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Das Fest für Menschen guten Willens

Von Heiner Boberski

Reflexionen

Die Bevölkerung ist gespalten, diagnostizierten Beobachter jüngst anlässlich der Bundespräsidentenwahl.


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"So this is Christmas / And what have you done / Another year over / And a new one just begun."

Das ist Weihnachten, und was hast du getan? Wieder ein Jahr vorbei, ein neues gerade begonnen. So heißt es bei John Lennon, der - gemeinsam mit Yoko Ono - 1971 das Weihnachtslied "Happy Xmas (War Is Over)" geschrieben hat, obwohl man ihm nicht gerade Religiosität nachsagen kann.

In "Imagine", einem seiner bekanntesten Songs, sympathisiert Lennon mit der Vorstellung, dass es keinen Himmel und keine Religion gibt. In seinen Beatles-Jahren fiel er mit dem Spruch auf, seine Band sei populärer als Jesus Christus, dessen Geburt Christen in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember feiern. Zugleich aber hat Lennon, der 1980 im Alter von 40 Jahren in New York hinterrücks erschossen wurde, humanistische Botschaften verkündet, die sich mit christlichen Anliegen decken, beispielsweise mit dem Appell "Give peace a chance!"

An Weihnachten kommt offensichtlich keiner vorbei, mag er religiös sein oder nicht. Alle Jahre wieder versammeln sich Menschen zu Feiern, Belegschaften von Betrieben schon in der Vorweihnachtszeit, Klein- und Großfamilien am Heiligen Abend. Die Frage ist, ob noch ein gewisser Konsens in der Gesellschaft darüber besteht, was und warum gefeiert wird. Aus Umfragen geht längst hervor, dass nur noch eine Minderheit Weihnachten als besinnlich-religiöses Fest ansieht, die meisten verbinden damit eine Festivität des Schenkens und Kaufens oder ein Fest für die Familie.

Kaum Begeisterung

Wenn man, zumindest in der Großstadt, die Leute auf den Straßen betrachtet oder wenn man ihre Gespräche in den Lokalen verfolgt, hat man häufig den Eindruck, dass das Fest nicht allzu große Begeisterung auslöst.

"War is over" ("If you want it", kleingeschrieben) war die hoffnungsvolle Botschaft in John Lennons und Yoko Onos Weihnachtslied aus dem Jahr 1971.
© YouTube

Sieht man von den Kindern ab, denen oft schon eine gewisse Vorfreude auf die Geschenke - und natürlich auf die Weihnachtsferien - anzumerken ist, wirken die Menschen eher hektisch, gestresst oder vom Nachdenken darüber gequält, ob man nicht jemanden vergessen hat, den man beschenken oder mit einer Weihnachtskarte bedenken sollte. Manche grübeln, wie sie feiern sollen, da womöglich die Ehe zerbrochen, die Familie zerrissen und zerstritten ist.

Es ist möglich, aber schwierig, hinter all dem Kaufrausch, den Geschenkebergen, den teils schon sehr mechanisch ablaufenden Ritualen noch zu einer sehr persönlichen Weihnachtsfreude zu finden. Die Frage nach dem ursprünglichen Sinn des Weihnachtsfestes droht in lächerlichen Debatten, ob jemand an den Weihnachtsmann oder an das Christkind als Geschenkebringer "glaubt", unterzugehen. Zuletzt wurde ein Pfarrer, der Schulkindern erklärt hatte, dass zwar die Geburt des Christkindes gefeiert wird, die Geschenke aber von den Eltern kommen, vom Kolumnisten eines Massenblattes derart beschimpft, dass sich sogar der Wiener Kardinal veranlasst sah, den Priester in Schutz zu nehmen und den Kolumnisten zurechtzuweisen.

Was aber ist der ursprüngliche Sinn von Weihnachten? Korrekterweise muss man feststellen, dass auch die Christen den Termin von Weihnachten nicht erfunden, sondern für das Geburtsfest ihres Herrn übernommen haben. Schon in Urzeiten haben Menschen die Wintersonnenwende und damit die Rückkehr längerer Tage und kürzerer Nächte gefeiert, die Römer machten daraus das Fest des "Sol invictus", des unbesiegten Sonnengottes. Den 25. Dezember als Feiertag für Licht und Leben auf Christus zu beziehen, der sich selbst als "der Weg, die Wahrheit und das Leben" bezeichnet hat, war eine kluge Idee des jungen Christentums.

