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Das Ende der Beschaulichkeit

Von Christa Salchner, Bratislava

Wirtschaft

Am Flughafen Prag sind 14 Low-Cost-Airlines stationiert und das spiegelt sich auch im Tourismus wider. Vor allem Briten lieben die tschechische Hauptstadt. In Bratislava beginnt das Geschäft mit den Billigflügen erst - am 24. November setzt das britische Unternehmen EasyJet einen ersten Schritt in diese Richtung. Die Slowaken rechnen mit einem Briten-Boom.


Das Dubliner ist ein Fixpunkt für Bratislava-Besucher, die aus englischsprachigen Ländern oder Skandinavien kommen. Das irische Pub liegt mitten in der Altstadt und hat alles, was Briten und Iren vermissen, wenn sie in die Ferne reisen. Frühstücksmenüs mit gebratenem Speck, Fisch und Pommes, Currygerichte, Burgervariationen, Guinness und Kilkenny vom Fass, tschechische und slowakische Biersorten zum Ausprobieren, Whiskys von Schottland und Irland. Und manchmal wird sogar die braune Sauce von HP serviert, das einzige "Original", so Tom. Er ist Engländer, lebt seit einem halben Jahr in Bratislava und unterrichtet Englisch. Doch nicht nur Menü- und Getränkekarten stimmen. An fast alles wurde gedacht, als der Dubliner Mitte der neunziger Jahre eröffnete. Das Licht ist gedämpft, so dass Tom drinnen eigentlich nie sagen kann, ob es 10 Uhr am Vormittag oder 22 Uhr abends ist. Nur wenn jemand eintritt, sieht er, ob gerade Tag oder Nacht ist. "Wie zu Hause." Und auf der Videoleinwand laufen Sportübertragungen: Motorradrennen, Boxkämpfe oder Fußballspiele. Das Schönste sei allerdings, dass Bratislava im Vergleich zu Prag für Briten ein Geheimtipp ist. In Prag hat Tom nämlich auch schon gelebt. "Wenn du in Prag in ein Pub gehst, triffst du nur Engländer, Schotten, Iren und US-Amerikaner, die trinken, als ob sie zwei Wochen ohne Flüssigkeit gelebt hätten." Das sei in Bratislava anders. Mehr als die Hälfte der Gäste im Dubliner sind Einheimische.

Blick nach Prag

Viele britische Touristen kommen nur über das Wochenende nach Prag und sparen wahrscheinlich sogar Geld dabei. Im Vergleich zu Großbritannien kosten Essen und Trinken nichts. Und durch das Zeitalter der Low-Cost-Airlines ist nicht einmal der Flug der Rede wert. 14 Low-Cost-Airlines fliegen nach Prag, auch die beiden größten, Ryanair und EasyJet.

Bis dato mangelte es Bratislava allerdings an entsprechenden Flugverbindungen. Der Flughafen MR tefánika ist klein und hat nur zwei Rollbahnen. Im Mai dieses Jahres begannen Austrian Airlines und Lufthansa, Verbindungen von Bratislava aus anzubieten. Mit Air Slovakia, Slovak Airlines, Czech Airlines und Aeroflot aus Moskau, Lot aus Warschau, Hemus Air aus Sofia oder Aeromost Charkov aus der Ukraine überwiegen aber heimische Fluglinien und solche aus dem ehemaligen Ostblock. Und die slowakische Low-Cost-Airline SkyEurope befördert vor allem Österreicher, die London besuchen - selten umgekehrt.

Verschlafene Ruhe

Der Wiener Architekt Reinhard Sander reist mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar mit Kind nach Barcelona und hat bei SkyEurope gebucht. Ausschlaggebend war aber nicht unbedingt der Preis - "inklusive Steuern haben wir pro Person 190 Euro bezahlt, selbst für das Kind", antwortet er, als er gefragt wird, wie viel denn das Ticket gekostet hätte. Ausschlaggebend war, dass sie mit dem Auto anreisen und eine Woche kostenlos am Flughafen parken können. Er steht mit einigen Dutzend Österreichern am Check-In-Schalter, die ebenfalls mit dem Pkw nach Bratislava gefahren sind. Von Wien aus sind es ja nur 70 Kilometer. Mindestens noch einmal so viel Menschen geraten hinzu, als ein slowakischer Shuttle-Bus aus Wien ankommt. Nachdem sie eingecheckt haben, breitet sich aber Ruhe am Flughafen aus. Der Flughafen, der dieses Jahr in eine Holdinggesellschaft umgewandelt wurde und jetzt "Letisko M. R. tefánika - Airport Bratislava, a. s. (BTS)" heißt, ist wahrscheinlich der verschlafenste Flughafen in einer europäischen Hauptstadt, selbst wenn das Passagieraufkommen steigt. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der Flugreisenden verdoppelt - in den ersten zehn Monaten dieses Jahres waren es mehr als 780.000.

Noch sind 80 Prozent der Passagiere Geschäftsleute. Sie stammen aus der Slowakei und den Ländern, die in die Slowakei investieren. Zwanzig Prozent kommen aus Österreich, Tschechien und Ungarn, um in europäischen Städten zu reisen. Die Zahl derer, die in Bratislava oder Wien einen Urlaub verbringt, ist laut Flughafenleitung nicht der Rede wert.

Turbulente Zukunft

Doch das wird sich ändern: Wenn EasyJet am 24. November seine Routen nach London und Berlin einführt, werden die Augenblicke der Ruhe kostbarer werden. Unter das österreichische Stimmengewirr wird sich auch deutsches und englisches mischen. 2007 sollen drei Millionen Passagiere von Bratislava aus fliegen. Der Flughafen wird sich nicht mehr unterscheiden von anderen Flughäfen europäischer Hauptstädte und das Leben in den Pubs wird so sein wie das in Prag. Mit dem Dubliner und den vielen anderen englischen und irischen Lokalen ist Bratislava für den britischen Tourismus schon seit langem gerüstet.