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Das entglittene Land: Obama veröffentlicht seine Memoiren

Politik

In "The Promised Land" erinnert sich der erste schwarze US-Präsident an die erste Amtszeit sowie den Weg dorthin. Und er erklärt, wieso Sarah Palin aus seiner Sicht der Geist aus der Flasche war.


Laut der Theorie der Pendelbewegungen löst ein starkes Ausschlagen in die eine Richtung eine mindestens ebenso starke Korrektur in die andere Richtung aus. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama dürfte ein Anhänger der Theorie sein. In seinem am Dienstag erscheinenden Buch "The Promised Land" (deutscher Titel: "Das verheißene Land") beschäftigt sich der in Europa heiß geliebte US-Politiker mit seiner ersten Amtszeit und dem Status quo der amerikanischen Politik.

Und eines wird deutlich: Als mit Obama das erste Mal ein Staatsoberhaupt in den USA gewählt worden war, das nicht zu 100 Prozent kaukasischen Ursprungs war, feierten das viele als das Ende des Rassismus, eine Absolution an die Geschichte der Sklaverei.

Aber für Obama fühlt es sich schon im Wahlkampf anders an. Gerade seine Hautfarbe, so meint er, hätte schlafende Geister geweckt. Mit dem Wahljahr 2008 erhielt die Polarisierung einen entscheidenden Schub. Festmachen lässt sich dies aus seiner Sicht an der Berufung von Sarah Palin als Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin durch den dann unterlegenen republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain: "Mit Palin schien es, als würden die dunklen Geister, die schon lange am Rand der modernen Republikanischen Partei lauerten - Fremdenfeindlichkeit, Anti-Intellektualismus, paranoide Verschwörungstheorien, eine Antipathie gegenüber Schwarzen und Braunen -, ihren Weg auf die Hauptbühne finden."

Rückblickend meint Obama, dass seine Anwesenheit im Weißen Haus eine "eine tief sitzende Panik losgelöst hätte, eine Vorstellung, dass die natürliche Ordnung gestört worden sei". Deshalb habe Donald Trump mit Unterstellungen begonnen, dass Obama nicht in den Vereinigten Staaten geboren und daher kein legitimer Präsident gewesen sei. "Millionen von Amerikanern, die über einen Schwarzen im Weißen Haus erschrocken waren, versprach er ein Heilmittel für ihre rassistischen Ängste."

Um weißen Amerikanern die Angst zu nehmen, konnte Obama zum Teil auch nicht die scharfen Töne anschlagen, die er zum Teil verwenden wollte. Dazu zählt etwa ein Vorfall 2009, als ein (schwarzer) Harvard-Professor vor der eigenen Haustür von einem Polizisten verhaftet wurde, weil der Beamte davon ausging, dass der Professor gerade einen Einbruch begehen wollte. Obama nannte das Vorgehen des Polizisten "dumm". Daraufhin purzelten die Umfragewerte für Obama unter weißen Wählern ins Bodenlose. Obama ruderte zurück und entschuldigte sich, dass er die Worte mit mehr Bedacht hätte wählen sollen. Und das, obwohl er selbst langsam realisierte: Die US-Gesellschaft basiere eben auf jahrhundertelanger, staatlich genehmigter Gewalt Weißer gegen "schwarze und braune Menschen". Aber er konnte es nicht öffentlich sagen. Obamas stete Einhaltung von vorsichtigen, moderaten Zugängen trieb ein paar Progressive der Partei an den Rande der Verzweiflung. Hatte er nicht bei seiner Kampagne "Hoffnung" und "Veränderung" versprochen? Und nun, in seiner ersten Amtszeit, war das Wortpaar, das Obama selbst stattdessen bemühte, "Empathie" und "Prozess".

Beschwichtigen und aufbauen

Als Obama gewählt wurde, umgab er sich mit erfahrenen Insidern statt mit progressiven Quereinsteigern. Denn Obama war durch seinen Wahlsieg mit nichts Geringerem als dem Wiederaufbau nach der Finanzkrise beauftragt worden, und dabei wollte er kein Risiko eingehen. Sein Team war es auch, das ihn davon abhielt, einen empfindlichen Wandel in der Bankenbranche umzusetzen. Man solle dem ohnedies gerade zerbrechlichen System nicht den nächsten Stoß versetzen.

Und während sich die US-Bürger noch von den Nachwehen der Wirtschaftskrise lang nicht erholt hatten, hätten die Republikaner bewusst die Gefühle der Hilflosigkeit und Verbitterung ausgenutzt, obwohl deren Politik der Deregulierung einen guten Teil zur Krise beigetragen hätte. "Heute ist es für mich offensichtlich, damals habe ich es nicht gesehen", schreibt Obama. Er wäre zu beschäftigt gewesen. Aber er erinnert sich an einen republikanischen Senator, der ihm gesagt habe: "Je schlechter es den Menschen geht, umso besser ist es für uns." Bei den darauffolgenden Midterm Elections verloren die Demokraten 63 Sitze im Abgeordnetenhaus an die Republikaner, die damit die Mehrheit der Demokraten in der Kammer beendeten.

Das 768 Seiten starke Buch "The Promised Land" ist der ersten Band einer geplanten zweiteiligen Memoiren-Serie über seine Zeit im Weißen Haus. Die "New York Times" lobte in ihrer Besprechung, dass Obama im Buch aktiv gegen die so populär geworden Mythenbildung ankämpft und mit viel Realismus sein Amtsverständnis schildert.(wak)