Dass Jesus von Nazareth wirklich an diesem Tag geboren wurde, gilt als äußerst unwahrscheinlich, vor allem dann, wenn man den biblischen Bericht für bare Münze nimmt. In dieser Jahreszeit hielten sich auch im alten Israel kaum Hirten mit ihrer Herde auf freiem Feld auf.

Viel Halbwissen

Leider besteht, was die Bibel betrifft, viel Halbwissen. Dabei lohnt es sich, die Texte der Bibel - insbesondere in Ausgaben, die schwer verständliche Passagen klug kommentieren - genau zu lesen und einmal die Vorurteile, die man gegenüber kirchlichen Instanzen hegen mag, beiseite zu lassen. Es ist zudem reizvoll, zwei soeben neu überarbeitete Bibelausgaben - die aktuelle katholische Einheitsübersetzung und die zum Reformationsjubiläum neu aufgelegte evangelische Lutherbibel - zu vergleichen. Was Weihnachten anlangt, lauteten zum Beispiel die Übersetzungen der Worte, die dem Engelruf "Ehre sei Gott in der Höhe" folgen, seit jeher unterschiedlich: "und Friede den Menschen seiner Gnade" oder "den Menschen seines Wohlgefallens" oder "den Menschen guten Willens".

Dass unsere Kultur von der Geburt des Jesus von Nazareth geprägt ist, beweist schon unsere Zeitrechnung, die auf diesem Ereignis beruht. Wir wissen aber heute, dass diese Zeitrechnung falsch ist. Jesus muss vor dem Jahr 1 christlicher Zeitrechnung geboren worden sein, denn der berüchtigte König Herodes, der durch den Kindermord von Bethlehem - der historisch bisher weder belegt noch widerlegt ist - auch den kleinen Jesus umbringen wollte, war damals nachweislich schon ein paar Jahre tot.

Was sich um die Geburt Jesu abspielte, ist historisch ebenso wenig fassbar wie andere biblische Berichte, ob aus dem Alten oder dem Neuen Testament. "Man kann die Bibel wörtlich nehmen oder man kann sie ernst nehmen", hat der jüdische Religionsphilosoph Pinchas Lapide einmal erklärt. Es ist möglich, die Texte rational zu zerpflücken oder sich von den starken Bildern berühren zu lassen. Vielleicht hat unser "postfaktisches Zeitalter" für diese Sicht sogar mehr Verständnis als frühere Epochen. Wesentlich sind dann eben nicht die historischen Fakten, sondern die Botschaften, die zum Ausdruck gebracht werden sollen. Und eine dieser Botschaften vermittelt, was Weihnachten betrifft, ein zu diesem Fest in den Kirchen vorgetragener Text des Propheten Jesaja: "Alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes."

Ein Fest zunehmendohne religiöse Deutung

In einer Gesellschaft, die zu einem großen Teil den Glauben da-ran verloren hat, in Jesus Christus den Sohn Gottes und Erlöser der Welt zu sehen, werden christliche Feste zwar weiter begangen, aber zunehmend ohne religiöse Deutung. Das Schenken, das zu einem schönen Brauch geworden ist, wobei es Christen mit dem Gottesgeschenk Jesus verbunden haben, stellt heute für viele den Hauptinhalt von Weihnachten dar.

Dazu kommen gutes Essen und Trinken im Familienkreis. Punschstände und Christkindlmärkte, festlich beleuchtete Straßen, Einkaufstempel mit einschlägiger Musikberieselung, rote Zipfelmützen und überreich behängte Nadelbäume haben das Kind in der Krippe an jenen Rand gedrängt, an dem es wohl auch vor 2000 Jahren geboren wurde.

Der religiöse Zugang zu solchen Festen ist nicht zufällig geschwunden. Wer sich des vielen Unheils bewusst ist, das oft von Vertretern der Religionen ausgegangen ist, darf angesichts der Jesaja-Stelle sehr wohl skeptische Fragen stellen: Wo sehen denn alle Gottes Heil? Was haben 2000 Jahre Christentum schon bewirkt? Warum setzt sich das nach christlicher Auffassung Gute nicht durch? Warum schauen die Christen nicht "erlöster" aus?

Eine mögliche Antwort lässt sich aus dem zu Weihnachten gelesenen Prolog des Johannes-Evangeliums herauslesen: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf." Schon Jesus selbst ist gescheitert und wurde ans Kreuz geschlagen. Aber die junge Kirche ist gewachsen und hat seine Lehren weltweit verbreitet. Und niemand kann bestreiten, dass das nicht immense gesellschaftliche Auswirkungen hatte - wiewohl so mancher Fortschritt, obwohl er eine urchristliche Basis hatte, gegen den massiven Widerstand der auf Machterhalt bedachten Institution Kirche erkämpft werden musste.

