfüllen, machen dabei aber den Planeten kaputt."

Fehlende Solidarität

Eigene Freiheit sollten nicht die der anderen einschränken. Sie tun es aber durchaus, "derzeit wenn Menschen sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen und dadurch andere gefährden". Solidarität vermisst der Komplexitätsforscher auch beim Klimawandel. "Wenn in Europa die Treibhausgase zurückgehen, in anderen Ländern aber nicht, muss Europa dies durch CO2-Einsparungen kompensieren."

Auch weil der Klimawandel und die Stabilität der Zivilgesellschaft unmittelbar zusammenhängen, sei bezüglich des Klimaschutzes eine langfristige Planung erforderlich. "Wenn die Zivilgesellschaft zusammenbricht, gibt es keinen Umweltschutz und wenn man die Umwelt nicht schützt, bricht die Zivilgesellschaft unter Klimakatastrophen zusammen", sagt Thurner.

Dass große Veränderungen im Großen funktionieren können, zeigte die weltweite Einführung des Katalysators für Automotoren in den 1990er Jahren, die dem sauren Regen ein Ende bereitete. Weiters konnte das Wachstum des 1985 entdeckten Ozonlochs über der Antarktis durch das Verbot ozonschädigender Stoffe gestoppt werden - mit einem Zusatzeffekt. Denn die Maßnahme hat auch die Erderwärmung verlangsamt, wie ein Team der britischen Universität Lancaster berechnet hat. Ohne Verbot wäre die Erde bis Ende des Jahrhunderts um zusätzliche 2,5 Grad wärmer, berichtete das Ö1-Morgenjournal am Donnerstag.

"Änderungen sind nur mit ganz engagierter Politik möglich und sie müssen vermutlich so passieren, dass sie unseren Lebensstandard nicht stark beeinflussen", so Thurner. Wir hoffen es.