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Das Fest der Kwakiutl

Von Christian Hoffmann

Reflexionen
Indianer auf dem Weg zum Potlatsch, gemalt von William L. Kihn
© Corbis

Weihnachten gilt als das Fest des Schenkens. Doch die eigentlichen, bis heute unerreichten Meister in dieser Disziplin waren die alten Kwakiutl, ein Indianerstamm im fernen Kanada, der den Potlatsch pflegte, eine Orgie des Schenkens.


Etwa fünftausend Personen zählen sich heute noch zum Indianerstamm der Kwakiutl an der kanadischen Westküste, rund zweihundert beherrschen angeblich noch die alte Sprache. Die engere Heimat der "Kwakwakawakw", wie der Name heutzutage auch transkribiert wird, ist Vancouver Island und die nahe Küste von British Columbia. Steile Berge, die Gezeiten des Pazifiks, schmale Fjorde und ausgedehnte Wälder gehören zu diesen Landstrichen. Einst waren es dreißig Stämme, die von Fischfang, Holzgewinnung, Kupferabbau und Handwerk lebten und ausgedehnte Raubzüge an der Küste nach Süden unternahmen, von wo sie Sklaven mitbrachten, die ein Teil ihres Reichtums waren.

Das Volk der Kwakiutl pflegte eine einzigartige Form des Schenkens, den Potlatsch. Marcel Mauss, der Urvater der Ethnologie, widmete diesem Ritual einen großen Teils seines Werks "Die Gabe" und prägte damit Generationen von Sozialforschern. Manche Denker, wie der den Surrealisten nahestehende Schriftsteller Georges Bataille, wollten in der Verschwendung des Potlatsch sogar ein Gegenmodell zur kapitalistischen, von Raffgier bestimmten Lebensform sehen.

Krieg des Schenkens

Beim "Fest des Schenkens", das übrigens seit dem Jahr 1884 von den kanadischen Behörden offiziell verboten war, um die Verarmung ganzer Stämme zu verhindern, trafen Häuptlinge oder Clans zusammen, um ihre Gäste gnadenlos mit Geschenken zu überhäufen: Waffen, Hausrat, Schmuck und vor allem Kupfer, das besonders hoch im Kurs stand. Es konnte bei einem ausufernden Potlatsch sogar vorkommen, dass zum Höhepunkt des Festes wertvolle Güter, die nicht verschenkt worden waren, rituell zerstört wurden, um den Wohlstand des Schenkenden drastisch zu unterstreichen. Manche Quellen sprechen sogar davon, dass ein Einzelfällen auch Sklaven im Pazifik ertränkt worden seien, um den Überfluss deutlich zu machen, aus dem die Gastgeber schöpfen konnten. Beim letzten illegalen Potlatsch, der allen Verboten zum Trotz im Jahr 1936 stattfand, wurden angeblich in einem Durchgang 30.000 kostbare handgewebte Decken verschenkt. Außerdem sollen gravierte Kupferplatten in Wert von vielen tausend Dollar demonstrativ im Meer versenkt worden sein.

"Verbrauch und Zerstörung", schreibt Marcel Mauss in seinem klassischen Werk über die rituellen Geschenksorgien der Kwakiutl, "sind so gut wie unbegrenzt. Bei einigen Potlatsch ist man gezwungen alles auszugeben, was man besitzt; man darf nichts zurückbehalten. Derjenige, der seinen Reichtum am verschwenderischsten ausgibt, gewinnt an Prestige." In diesem Zusammenhang unterstreicht Mauss den aggressiven Charakter des Schenkens beim Potlatsch und spricht auch manchmal vom "Krieg des Schenkens", bei dem es für Häuptlinge und ihre Stämme um die Ehre, das heißt um ihre soziale Existenz ging. Denn der, der ein Geschenk nicht erwidert und es mit einem Gegengeschenk übertrifft, ist gesellschaftlich erledigt.

Marcel Mauss studierte am Potlatsch, "der monströsen Ausgeburt des Geschenksystems", eine soziale Mechanik, die auch andere Gesellschaften kennen. Kerngedanke ist dabei die Erwartung, die mit dem Geschenk verbunden ist, nämlich die, dass es mit einer Gegengabe erwidert wird. Der Beschenkte wird also zum Schuldner des Schenkenden, der ein Anrecht auf eine Vergeltung seiner Gabe hat, womit eine soziale Beziehung zwischen den beiden entsteht.