Wenn es um die Macht geht - aber genau um die sollte es Christen, wenn sie an das Kind in der Krippe denken, nicht gehen -, lassen sich auch religiös gesinnte Menschen leicht korrumpieren. Sie gehen dann, wobei sie sich im schlimmsten Fall auch noch darauf berufen, "im Namen Gottes" zu handeln, besonders gewalttätig und rücksichtslos vor. Die Beispiele dafür in der Weltgeschichte sind zahllos - und sie fallen auf die Religionen zurück, mögen auch jene Christen, die eine Blutspur durch die Geschichte gezogen haben, und jene Muslime, die sich heute dem Terror verschrieben haben, gar nicht verdienen, als religiöse Menschen bezeichnet zu werden. Faktum ist, dass weltweit momentan die Christen am meisten unter Verfolgung aus religiösen Gründen leiden.

Man könnte nun natürlich auch die Gegenfrage stellen: Was haben denn die vielen rein irdischen Heilslehren bewirkt? Wo gab es denn Ansätze zum "Paradies auf Erden"? Tragen wir nicht beispielsweise heute noch schwer an den Folgen jener Zeit, in der am meisten "Heil" gebrüllt wurde?

Führen uns nicht viele Ereignisse und Entwicklungen vor Augen, dass der Mensch nie imstande ist, die perfekte "heile" Welt zu schaffen, sondern dass mit vielen seiner Errungenschaften auch neue Gefahrenpotentiale verbunden sind? Wenn es von Jahr zu Jahr unsicherer wird, ob wir "White Christmas" und "Sleighbells in the Snow" nicht nur besingen, sondern auch erleben dürfen, begreifen mit der Zeit vielleicht alle, dass es die Klimaerwärmung wirklich gibt und dass der Mensch entscheidend zu ihr beiträgt.

John Lennon stellt in seinem Weihnachtslied die Frage, was jeder von uns getan hat. Denn Weihnachten liegt am Ende des Kalenderjahres. Da werden Jahresbilanzen gezogen. Blicken wir nüchtern auf 2016 zurück, so wird uns auf der politischen Ebene wenig einfallen, was Grund zur Hoffnung gibt. Für Österreich ist eine nach mehreren Anläufen - Wort des Jahres: Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung - geglückte Kür eines neuen Staatsoberhauptes noch kein echtes Erfolgserlebnis.

Zahlreiche Entwicklungen geben Anlass zu großer Sorge: In Europa sind es der Vormarsch des Nationalismus und der mit dem "Brexit" spürbar gewordene Niedergang der Europäischen Union, weltweit ist es der zunehmende Ruf nach dem "starken Mann" - mag er nun Trump oder Putin, Erdogan oder Duterte heißen.

Nicht nur die Werte der Reli- gion, auch jene des Humanismus und der Aufklärung, die man oft als Überwinderin der Religion angesehen hat, sind heute bedroht.

Man rufe sich nur jenes berühmte Zitat des französischen Rechtsphilosophen Montesquieu in Erinnerung, das sich im 18. Jahrhundert gegen einen Nationalismus richtete, wie wir ihn heute wieder erleben müssen: "Wüsste ich etwas, das zwar nützlich für mich sein könnte, aber schädlich für meine Familie, so würde ich es mir aus dem Kopf schlagen. Wüsste ich etwas, das zwar nützlich für meine Familie sein könnte, aber schädlich für meine Nation, so würde ich mich bemühen, es zu vergessen. Und wüsste ich etwas, das zwar meiner Nation nützlich sein könnte, aber schädlich für Europa und die Menschheit wäre, so würde ich es als ein Verbrechen ansehen."

Gespaltene Gesellschaft als Herausforderung

Wenn sich heute eine gespaltene Gesellschaft zeigt - Frauen, Städter, Gebildete und Optimisten entscheiden politisch mehrheitlich anders als die Mehrheit der Männer, der Landbevölkerung, der weniger Gebildeten und der Pessimisten -, stellt das eine große Herausforderung dar. Sollten nicht gerade die "Menschen guten Willens", die es sicher in allen Bevölkerungsgruppen gibt, diese Herausforderung annehmen und an neuen Brücken bauen? In einem neuen Weihnachtslied heißt es: "Hoffnung ist da, von Gott anvertraut. Was auch geschah, die Brücke ist gebaut!"

