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Das Facebook-Debakel: Cambridge Analytica

Von Isolde Charim

Gastkommentare
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Foto: Daniel Novotny

Über die Kapitalisierung von Wahlen.


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Cambridge Analytica ist nicht nur der Name für das Versagen von Facebook, für den Punkt des Scheiterns von social medias. Cambridge Analytica - jene Firma, die versprach, mit erschlichenen User-Informationen Wahlwerbung in Wählermanipulation zu verwandeln - ist der Name für eine tatsächliche Gefährdung der Demokratie. Man muss aber deutlich sehen, worin diese Gefahr besteht.

Zu Recht warnen kluge Kommentatoren vor dem Mehrwert, den dieser Skandal verspricht: Er biete einen einfachen Trost für Brexit und Trump (Manuel Escher). Er verleite dazu, "dunkle Verführungskünste" zu imaginieren als "magische Erklärung für Trumps Sieg" (Sascha Lobo). Der Skandal erlaube also, von den wahren Ursachen dieser politischen Entwicklungen abzusehen. Das ist zweifellos richtig. Die Dimension dieses Debakels, ja dieser Entwicklung - denn das hier ist kein Einzelfall, bestenfalls ein Symptom - geht darüber aber noch hinaus.

Da sind zum einen die kriminellen Machenschaften. Die werden Gerichte zu klären haben. Und da ist zum anderen die Funktionsweise von Facebook, die nicht erst kriminell missbraucht zu werden braucht, um zur Propagandamaschine, zur Maschine für politische Werbung ohne Inhalt zu werden. Auf den Punkt gebracht zeigt sich hier: Die Kapitalisierung aller Lebensbereiche macht auch vor demokratischen Verfahren nicht Halt. Cambridge Analytica ist der Name für die Kapitalisierung von Wahlen. Und das ist eine wirkliche Bedrohung für die Demokratie.

Wahlen können ihre unentbehrliche gesellschaftliche Funktion nur dann erfüllen, wenn der doppelte Aberglaube, auf dem sie beruhen, unangetastet bleibt - so der paradoxe Befund des amerikanischen Politologen Murray Edelman: Der eine sei der Aberglaube an die Kontrollfunktion von Wahlen und der andere sei der Aberglaube des Wählers an die Rationalität seiner Stimmenabgabe.

Die Facebook-Affäre aber zeigt: Wir, die Wähler, mögen daran glauben, autonome, selbstbestimmte Subjekte zu sein. Dieser Glaube ist die Grundlage für die rationale Prozedur. Die Politiker aber, die sich solcher Methoden bedienen, die teilen diesen Aberglauben nicht. Die haben einen anderen: Sie glauben an die Werbung. Sie glauben an die endlose Manipulierbarkeit der Wähler. Ihr Aberglauben ist es, den Wähler auf ein Reiz-Reaktionsschema zu reduzieren. Ihr Aberglaube ist es, den Wähler als Werbevieh zu betrachten. Diese Wählerverachtung ist das, was die Demokratie bedroht.

Natürlich trifft niemand eine Wahlentscheidung, die ihm bislang undenkbar schien, nur weil er eine für ihn maßgeschneiderte Werbung erhält. Wenn es so etwas wie Wählermanipulation gibt, dann findet diese nicht auf der inhaltlichen, der expliziten, sondern auf der mitschwingenden, unausgesprochenen emotionalen Ebene der Informationen statt. Da geht es darum, Stimmungen zu erzeugen. Da geht es um die Herstellung eines Einvernehmens mit den Wählern.

Wenn dieses heute aber mittels Fake News und manipulierten Botschaften geschieht, dann stellt sich die Frage: Wie soll man in Zukunft noch wählen? Abgeschottet von allen Informationskanälen? Die Kapitalisierung von Wahlen diskreditiert die Institution der Wahl selbst.