Soziale Mechanik

Die soziale Mechanik des Schenkens kennen natürlich auch andere Völker zu anderen Zeiten. In Europa wird schon in der Antike die "Ars donandi", die Kunst des Schenkens, gepflegt. Schon in den Epen Homers, des Urdichters Europas, ist vor fast dreitausend Jahren im Zusammenhang von großen Gelagen und Besuchen immer die Rede von "Ehrengeschenken" oder "Gastgeschenken", manchmal auch schon davon, dass sich die Adeligen sehr teure Geschenke an besonders wichtige Gäste durch öffentliche Umlagen, also Steuern, finanzieren lassen. So werden im Zusammenhang mit dem Besuch des Helden Odysseus am Hof von Alkinoos, dem König der Phäaken, nicht nur teure Kleider und "Gold von künstlicher Arbeit" als Geschenk der Fürsten an den Gast erwähnt, sondern auch ein wertvolles "dreifüßiges Geschirr" und ein dazugehöriges Becken, dessen Kosten die Herrscher später "vom versammelten Volke" zurückfordern wollen.

Die Frage, die auch im zeitgenössischen Weihnachtsgeschäft für so manchen entsteht, ist also ein wichtiger Teil der Mechanik des Schenkens, nämlich die der Aneignung der Reichtümer, die verschenkt werden. Noch die europäischen Adelsgesellschaften des Mittelalters verwendeten in diesem Zusammenhang eine recht geradlinige Methode, den "roub", ein Wort, das sich leicht ins moderne Deutsch übersetzt. Quelle des Reichtums und damit des Schenkens war über Jahrhunderte die nackte Gewalt, die Fähigkeit, beliebige Feinde militärisch zu unterwerfen und sich an deren Besitztümern zu bedienen. Manche Historiker wie etwa Georges Duby vertreten sogar die Meinung, dass die Raubzüge mittelalterlicher Ritter mit besonderer Gier betrieben wurden, um besonders großzügig schenken und entsprechend rauschende Feste veranstalten zu können.

So wird auch berichtet, dass es im frühen Mittelalter den Königen der Merowinger schwer fiel, Steuern einzuheben, weil sich der adelige Kriegerstand durch das Bezahlen von Steuern erniedrigt gefühlt hätte. Gelöst wurde das Problem, indem anstelle von Steuern die Pflicht eingeführt wurde, dem König bei bestimmten Anlässen Geschenke zu überbringen, wodurch die Freien immerhin die Möglichkeit behielten, Art und Wert der Geschenke selbst zu bestimmen.

Elfenopfer

Geschenke waren selbstverständlich auch von rituellen Handlungen nicht wegzudenken, bei der Bestattung von Toten oder bei der Zwiesprache mit göttlichen Wesen. Daher werden schon seit Jahrtausenden bei den Feiern zur Zeit der Wintersonnwende rund um den 21. Dezember Geschenke gemacht, zum Beispiel bei den Saturnalien der Römer, zu Ehren Saturns, des Gottes der Landwirtschaft, ein Fest, das manche aus ägyptischen Bräuchen herleiten, andere mit dem syrischen Baal-Kult in Verbindung bringen oder wieder andere mit der Verehrung des persischen Gottes Mithras.

Aber auch die Heiden nördlich des römischen Reiches wussten die Zeit der langen Nächte und die Hoffnung auf einen wiederkehrenden Frühling zu feiern. Etwa im germanischen Julfest schienen üppige Opferrituale üblich gewesen zu sein, die das Missfallen der frühen christlichen Prediger erregten. Noch schlimmer waren Feiern im hohen Norden, wie das Elfenopfer ("alfablot"), das in den Schriften des Snorri Sturlusons geschildert wird, eines altisländischen Dichers, der zu Beginn des 13. Jahrhunderts gelebt hat. Er erwähnt in einem Epos ein Elfenopfer im norwegischen Trondelag, an dem teilzunehmen der christliche König Hakoon mit dem Beinahmen der Gute genötigt worden war, um Anerkennung bei den Einheimischen zu finden. Ob der christliche König nun wirklich in jener Nacht mit den Heiden Opferblut getrunken hat, oder ob dieses Detail auf einen Übersetzungsfehler zurückgeht, bleibt umstritten; feststeht, dass an der bezeichneten Stelle zahlreiche Goldglubber, wertvolle Opfergaben, gefunden wurden, vermutlich rituelle Geschenke, die den Elfen dargebracht worden waren, und dass die Teilnahme an dem Ritual auch für den christlichen König unerlässlich war, um Einfluss zu gewinnen.

So entwickelte sich in mehreren hundert Jahren das christliche Weihnachtfest als Zugeständnis an die ausschweifenden Bräuche, mit denen die Heiden im Winter ihre Sehnsucht nach Sonne und Frühling ausdrückten. Das heidnische Bedürfnis nach Geschenken, mit denen man sich göttliche Wesen oder die Geister strenger Vorfahren gewogen machte, hat sich aber auf jeden Fall erhalten. Die Konsumorgie, die man Weihnachtsgeschäft nennt, dient mancherorts als Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung, also für das Maß an verfügbarem Überfluss. Das sind jedoch Dimensionen, denen die alten Kwakiutl wohl nicht gewachsen gewesen wären.