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Das ewige Warten auf Arbeit

Von Lukas Muttenthaler und Marina Delcheva

Politik

Österreichs Top-Performance in der internationalen Arbeitslosenstatistik hilft jungen Arbeitssuchenden nicht viel.


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Wien. Mit einer Arbeitslosenquote von etwa fünf Prozent steht Österreich laut aktuellem Beschäftigungsausblick der "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung" (OECD) im internationalen Vergleich sehr gut da. Unter den Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren ist zwar schon jeder Zehnte arbeitssuchend - am stärksten betroffen sind junge Menschen mit schlechter Ausbildung -, im Vergleich zu anderen OECD-Ländern ist das aber immer noch ein guter Wert.

Dinc Ömer gehört zu jenen schlecht ausgebildeten Jugendlichen, die entgegen der vorbildlichen Statistik keine Stelle finden können. Der 17-Jährige sitzt seit zwei Jahren regelmäßig im Warteraum des AMS auf dem Gumpendorfer Gürtel in Wien. Nach der Hauptschule hat er ein Jahr lang das Polytechnikum besucht. Eine Lehre macht er keine. "Eigentlich wollte ich weiter in die Schule gehen, aber meine Lehrer haben mir davon abgeraten und gesagt, ich solle mir besser Arbeit suchen, statt an Bildung zu denken", erzählt er. Und jetzt suchen er und sein Betreuer eine Arbeit, "am liebsten als Maurer oder Spengler". Eine Stelle lässt sich aber ohne Ausbildung nur schwer finden. Bis dahin muss er mit jenen 280 Euro im Monat haushalten, die ihm das AMS zur Verfügung stellt.

"Eine der häufigsten Fragen, die mir gestellt werden, ist, ob die Jugendlichen auch wirklich arbeiten wollen", sagt Gerda Challupner, Geschäftsstellenleiterin des AMS für Jugendliche in Wien. "Ich sage: Ja, das wollen sie. Und zwar alle. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen." Fehlende Qualifikationen seien der Hauptgrund, warum junge Menschen keinen Job finden. So haben die Hälfte der 355.643 Menschen, die im August beim AMS als arbeitssuchend gemeldet waren, höchstens einen Pflichtschulabschluss. Zum Vergleich: Nur drei Prozent der Akademiker sind arbeitslos.

Steigende Arbeitslosigkeit

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Arbeitslosenrate in Österreich um zehn Prozent gestiegen. Dieser Trend könnte sich bis 2015 oder sogar bis 2016 fortsetzen, rechnet die OECD in ihrem Beschäftigungsausblick vor. Trotzdem liegt Österreich mit seiner geringen Arbeitslosenquote hinter Norwegen (3,3 Prozent), Japan (3,5 Prozent) und Südkorea (3,7 Prozent) im Spitzenfeld. Insgesamt sind 45 Millionen Menschen im OECD-Raum ohne Job. Das sind laut Bericht um zwölf Millionen mehr als vor der Wirtschaftskrise im Jahr 2007. Am schlechtesten schneiden dabei Spanien mit 26 Prozent Arbeitslosen und Griechenland, wo jeder Dritte ohne Arbeit ist, ab. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in diesen Ländern bei fast 50 Prozent. Die Zahlen sind zuletzt leicht zurück gegangen, wobei sie im Vergleich zu 2007, also vor der Wirtschaftskrise, noch sehr hoch sind.

Eine gute Performance legt laut Bericht Deutschland hin. Dort ist die Arbeitslosigkeit zuletzt sogar gefallen und liegt aktuell bei fünf Prozent. Bis 2015 könnte sie sogar unter die Fünf-Prozent-Marke fallen. Das ist auch das einzige Land, in dem die Anzahl der Langzeitarbeitslosen zurückgegangen ist.

Der Bericht untersucht auch die Entwicklung von Löhnen und Gehältern. Seit 2009 seien die Reallöhne im gesamten OECD-Raum de facto nicht gestiegen. In Österreich sind die Löhne in dieser Zeit um durchschnittlich 0,5 Prozent gestiegen. In Griechenland sind sie sogar um fünf Prozent niedriger als vor der Krise. "Zwar haben Lohnkürzungen in den Krisenländern dazu beigetragen, die Arbeitslosigkeit einzudämmen und die Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen, weitere Kürzungen wären aber kontraproduktiv und würden weder neue Jobs, noch mehr Nachfrage schaffen", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría in Paris. Am stärksten sind die Gehälter mit zwei Prozent in Polen und Norwegen gestiegen.

Der Beschäftigungsausblick der OECD misst heuer erstmals auch die Qualität der Arbeit in den 32 OECD-Ländern. In der Berechnung werden Einkommenshöhe und -unsicherheit, Risiko für den Jobverlust und Qualität des Arbeitsumfeldes. Bei der Jobsicherheit landet Österreich auf Platz sechs von 34 Ländern, da hier das Risiko seinen Job zu verlieren relativ gering ist. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt mit 25.373 Euro brutto im OECD-Schnitt. Schlecht schneidet Österreich bei der Arbeitsplatzqualität ab (Platz 27). Hoher Zeitdruck und lange Arbeitszeiten fördern Burn-out und Depressionen, so der Bericht.

Warten auf Arbeit

Zurück nach Wien ins AMS: Was Dinc am meisten stört, ist das ewige Warten auf Arbeit. Die unzähligen Absagen von Firmen machen nämlich depressiv. Er hätte lieber eine fixe Stelle, als von Kurs zu Kurs zu tingeln. "Die Teilnehmer dort sind nicht immer sozial und lernwillig. Oft machen sie auch ausländerfeindliche Bemerkungen", sagt der 17-Jährige. Je länger er auf die erhoffte Stelle als Maurer oder Spengler wartet, desto mehr verlässt ihn die Hoffnung auf den Wunschjob. "Anfangs, direkt nach der Schule, sind die Jugendlichen noch optimistisch, doch je länger das Suchen nach Arbeit dauert, treten Selbstzweifel und Fragen nach den eigenen Fähigkeiten auf", sagt Gerda Challupner zur "Wiener Zeitung".