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Das Fassbinderhandwerk hat wieder goldenen Boden

Von Helmut Dité

Wirtschaft

Nein, die neu aufgeflammte Diskussion der Winzer und Weinkenner über die Frage "Großes Lagerfass" oder "Barrique" macht der Familie Stockinger im niederösterreichischen Waidhofen an der Ybbs kein Kopfzerbrechen: Beides kann die Binderei in bester Qualität liefern. Seit gut 300 Jahren werden in der Bindergasse Fässer gebunden - das einst beinahe schon ausgestorbene Gewerbe blüht wieder, seit die Weinkultur sich hier zu Lande zu neuen Höhen aufgeschwungen hat.


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Ganze zehn Betriebe gibt es noch in Österreich, die allein von der Fassbinderei leben können, gut die Hälfte davon sind allerdings Ein-Mann-Unternehmen, nur vier bis fünf Betriebe beschäftigen auch Mitarbeiter.

Zwölf Leute beschäftigt Franz Stockinger in Waidhofen. Sein Vater hat den Betrieb von der Familie Möst übernommen, die keinen Nachfolger hatte. Die Spuren des Unternehmens lassen sich gut 330 Jahre zurückverfolgen - man nimmt an, dass die Tradition noch länger zurückreicht, aber ältere Aufzeichnungen gibt es nicht, ein Großbrand hat die Stadt an der Ybbs damals verwüstet.

Fassbinder ist ein Lehrberuf - mittlerweile gibt es an der Berufsschule in Pöchlarn an der Donau wieder acht Lehrlinge - bis vor wenigen Jahren wurde dort dieser Beruf unter Dispens quasi mit den Tischlern und Zimmerleuten mitgeschleppt, damit die Tradition nicht ausstirbt. "Dabei ist der Fassbinder, was den Umgang mit Massivholz betrifft, wahrscheinlich der fundierteste von allen".

Und Holz - das ist das Wichtigste. "Die Erfahrung beim Holzeinkauf, der ein Vertrauensgeschäft ist, bildet die Basis für unsere hochwertigen Fässer", betont Stockinger. Österreichische Eiche ist es in erster Linie, aber auch aus Deutschland und Frankreich kommt der Rohstoff. Die gelieferten Baumstämme werden sofort zu Fassdauben verarbeitet und dann gelagert. "Fassholz braucht wie der Wein Zeit zum Reifen", erklärt der Meister. Je nach Stärke und Art des Holzes dauert das zwei bis sieben Jahre: "Die klimatischen Bedingungen der Region begünstigen die Daubenholzreifung".

Die fertigen Lagerfässer, Barriques und Gärbottiche gehen an die wachsende Zahl österreichischer Winzer, die sich höherer Weinqualität verschreiben haben, ein beträchtlicher Teil der Produktion wird exportiert. In die Toskana, den Piemont, an Rhein und Mosel und sogar ins Mutterland der Weinkultur, nach Frankreich. Auch in Ungarn gibt es mittlerweile Winzer, die mit Qualitätsweinen gut Geld verdienen und Stockingers Fässer zu schätzen wissen.

Der Trend zur Qualität im Weinbau hat dafür gesorgt, dass die Fassbinderei Stockinger sehr zuversichtlich in die Zukunft blicke kann "Ohne diese Wende würde es uns nicht mehr geben, das muss man klar sehen", meint Franz Stockinger. Dennoch ist er kein Freund von zu viel und zu schnellem Wachstum. "Ich bin ein Handwerker, kein Manager", meint er. Organisches Wachstum, langsames Reifen, Überschaubarkeit, sind seine Devise. Und über allem: Die Qualität. "Wir haben mittlerweile einen sehr guten Namen, den setzen wir nicht aufs Spiel".

Und was die Diskussion Lagerfass oder Fässchen betrifft, da bleibt Weinkenner Stockinger ganz gelassen: "Wir bieten Barriques bis 500 Liter an. Und Lagerfässer bis 20.000 Liter, rund oder oval, ganz nach den Bedürfnisse des Kunden. Unlängst war ein renommierter deutscher Rieslingproduzent bei mir, der meint, für seinen Weißwein, der nicht so intensiv atmen muss wie ein Roter, sei das große Fass ideal - aber Eiche muss es sein".