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Das Einmaleins des Sparens

Von Stephan Schulmeister

Gastkommentare

Herr Schmatz geht jeden Abend speisen, im Schnitt gibt er 20 Euro aus, im Jahr schafft seine Nachfrage Produktion und Einkommen in Höhe von 7300 Euro. Diese geben die Begünstigten für ihren Konsum aus, was wiederum bei anderen Personen Einkommen schafft etc.


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Der Einfachheit halber sei angenommen, dass sich die indirekten Produktionseffekte auf 7700 Euro summieren, insgesamt ermöglicht Schmatz Nachfrage in Höhe von 7300 Euro also ein BIP in Höhe von 15.000 Euro (der Multiplikator beträgt etwa 2).

Nun wird Schmatz arbeitslos und spart das Abendessen ein, um nicht über seine Verhältnisse zu leben - das BIP sinkt um 15.000 Euro. Werden noch mehr Menschen arbeitslos, sinkt es noch stärker. Das Budgetdefizit steigt, vor allem durch höhere Zahlungen an Arbeitslose und geringere Steuereinnahmen.

Der Staat tut es Schmatz gleich und kürzt, um nicht über seine Verhältnisse zu leben, die Ausgaben. Was vorbildlich erscheint, verschärft die Krise massiv: Nicht das Defizit sinkt, sondern die Wirtschaftsleistung. Denn der Analogieschluss vom einzelnen Haushalt auf den Staatshaushalt ist ein verheerender Trugschluss: Schmatz kann sein Budget nur ausgabenseitig konsolidieren, der Staat könnte aber auch seine Einnahmen erhöhen.

Schmatz Ausgaben machen vielleicht 0,000001 Prozent des BIP aus, jene des Staates etwa 50 Prozent. Werden letztere auch nur um 1 Prozent gesenkt, schrumpft das BIP in gleichem Ausmaß (bei einem Multiplikator von 2).

Fazit: Der Staat darf seinen Haushalt nur dann durch Sparen konsolidieren, wenn zugleich die Unternehmen, Haushalte oder das Ausland bereit sind, ihre Nachfrage zusätzlich (kompensatorisch) zu erhöhen. Genau das ist in einer Krise nicht gegeben. Im Gegenteil: Auch andere Sektoren versuchen, ihre Lage durch Gürtel-enger-schnallen zu verbessern, im Ergebnis magern dann alle ab.

Das alles hat man nach 1929 auf schreckliche Weise erfahren, in Deutschland durch die Sparpolitik von Reichskanzler Heinrich Brüning. In den USA wurde die Krise durch den "New Deal" von Franklin D. Roosevelt überwunden (zusätzliche Steuern der Reichen finanzierten ein Expansionsprogramm). John Maynard Keynes Theorie erklärte 1936 das "Sparparadox". Daran orientierte sich die Politik in den 1950ern bis 1970ern, ehe Ökonomen diese Einsichten aus ihrem Weltbild verdrängten.

1992 wurde die größte anzunehmende Dummheit in den Maastricht-Kriterien verankert: Der Staat hätte es allein in der Hand, seinen Finanzierungssaldo zu bestimmen. Jetzt wird sie nochmals in die Praxis umgesetzt: Alle 27 EU-Länder schnallen gemeinsam den Gürtel enger.

Zwischen dem sparpolitischen Denken Angela Merkels und Brünings besteht kein Unterschied. Gut für die USA, dass Barack Obamas Politik jener Roosevelts ähnelt: Auch er will die Staatseinnahmen durch Beiträge der "Reichen" massiv erhöhen und so eine expansive Gesamtstrategie finanzieren.

Nach der Rezession 2011 wird auch Europa einen "New Deal" brauchen.

Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher und Buchautor. Siehe auch:Gastkommentar von Erhard Fürst: Das Einmaleins des Schuldenmachens