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Das Ende der "Feuerwehrpolitik"

Von Uwe Gepp

Europaarchiv

Frankfurt. (AP / Apa / WZ Online) Das "Modell der Integration a la francaise" liegt in Trümmern und mit ihr ein Teil des Selbstverständnisses der Republik. Innenminister Nicolas Sarkozy gestand dies jetzt offen ein: Es sei gescheitert und müsse grundlegend überdacht werden, sagte der Law-und-Order-Politiker, während jugendliche Randalierer in den Vorstädten zur Illustration seiner Analyse Autos abfackelten.


Mit seinem banal klingenden Urteil rüttelt Sarkozy an einem theoretischen Grundpfeiler des Staates, der auf Assimilation statt Multikulti setzt. Das Bekenntnis zur Republik macht den Franzosen - nicht seine Herkunft. Mit farbigen Stars wie Thierry Henry, Djebril Cisse oder Nicolas Anelka legt die Fußball-Nationalmannschaft, die am Samstag in Paris gegen die Deutschen antritt, davon ein (meist) spielstarkes Zeugnis ab.

Premierminister Dominique de Villepin warb im Parlament für das Modell, das sich auf der "Anerkennung des Individuums und nicht der Gemeinschaften" gründe, der "Anerkennung aller Bürger, gleich welcher Herkunft, Überzeugung oder Kultur". Der Soziologe Dietmar Loch von der Universität Grenoble verweist auf die Kehrseite der hehren Ideale: "Der Staat geht ungeschickt mit kulturellen und religiösen Differenzen um", sagt Loch, der jetzt eine neue Studie zu Jugendlichen maghrebinischer Herkunft in den Vorstädten vorlegte.

Lange wurden die Schwierigkeiten in der "banlieue" von der offiziellen Politik daher als soziale Probleme ohne ethnischen Hintergrund klein geredet. Seit Beginn der 80er Jahre kam es dort immer wieder zu Gewaltausbrüchen, die von den Regierungen in Paris mit einer "Feuerwehrpolitik" bekämpft wurden, wie Loch berichtet: Doch kurzfristige Programme verhinderten nicht, dass die Gettoisierung weiter voranschritt.

Ein Bericht des Rechnungshofs vom November vergangenen Jahres listet penibel auf, dass 1982 noch 22 "sensible Viertel" registriert waren. Zehn Jahre später notierten die Behörden, dass schon drei Millionen Menschen in 320 Problemvierteln lebten. 2002 waren es bereits fünf Millionen Bewohner von 750 sozialen Brennpunkten. Dabei verlor sich die in den Trabantenstädten anfangs noch vorhandene Bevölkerungsmischung mehr und mehr.

In einer "Cite", wie die Sozialbausiedlungen genannt werden, in Chanteloup-les-Vignes bei Paris stieg der Anteil der Einwanderer und ihrer Familien von weniger als einem Drittel Mitte der 70er Jahre bis heute auf die Hälfte. Auch im Krisendepartement Seine-Saint-Denis nördlich der Hauptstadt stammt fast jeder zweite junge Mensch im Alter bis 24 Jahren aus einer Einwandererfamilie. Sie sind besonders betroffen von der in Frankreich ohnehin enorm hohen Jugendarbeitslosigkeit, die in einigen Vierteln 40 Prozent erreicht, wie Staatspräsident Jacques Chirac jetzt selbst einräumte.

Chirac selber, der Anfang dieser Woche den Notstand ausrief, warnte kurz vor seiner Wahl zum Staatsoberhaupt 1995 vor der "Ausbreitung rechtsfreier Zonen". Der Staat müsse schnell handeln. Doch als Präsident ließ er seinen Worten wie so oft kaum Taten folgen. "Es ist eine Frage des politischen Willens", sagt Soziologe Loch. "Mehr Geld für die Vorstädte - das muss von den Wählern, von der Mittelschicht mitgetragen werden."

In den banlieues stießen in den vergangenen Jahren islamische Vereine in das Vakuum, das der Staat und das Ende der "beurs"-Bewegung der 80er Jahre hinterließen. Sie seien auf kommunaler Ebene immer wichtiger geworden bei der Vermittlung zwischen den Bewohnern und den staatlichen Institutionen, erklärt der Soziologe. Der Islam wirke identitätsstiftend in einer Situation, "in der junge Franzosen aus afrikanischen und maghrebinischen Familien das Gefühl haben, nichts zu gelten, am Rande zu stehen, Diskriminierung und Rassismus erfahren".

Dieses Pulverfass ist jetzt wieder hochgegangen, das Feuer wird angeheizt von Sarkozys "Gesindel"-Sprüchen. Zu der "teuflischen Eigendynamik" gehöre auch die Berichterstattung der Medien, unterstreicht Loch: "Die Jugendlichen sehen dort eine Art Anerkennung, die sie sonst nicht bekommen."

Von "Gleichheit und Brüderlichkeit", die sich die französische Republik seit der Revolution auf die Fahnen geschrieben hat, können die Jugendlichen in den Problemvierteln nur träumen. Der Soziologe betont jedoch, dass die banlieue auch immer wieder Erfolgsgeschichten schreibt: Unternehmerischer Erfolg oder sozialer Aufstieg durch Sport und Bildung sind keine Seltenheit. Der Minister für Chancengleichheit, Azouz Begag, stammt aus Villeurbanne bei Lyon.

Doch auch wenn das französische Modell, das es in seiner idealtypischen Form ohnehin nicht gegeben hat und das an Ort und Stelle stets flexibel gehandhabt wurde, gescheitert ist - mit den Problemen der Einwanderung sei Großbritannien mit seinem Multikulti-Konzept auch nicht fertig geworden, unterstreicht Loch. "Auch dort gibt es urbane Gewalt", sagt er: "Alle nationalen Modelle haben versagt."