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Das Ende eines 21-jährigen Albtraums

Von Anne-Beatrice Clasman

Politik

El Dijeel - Hunderte Mörsergranaten liegen links und rechts der staubigen Piste, die durch den ehemaligen Ortskern der Kleinstadt El Dijeel führt. Kinder spielen mit den Geschoßen, von denen einige noch intakte Zünder haben. Als die US-Soldaten in die Region vorrückten, ließen die irakischen Soldaten sie einfach zurück. Das Trinkwasser in El Dijeel ist so schmutzig, dass man durch ein Glas Wasser nicht durchschauen kann. Doch trotz allem haben die Menschen in dem rund 70 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Ort das Gefühl, dass für sie nun ein goldenes Zeitalter begonnen hat.


"Für uns ist ein Traum in Erfüllung gegangen", sagt Mohammed Tawfik und schlägt sich mit der rechten Hand auf die Brust. Denn, wer in seinem Pass oder Personalausweis "El Dijeel" als Geburtsort eingetragen hat, war im Irak von Saddam Hussein so etwas wie ein Aussätziger. Ausländer, gar Journalisten, die nach den "Ereignissen" von damals fragen, hat man hier in den vergangenen 21 Jahren nicht gesehen.

Am 8. Juli 1982 wollte Staatspräsident Saddam Hussein El Dijeel zum ersten Mal besuchen. Als seine Fahrzeugkolonne eine Kreuzung zwischen den Bauernhöfen erreichte, eröffnete eine kleine Gruppe von rund 20 Verschwörern das Feuer auf die Limousine, in der nach ihren Informationen der Präsident sitzen sollte. Doch Saddam hatte unterwegs das Fahrzeug gewechselt. Er überlebte. Mehrere seiner Leibwächter fanden den Tod. Dann begann für die Einwohner des Ortes ein Albtraum. Erst machte die Luftwaffe den Ortskern dem Erdboden gleich. Dann kamen der Geheimdienst und die Elitesoldaten der Republikanischen Garden und nahmen Männer, Frauen und Kinder willkürlich fest. Acht der Verschwörer wurden erschossen. Den übrigen gelang über Syrien die Flucht ins Ausland.

Die Menschen in El Dijeel wurden in Sippenhaft genommen. Es folgten Folter, Hinrichtungen, und Jahre im Gefängnis. Strom gab es jahrelang nur eine Stunde am Tag. Das Trinkwasser ist hier noch verschmutzter als andernorts im Irak. Umm Ali, die wie die meisten Frauen des Ortes das schwarze Gewand der Schiitinnen trägt, verbrachte vier Jahre in Gefangenschaft, die Hälfte davon in einem Lager in der südirakischen Wüste. Acht ihrer männlichen Verwandten wurden später hingerichtet. Von 13 Familienmitgliedern hat sie seit "den Ereignissen" nichts mehr gehört.

"Wir fordern von den Amerikanern, dass sie Saddams Halbbruder Barzan verhören, den sie doch angeblich geschnappt haben, denn er weiß ganz genau, was mit unseren Brüdern und Vätern geschehen ist", sagt Tawfik, "er kennt alle geheimen Gefängnisse und Massengräber".

Das Wohnzimmer der Hausfrau Dhikra Abbas Hassun füllt sich allmählich. Jetzt, wo die Amerikaner das Regime gestürzt haben, können sie endlich ihr Herz ausschütten, ohne Angst haben zu müssen. Dhikra Hassun war 1982 als 13-Jährige ins Gefängnis gekommen. Es fällt ihr immer noch schwer, über diese Zeit zu sprechen. "Sie gaben uns nur nasses Brot zu essen", bricht es plötzlich aus ihr heraus. "Einen vierjährigen Buben haben sie im Gefängnis mit 72 Peitschenhieben gequält". Ihr Ehemann hat in den achtziger Jahren in Bagdad studiert. "Die Geheimdienstleute kamen zu mir und sagten: 'Du kommst aus El Dijeel, also hast Du zwei Möglichkeiten, entweder Du besorgst uns Informationen oder wir stecken dich erst ins Gefängnis und töten Dich später', da habe ich mit ihnen zusammengearbeitet und ich schäme mich dafür", sagt der bärtige Mann mit dem blütenweißen Gewand.

"Auch wenn die Amerikaner mit diesem Krieg nur ihre eigenen Interessen verfolgt haben, sind wir froh, dass sie gekommen sind", sagt ein Nachbar. "Denn wir waren die Ersten, die Nein zu Saddam gesagt haben und wir haben dafür einen hohen Preis bezahlt." dpa