Man muss nicht unbedingt die christliche Überzeugung teilen, dass Weihnachten die Inkarnation Gottes in die Menschheit, den Brückenschlag vom Himmel zur Erde markiert. Sowohl als Christ als auch als reiner Humanist kann man sich um einen Brückenschlag zwischen den vielen Menschen bemühen, die einander mit Unverständnis, ja sogar mit Feindseligkeit gegenüberstehen.

Voraussetzung ist freilich ein Mindestmaß an Toleranz, denn mit völlig intoleranten Menschen - mag diese Intoleranz nun auf religiösem oder politischem Fanatismus oder sonstiger Engstirnigkeit beruhen - kommt in der Regel kein echter Dialog zustande.

Ein weihnachtliches Thema kennzeichnet sehr gut, wo heute eine wesentliche Trennlinie in unserer Gesellschaft verläuft: das Herbergssuchen. Maria musste ihr Kind in einem Stall zur Welt bringen, weil in der Herberge kein Platz war. Die ländliche Tradition führt sehr anschaulich vor Augen, wie die hartherzigen Wirtsleute von Bethlehem in Judäa dem Paar aus Galiläa die Aufnahme verweigerten. Die Parallelen zur heutigen Flüchtlingspolitik in Europa - am liebsten "Weiter um ein Haus" oder "Zurück an die EU-Grenze" (also nach Griechenland oder Italien) - sind greifbar.

Diese Politik mag einige logische Gründe haben, christlich oder human ist sie nicht. Entscheidend dafür sind wohl in erster Linie Ängste: einerseits die Ängste der Regierenden vor der rechtsgerichteten Opposition, anderseits die von diesen Rechtspopulisten ständig geschürten Ängste der Bevölkerung vor kriminellen, die eigene Kultur bedrohenden Ausländern.

Immer wieder verstellt auch das Handeln von Menschen, die sich als Christen deklarieren, den Blick auf das Heil. Mit Sorge um das Abendland wird unchristliches Handeln begründet. Wer sich am barmherzigen Samariter der Bibel orientiert, erhält die abwertend gemeinte Bezeichnung "Gutmensch".

Wenn es lange üblich war, das Heil ängstlich zu hüten, zu verkünden, dass es außerhalb der Kirche gar nicht vorhanden sei ("Extra ecclesia nulla salus"), und damit gewisse Feindbilder aufzubauen, so entsprach das nicht der Weihnachtsbotschaft. Nicht durch Ausgrenzung und Abgrenzung kommt das Heil. Alle Welt soll es "schauen", alle sind dazu berufen. Entscheidend sind, so der Apostel Paulus im Brief an Titus, nicht die Werke, sondern die Gnade Gottes. Zu guten Werken sind sowohl gläubige als auch human denkende Menschen "guten Willens" befähigt.

"Von guten Mächten wunderbar geborgen"

Weihnachten ist ein Fest, das Zuversicht geben soll - für das nächste Jahr und darüber hinaus. Es berührt noch heute, mit welchem Gedicht ein gläubiger Mensch, der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, in NS-Gefangenschaft das Jahr 1945, in dem er hingerichtet wurde, begrüßt hat:

"Von guten Mächten wunderbar geborgen / behütet und getröstet wunderbar / so will ich diese Tage mit euch leben / und mit euch gehen in ein neues Jahr / . . . von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag / Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag."

Mit den am Ende seines Weihnachtsliedes geäußerten Wünschen von John Lennon und seinem Hoffen auf ein Jahr ohne Ängste sollten sich sowohl gläubige als auch rein humanistisch eingestellte Menschen identifizieren können: "Eine sehr fröhliche Weihnacht und ein glückliches Neues Jahr. Lasst uns hoffen, dass es ein gutes wird, ohne irgendeine Angst. Der Krieg ist vorbei, vorbei, wenn ihr es wollt. Der Krieg ist vorbei, jetzt . . ."

"A very merry Christmas / and a happy New Year / Let’s hope it’s a good one / without any fear / War is over / over, if you want it / War is over / now . . .

Heiner Boberski, geboren 1950 in Linz, von 1995 bis 2001 Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Furche", von 2004 bis 2015 Redakteur im Feuilleton der "Wiener Zeitung", Verfasser bzw. Co-Autor zahlreicher Bücher, u.a. "Habemus papam" (2005), "Geheimnis Vatikan" (2006), "Weltmacht oder Auslaufmodell – Religionen im 21. Jahrhundert" (2013).