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Das Ende einer historischen Stadt

Von Annedore Smith

Politik

"Wo einst man Zinnen sah zum Himmel ragen, / Wo Könige gebückt im Staube lagen, / Sitzt auf der Mauer einsam jetzt ein Täubchen / und gurrt - / das klingt wie Fragen und wie Klagen." Als der persische Dichter Omar Chaijam um das Jahr 1100 diese Zeilen verfasste, konnte er nicht ahnen, welch tragische Bedeutung sie einmal für die historische Stadt Bam haben würden.


Die Altstadt mit ihrer gewaltigen Zitadelle - eine der wichtigsten Stätten des Weltkulturerbes der UNESCO und bis vor kurzem eine Attraktion für Touristen aus aller Welt - hat in ihrer bewegten Geschichte so manchen Angriff überstanden. Doch bei dem verheerenden Erdbeben am zweiten Weihnachtsfeiertag wurde sie fast völlig zerstört.

Die Zinnen aus rötlichen Lehmziegeln fielen in Schutt und Asche, zurück blieben meist nur noch Reste der Grundmauern. Bam liegt auf 1.062 Meter Höhe in einer riesigen Palmenoase im Süden der Wüste Dasht-e-Lut an der alten Seidenstraße. Dort wachsen vorzügliche Datteln - die besten der Welt, wie jeder Einheimische sagen wird.

Die Besiedlungsgeschichte reicht 2.000 Jahre zurück in die Zeit der Parther. Mit dem Bau der Altstadt wurde unter der Herrschaft der Sassaniden von 224 bis 637 begonnen. Die aus dieser Zeit stammende Festung Arg-e-Bam war seinerzeit der größte Lehmbau der Welt und galt später als Musterbeispiel vorislamischer Baukunst im alten Persien.

Ihre Blüte erlebte die Stadt unter der Dynastie der Safawiden von 1502 bis 1722. In dieser Zeit wurde auch die mehrfach zerstörte Zitadelle wieder aufgebaut. Die aus vielen Arkaden und Galerien bestehenden Befestigungsanlagen wurden zum zusätzlichen Schutz mit einem Wassergraben umgeben, der erst in neuerer Zeit zugeschüttet wurde. Bam wuchs weiter in seiner Bedeutung als wichtiger Umschlagplatz für den Karawanenverkehr entlang der alten Seidenstraße.

Bis zu 13.000 Menschen lebten einst innerhalb der Mauern, die eine Fläche von rund sechs Quadratkilometern umrundeten. Neben der Burg gab es dort etwa 400 Lehmhäuser in einem Labyrinth enger Gassen. Doch nach dem Sieg der Afghanen über die Safawiden 1722 begann der Exodus aus Bam. In den folgenden 150 Jahren wurde die Stadt noch mehrmals erneut besiedelt und dann wieder aufgegeben, weil sie immer wieder von aufständischen Afghanen und Belutschen angegriffen wurde. Um 1850 wurde sie dann abermals von Afghanen erobert und stark zerstört. Anfang des 20. Jahrhunderts diente die Altstadt nur noch als Kasernenstützpunkt, bevor sie 1931 endgültig aufgegeben wurde.

Südlich und westlich der Geisterstadt entwickelte sich das moderne Bam, wo bis zu dem Erdbeben vom Freitag knapp 100.000 Menschen lebten. Die Altstadt behielt jedoch ihre Anziehungskraft für Historiker und Archäologen sowie für Touristen. 1993 besuchte der damalige Präsident Ali Akbar Hashemi Rafsandjani die Zitadelle, von der aus der Besucher eine herrliche Aussicht über die Stadt und die gesamte Oase genießen konnte. Er war so begeistert davon, dass er zum Besuch von Bam aufrief. Es folgten Restaurierungsarbeiten, die so mancher Traditionalist mit größter Skepsis betrachtete.

Ein britischer Reisender im 19. Jahrhundert sagte einmal über Bam, die Mauern der Stadt seien so stark, dass kein Heer der Welt sie zerstören könnte. Schon damals hat das nicht ganz gestimmt, wenn man an die Eroberungszüge der Afghanen denkt. Doch keine Streitmacht konnte die historischen Mauern von Bam so stark zerstören wie die Naturgewalt eines Erdbebens.