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Das Ende der Selbstbestimmung

Von WZ-Korrespondent Markus Schauta

Politik
Ihr bisschen Freiheit können Mädchen nur genießen, solange sie klein sind.
© reuters / Ali Khara

Als die Taliban vor einem Jahr die Macht übernahmen, brach für drei Afghaninnen eine Welt zusammen.


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Der letzte US-Soldat verließ afghanischen Boden am 30. August 2021. Nachdem Präsident Ashraf Ghani bereits Tage zuvor mit einem Hubschrauber ins benachbarte Usbekistan geflohen war, konnten die Taliban ohne Widerstand in Kabul einmarschieren. Die Islamische Republik Afghanistan kam an ihr Ende.

Zunächst versicherte die Führung der Taliban den Afghanen und der Welt, die Kämpfer hätten sich geändert. Sie versprachen, sowohl die Rechte der Frauen wie Menschenrechte im Allgemeinen zu achten. Doch es kam anders.

Als Faiza Hussaini, Nasima Kajabi und Shugofa Rahmati die Taliban zum ersten Mal in den Straßen Kabuls sahen, erschienen ihnen diese Männer fremd. Kajabi amüsierte sich über die jungen Kämpfer in ihren traditionellen, langen Oberteilen: "Die Art, wie sie sich kleideten, war so lustig - ich sah wie einer von ihnen ein Frauenkleid trug."

Die drei Frauen zählen zur jungen, urbanen Generation, die nach dem Sturz der Taliban 2003 aufwuchsen und keine oder nur vage Erinnerungen an das damalige fundamentalistische Regime haben. Kajabi hatte gerade ihre Aufnahmeprüfung für die Universität bestanden. Doch aus dem Studium der Computer-Wissenschaften wurde nichts, die Taliban ließen die Hochschulen erst einmal geschlossen.

Hussaini und Rahmati sahen ihre Zukunft düster. Für sie war klar, dass die Taliban die Rechte der Frauen Schritt für Schritt einschränken würden. "Ich will so schnell wie möglich von hier weggehen", dachte Shugofa damals.

"Hier gibt es Sicherheit"

In den Monaten nach der Machtübernahme der Taliban blieben die Universitäten geschlossen. Wann sie wieder aufsperren und ob sie offen für Frauen sein würden, war unklar. Doch Kajabi wollte unbedingt studieren. Also schrieb sie sich an einer Hochschule in Bangladesch ein und verließ Kabul im Februar 2022. Von dort flog sie nach Dubai und weiter nach Bangladesch, wo sie in der Millionenstadt Chittagong studiert. "Nach Bangladesch zu gehen, war meine letzte Option", erzählt die heute 18-Jährige.

Glücklich sei sie nicht. Kajabi klagt über den Zustand der Universität und des Studentenheims. Alles sei heruntergekommen und schmutzig, die Beleuchtung in den Schlafsälen schlecht. Da die finanzielle Situation ihrer Eltern in Afghanistan schwierig ist, versucht Kajabi, einen Teilzeitjob zu finden. Studienbeihilfe bekommt sie keine: "Aber immerhin kann ich studieren, und es gibt hier Sicherheit."

Fluchtland Iran

In Afghanistan hingegen wird die Lage zusehends unsicher. Die Gruppe Islamischer Staat Khorasan (IS-K), ein Ableger des sogenannten Islamischen Staates, verübt immer öfter Bombenanschläge. Die Extremisten sind vor allem in den östlichen, an Pakistan grenzenden Provinzen Nangahar und Kunar aktiv. Ihre Angriffe richten sich vor allem gegen Hazara, Schiiten und andere Minderheiten. Hunderte Zivilisten und Sicherheitskräfte starben in den vergangenen Monaten.

Shugofa Rahmati ist eine Hazara. Nach der Machtübernahme durch die Taliban blieb ihre Familie zunächst in Kabul. "Während dieser Zeit wandelte sich mein Leben in einen Albtraum", sagt die 20-Jährige. Niemand wusste genau, was die Taliban planten, wen sie möglicherweise verhaften, welche neue Gesetze sie einführen würden. "Fakten und Gerüchte vermischten sich, machten die Runde und bereiteten uns Angst", berichtet Rahmati. Viele Nächte blieben sie wach, weil es hieß, die Taliban würden Razzien in den Häusern durchführen und Informationen über die Bewohner sammeln. Immer wieder kam es zu Einbrüchen und Morden.

Die Familie beschloss daher, Afghanistan zu verlassen. Doch Visa bekamen sie nur für die Nachbarländer Iran und Pakistan. Sie entschieden sich für den Iran. Doch zuhause fühlt sie sich nicht: "Afghanen werden hier schlecht behandelt", meint Rahmati. Sie empfindet die Leute als abweisend, Kontakte hat sie keine, die meiste Zeit verbringt sie im Haus.

