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"Das Fremde fremd sein lassen"

Von Stefan Beig

Politik

"Uns fehlt eine Begegnungskultur." | Margot Käßmann sieht in Migration ein urbiblisches Thema. | Wien. In der Politik wurden Integration und Migration erst in jüngerer Zeit zu zentralen Themen - in der Menschheitsgeschichte sind sie es eigentlich schon immer. "Migration ist ein urbiblisches Motiv", betonte die deutsche evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin Margot Käßmann am Dienstag an der Uni Wien. Sie war für mehrere Vorträge nach Wien gekommen. "Fremd sein oder anpassen, integrieren oder okkupieren, abgrenzen oder assimilieren, das Eigene und das Andere - es sind Themen, die die Bibel auf faszinierende Weise durchbuchstabiert."


Käßmann, die bis Februar 2010 auch Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war, verwies zunächst auf das Alte Testament. Schon Adam und Eva mussten das Paradies verlassen. Klassische Wirtschaftsflüchtlinge seien aus heutiger Sicht Abraham und Sarah, die "in ein unbekanntes Land aufbrechen, getrieben von Hungersnot". Integrieren musste sich später auch Joseph, nachdem er gezwungenermaßen in Ägypten landete. "Moses führt das ganze Volk Israel bis zur Grenze des gelobten Landes. Dort werden die Israeliten kämpfen müssen, um ihre Kultur gegen die vorhandene Kultur des Landes Kanaan zu behaupten."

Und wie in der Fremde leben? Die Tipps der Propheten waren verschieden: "Die Gefangenen in Babylon haben Heimweh nach Jerusalem und der Prophet Jeremia rät ihnen, sich nicht zurückzusehnen, sondern dort, wo sie sind, Familien zu gründen und Häuser zu bauen. Der Prophet Elia hingegen wettert gegen die Baalspropheten und legt sich blutig mit Königin Izebel an."

Auch das Neue Testament beginnt mit der Flucht von Joseph, Maria und dem neugeborenen Jesus nach Ägypten. "Paulus schließlich wird der erste große reisende Missionar", hob Käßmann hervor. "Er ist es, der unermüdlich von Ort zu Ort geht, um das Evangelium zu verbreiten und schließlich die Grenze zu Europa überschreitet." Und auch Europa und das christliche Abendland wären ohne Migration erst gar nicht entstanden: "Die Völkerwanderungen des fünften Jahrhunderts haben zum Verfall des römischen Reiches geführt - wodurch sich das Christentum schließlich in ganz Europa ausbreiten konnte."

Freilich gehöre "Angst vor dem Fremden" zu den typischen Abwehrmechanismen in der Begegnung verschiedener Kulturen. Wie sollen wir damit umgehen? "Was wir nicht verstehen, macht uns Angst", meinte Käßmann mit Verweis auf den jüdischen Philosophen Emmanuel Levinas. Deshalb tendierten wir dazu, das Unverstandene und Fremde auf das bereits Verstandene zu reduzieren. Der evangelische Theologe Theo Sundermeier plädiere dafür, "das Fremde erst einmal fremd sein zu lassen." Er wende sich dagegen, fremde Kulturen immer im Vergleich zur eigenen zu sehen. "Verstehen ist der Ausdruck eines Versuchs, den Anderen in meinem Horizont unterzubringen." Es gelte vielmehr, die unverstandene Andersheit des Anderen auszuhalten. Käßmann forderte eine "Offenheit der Begegnung mit dem Anderen."

Angst vor anderen Religion sei ebenso bei interreligiösem Zusammenleben immer präsent gewesen. "Wer selbst im Besitz der Wahrheit zu sein glaubt, kann schwer tolerieren, dass andere Menschen anderes für sich als Wahrheit erkennen und religiös praktizieren." Tatsächlich bestünden zwischen den Religionen wichtige Unterschiede. "Das christliche Gottesbild etwa ist eines der Ohnmacht Gottes. Jesus greift nicht zum Schwert."

Religiosität muss nicht die Abgrenzung fördern

Neue Studien zeigten aber, dass Jugendliche, die in ihrer eigenen Religion beheimatet sind, wesentlich toleranter und interessierter an anderen Religionen seien. "Eigene Religiosität muss also nicht Abgrenzung fördern, sondern kann geradezu Voraussetzung für offene Begegnung sein."

Und Begegnung - nicht Abgrenzung - sei auch eines der Schlüsselwörter für die Zukunft. Im Hinblick auf türkische Zuwanderer, die auch nach Jahrzehnten kein deutsches Wohnzimmer kennengelernt haben, stellte Käßmann fest: "Uns fehlt offensichtlich eine Begegnungskultur. Freuen wir uns über die Gastfreundschaft, die wir im Ausland erleben, so ist die unsere offenbar mager ausgeprägt."

Die große Kunst der Politik, wie der Religionen sei es künftig die richtige Balance zwischen "klaren gemeinsamen Grundlagen unserer Gesellschaft" zu finden und der "Freude und Offenheit für Vielfalt, für das Verschiedene." Käßmann betonte: "Weder multikulti noch Leitkultur noch Parallelgesellschaft als Schlagworte werden der Komplexität dieser Balance gerecht." Auf Distanz ging die ehemalige Bischöfin zur deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die beim Parteitag der Jungen Union im Oktober erklärt hatte: "Multikulti ist gescheitert."

Käßmann war 2010 als EKD-Ratsvorsitzende zurückgetreten, nachdem sie von der Polizei alkoholisiert am Steuer erwischt worden ist. Der Bischof der Landeskirche Sachsen, Jochen Bohl, forderte kürzlich ihre Rückkehr in ein kirchliches Amt.