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Das Erbe der Geschichte antreten

Von Brigitte Pechar

Politik

8. Mai 1945, 23.01 Uhr: Ratifizierung der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands in der Aula der Technischen Hochschule von Berlin. Die Kapitulation tritt am 9. Mai um 0.01 Uhr in Kraft. Wie dieser Tag würdig zu begehen sei, darum rankte sich in der vergangenen Woche eine ernsthafte Auseinandersetzung der politischen Kräfte. Der Tag der Befreiung von der Nazi-Herrschaft ist für viele noch immer auch Tag der Trauer um einen verlorenen Krieg. Dass der Mai 1945 keine "Stunde Null" war, zeigt, dass die unvorstellbaren Verbrechen an Millionen von Menschen und Hitlers Vernichtungskrieg nicht emotionsfrei diskutiert werden können.


Die Frage nach einem möglichen Schlussstrich unter die deutsch-österreichische Vergangenheit beantwortet die Historikerin Brigitte Bailer-Galanda im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" so: "Weder ein Individuum noch ein Kollektiv kann sich der historischen Kontinuität und den kulturellen oder geistesgeschichtlichen Traditionen entziehen." Im Gegensatz zu einem privaten Erbrechtsfall können Bewohner eines Landes ihr historisches Erbe nicht ausschlagen. Ein Schlussstrich ist für Bailer-Galanda "so lange nicht möglich, so lange es Menschen gibt, die an der Vergangenheit leiden. Das betrifft Opfer als auch Täter."

Dass Fragen an die Kriegsgeneration auch heute nicht einfach sind, beweisen Publikationen rund um die Wehrmachtsausstellung. Da erfahren Söhne und Töchter von ihren Vätern und Großvätern, dass sie - entgegen bisheriger Erzählungen - doch an Tötungen von feindlichen Soldaten beteiligt waren. Aber nicht nur innerfamiliär ist die Zeit der Auseinandersetzung noch nicht abgeschlossen, auch das offizielle Österreich benötigte mehr als 45 Jahre, um Mitverantwortung bekennen zu können.

Unmittelbar nach der Befreiung Wiens durch die Rote Armee am 13. April 1945 haben sich die österreichischen Parteien zur Errichtung eines neuen, demokratischen Österreich zusammengeschlossen. Ihre Führer kamen teilweise direkt aus den KZ des Dritten Reiches. Waren sie im Ständestaat auch Antipoden, so hatten sie jetzt eine gemeinsame leidvolle Vergangenheit.

Am 27. April erfolgte unter Staatskanzler Karl Renner die Proklamation der Provisorischen Staatsregierung über die Wiederherstellung der österreichischen Republik auf Grund der Verfassung von 1920. Die Proklamation wurde von Renner und Adolf Schärf für die SPÖ, von Leopold Kunschak für die ÖVP und von Johann Koplenig für die KPÖ unterzeichnet. Am 29. April erfolgte dann der Staatsakt im Parlament mit der Regierungserklärung Renners.

In der Proklamation wird darauf verwiesen, dass "der Anschluss des Jahres 1938" nicht freiwillig erfolgte, und auch die Moskauer Deklaration, die von den Außenministern Großbritanniens, der Sowjetunion und der USA am 30. Oktober 1943 festgelegt wurde, zitiert:

"Die Regierungen Großbritanniens, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika kamen überein, daß Österreich, das erste freie Land, das der Hitlerschen Aggression zum Opfer gefallen ist, von der deutschen Herrschaft befreit werden muß.

Sie betrachten den Anschluß, der Österreich am 15. März 1938 von Deutschland aufgezwungen worden ist, als null und nichtig.

Sie geben ihrem Wunsche Ausdruck, ein freies und wiederhergestelltes Österreich zu sehen und dadurch dem österreichischen Volke selbst, ebenso wie anderen benachbarten Staaten, vor denen ähnliche Probleme stehen werden, die Möglichkeit zu geben, diejenige politische und wirtschaftliche Sicherheit zu finden, die die einzige Grundlage eines dauerhaften Friedens ist."

Darauf stützte sich die Provisorische Regierung in ihrer Unabhängigkeitserklärung, in der es heißt:

"Art. I: Die demokratische Republik Österreich ist wiederhergestellt und im Geiste der Verfassung von 1920 einzurichten.

Art. II: Der im Jahre 1938 dem österreichischen Volke aufgezwungene Anschluß ist null und nichtig."

Bereits am 8. Mai 1945 wurde das Verfassungsgesetz über das Verbot der NSDAP in Österreich beschlossen, es galt allerdings nur in der sowjetischen Zone, da die Regierung Renner von den westlichen Alliierten noch nicht anerkannt war.

Die schreckliche Bilanz von Krieg und NS-Zeit: 230.000 gefallene, 110.000 vermißte und 166.000 zum Teil schwer verletzte österreichische Soldaten, etwa 800.000 befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft. 104.000 Zivilisten hatten durch Luftangriffe und Kampfhandlungen ihr Leben verloren. Von den 180.000 Juden und Jüdinnen, die 1938 in Österreich ihre Heimat hatten, haben 65.000 die Shoah nicht überlebt. Noch in den letzten Kriegswochen wurden meist von der SS Zehntausende KZ-Häftlinge, Fremdarbeiter und Kriegsgefangene ermordet. Mehr als 290.000 Wohnungen waren zerstört, der Verkehr war zusammengebrochen, die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser, Strom und Gas funktionierte nicht.

Die Berufung auf die Moskauer Deklaration und damit auf die These des unschuldigen Opfers hatte lange Zeit eine wirklich eingehende Aufarbeitung verhindert. Im Zuge des Bundespräsidentschaftswahlkampfes 1986 machte die Debatte um die Kriegsvergangenheit Kurt Waldheims sichtbar, dass ein Schlussstrich nicht zu ziehen war.

Als erster Bundeskanzler bekannte Franz Vranitzky am 8. Juli 1991 in einer Erklärung vor dem Nationalrat die Mitverantwortung Österreichs ein: "Viele haben Widerstand geleistet und dabei ihr Leben für Österreich gegeben. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass es nicht wenige Österreicher gab, die im Namen dieses Regimes großes Leid über andere gebracht haben, die Teil hatten an den Verfolgungen und Verbrechen dieses Reichs. (.) Wir bekennen uns zu allen Daten unserer Geschichte und zu den Taten aller Teile unseres Volkes, zu den guten wie zu den bösen; und so wie wir die guten für uns in Anspruch nehmen, haben wir uns für die bösen zu entschuldigen - bei den Überlebenden und bei den Nachkommen der Toten."

Die ÖVP/FPÖ-Koalition unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel schaffte mit dem Versöhnungsfondsgesetz (Juli 2000) und dem Entschädigungsfondsgesetz (Juli 2001) einen weiteren wesentlichen Schritt zu einer Annäherung zwischen Österreich und den Opfern des NS-Regimes.