So wie Rahmati befinden sich derzeit 780.000 Afghanen im Iran. Nach wie vor kommen neue Flüchtlinge aus Afghanistan hinzu. Als Gründe führen sie einem UN-Bericht zufolge die katastrophale wirtschaftliche Lage an, Angst vor Verfolgung oder die prekäre Sicherheitslage in ihrem Land.

Keine Bewegungsfreiheit

Von den drei Freundinnen blieb nur Faiza Hussaini in Kabul. "Es war hart für mich zu erleben, wie die Taliban binnen kürzester Zeit Afghanistan unter ihre Kontrolle brachten." Seitdem ist ein Jahr vergangen, und Hussaini musste zusehen, wie ihr Leben Schritt für Schritt eingeengt wurde.

Im März wurde Mädchen der Schulbesuch über die sechste Klasse hinaus untersagt. Taliban-Führer Hibaitullah Akhunzada erklärte, es verstoße gegen das islamische Recht, Mädchen weiterführende Bildung zu ermöglichen. Die Jüngeren können nur von Lehrerinnen unterrichtet werden, an denen es jedoch mangelt, da viele ins Ausland geflohen sind. Im April verfügte die Regierung, dass künftig männliche und weibliche Studenten nur getrennt unterrichtet werden dürfen. Im Mai gab die Taliban-Führung die Order aus, wonach Frauen verpflichtet sind, sich in der Öffentlichkeit vollständig zu bedecken.

Hussainis Bewegungsfreiheit ist extrem eingeschränkt. "Ich gehe nicht mehr oft nach draußen", sagt sie. "Und wenn, dann nur in der Umgebung meines Hauses, um Kleinigkeiten zu besorgen." Wie die anderen Frauen trägt sie dabei ein langes, schwarzes Kleid und Kopftuch. Weitere Wege innerhalb Kabuls kann sie nur in Begleitung eines männlichen Angehörigen machen. So haben das die Taliban bestimmt.

Geldhahn abgedreht

Mit dem Einmarsch der Taliban nahm die Armut zu. "Buben und Mädchen sitzen vor Bäckereien und Märkten und betteln um Brot und Geldspenden", erzählt Hussaini. Die Preise hätten sich verdoppelt, Armut und Arbeitslosigkeit dazu geführt, dass Menschen alles tun, um zu überleben. Diebstahl, Entführungen und Morde hätten zugenommen, die Sicherheitslage sei fatal. Bis zur Machtübernahme der Taliban machten ausländische Hilfsmittel 78 Prozent des afghanischen Staatshaushalts aus. Ein Großteil des Geldes ist nun weggefallen. Hinzu kommen die von der internationalen Gemeinschaft verhängten Sanktionen; die afghanische Zentralbank ist vom internationalen Bankensystem abgeschnitten und hat keinen Zugang zu den Währungsreserven des Landes.

All das hat zu einer massiven Liquiditätskrise geführt, die die afghanische Wirtschaft in die Knie zwingt. Der Regierung fehlt Geld, um Strom, Lebensmittel und Medikamente importieren zu können. Mindestens 500.000 Menschen haben seit August ihren Arbeitsplatz verloren. Die Vereinten Nationen schätzen, dass in den kommenden Monaten mehr als 97 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben könnten. Damit nicht genug, herrscht wegen ausbleibender Regenfälle seit 2021 Hunger. Ein verheerendes Erdbeben im Juni im Osten des Landes hat die humanitäre Krise weiter verschärft.

Neue Ziele

Wegen der Wirtschaftskrise, aber auch wegen der schlechten Sicherheitslage hat Hussainis Familie bereits überlegt, Afghanistan zu verlassen. Aber woanders ein neues Leben aufzubauen, kostet viel Geld. Geld, das ihre Familie nicht hat.

Kajabi will nicht in Bangladesch bleiben. Ihr Ziel sind die USA, wo sie sich für eine Universität in New York beworben hat. Solange Afghanistan von den Taliban regiert wird, will sie nicht zurückkehren. Als Hochschulabsolventin würde sie dort kaum einen entsprechenden Job bekommen, ist sie überzeugt: "Mir bliebe nur zu heiraten, Kinder zu bekommen und zuhause herumzusitzen."

Rahmati, die Online-Kurse an der American University of Afghanistan belegt, möchte hingegen nach Kabul zurückkehren. "Ich bin es müde, im Iran zu leben", konstatiert sie. Die Herrschaft der Taliban würde Rahmati hinnehmen. "In Kabul wird zumindest meine afghanische Identität akzeptiert."