Zum Hauptinhalt springen

Das fragile Gleichgewicht

Von Isolde Charim

Kommentare
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.
© Daniel Novotny

Es wird nicht leicht werden: Köln und die Zukunft.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 8 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Manchmal hat man ein gutes Argument - und es hilft dennoch nicht. Genau das passiert derzeit Frauenrechtlerinnen, die versuchen, gegen sexuelle Gewalt aufzutreten und gleichzeitig der ausländerfeindlichen Vergiftung des öffentlichen Diskurses nach der Kölner Silvesternacht entgegenzuwirken. Sie belegen völlig zu Recht, dass Frauen auch hierzulande, auch von "weißen" Männern missbraucht werden. Und dennoch funktioniert das Argument nicht. Nicht weil sie den Hasen "Kultur" im Zylinder verschwinden lassen wollen - wie etwa den Autorinnen des Aufrufes #ausnahmslos vorgeworfen wird. Auch nicht, weil das Kölner "taharrush gamea" so anders wäre als etwa das Oktoberfest - wo Frauen offen und mit kollektiver Billigung belästigt werden. Nein, die Aufrechnung der Sexismen funktioniert nicht, das richtige Argument greift nicht, weil es derzeit noch um etwas anderes geht: Die Täter von Köln haben nicht nur die Frauen verletzt, sie haben auch die Dankbarkeit verletzt, die sie uns schulden. Die Aufnahme der Flüchtlinge ist wie ein Kredit, ein Vorschuss, der zurückgezahlt werden soll. Die Täter aber haben das fragile Gleichgewicht von Geben und Nehmen, von Willkommenskultur und Bringschuld gestört.

Auch wenn man es vorher schon ahnte. Seit "Postcolognial" (Margarete Stokowski) wissen wir es: Es wird nicht leicht werden. Das, was jetzt kommen wird. Für niemanden. Insofern sollte man schauen, was auf einen zukommt.

Der niederländische Soziologe Paul Scheffer hat schon vor längerem vorgeschlagen, nach Amerika zu schauen, wo man erfolgreiche Erfahrungen mit großen Einwanderungen hat. Die Studien von Robert E. Park und der Chicagoer Schule der Soziologie haben einen "Zyklus" beschrieben, nach dem Integration verläuft. Auch wenn die Übergänge zwischen den einzelnen Etappen fließend seien, erkennen die Soziologen dennoch ein Muster, nach dem sich das Verhältnis von Einheimischen und Neuankömmlingen gestaltet. Das Muster ist ein 3-Schritt: Vermeidung - Konflikt - Verständigung. Zunächst würden Fremde und Autochthone auf Distanz bleiben. Vermeidung und Ablehnung wären die gewissermaßen "normalen" Anfangsreaktionen. Diese Abgrenzung lässt sich jedoch nicht ewig aufrechthalten. Irgendwann wird sie brüchig. Was dann folgt, ist nicht der Multikulti-Traum der Begegnung mit den Fremden - sondern vielmehr, so die Soziologen, die heikle Phase des Konflikts. Annäherung bedeutet also Konflikt. Selbst wenn die "Willkommenskultur" die erste Phase übersprungen haben mag, so gilt dennoch: Es gibt kein Beispiel von Massenmigration, das, so Scheffer, "konfliktfrei abgelaufen wäre". Denn Migration ist eine Verlusterfahrung: der Verlust der vertrauten Welt. Dieser hat zwar unterschiedliche Ausmaße, aber er gilt dennoch für beide Seiten. Eine Gemeinsamkeit, die trennt und nicht verbindet. Am Schluss aber steht, so die Soziologen, eine Form von Verständigung und Zusammenleben. Auch wenn dieses Modell keine Planung, sondern eine Erfahrung ist, so ist es doch eine amerikanische Erfahrung, eine amerikanische Erzählform - mit Happy End. Die Hürde für das europäische Publikum liegt in der Voraussetzung für dieses Happy End: der Notwendigkeit, dass sich alle verändern müssen. Und genau da haben die Frauenrechtlerinnen wieder recht.