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Das Friedensprojekt als Wutmaschine

Von Christian Ortner

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Die endgültige Rettung des Euro erfordert, dass Griechen etwas deutscher und Deutsche etwas griechischer werden. Wollen die das eigentlich?


Jahrzehntelang verstanden sich Deutsche und Griechen nach dem Ende des letzten Weltkriegs bestens: Schätzten die Griechen deutsche Wertarbeit von Audi bis Zeiss, fanden die Deutschen den "Griechischen Wein" und das damit assoziierte unbeschwerte Lebensgefühl ohne allzu viel Leistungsdruck durchaus attraktiv. Deutsche wie Griechen wussten intuitiv um ihre Unterschiede und fanden im jeweils anderen ein bisschen, was sie an sich selbst vermissten - ohne deshalb so wie der jeweils andere werden zu wollen.

Doch die Beziehungskiste ist mittlerweile arg ramponiert. In der öffentlichen Meinung Deutschlands (und Österreichs) ist vom "faulen Pleitegriechen" die Rede, in Griechenland werden die Deutschen wieder mit den Nazis assoziiert. Die einen sehen nicht ein, warum sie zahlen sollen, und die anderen nicht, warum sie sich Vorschriften machen lassen sollen. Das Ergebnis: Deutsche und Griechen waren zwar dank EU und Euro noch nie so eng verflochten miteinander wie jetzt - doch die Folge ist, dass sie einander so abgeneigt sind wie seit Menschengedenken nicht mehr.

Unter einem "Friedensprojekt Europa" haben wir uns eigentlich etwas anderes vorgestellt als die Produktion von Abneigung, Hass und nationalistischer Emotion. Doch unter den Bedingungen der spätestens seit dem jüngsten EU-Gipfel immer klarer absehbaren europäischen Haftungsgemeinschaft könnten nationale Aversionen nicht nur zwischen Deutschen und Griechen immer öfter und heftiger aufflackern. Aus dem Friedensprojekt droht eine Wutmaschine zu werden.

Es ist deshalb nicht ganz überzeugend, wenn immer mehr äußerst verdiente ältere Gentlemen - wie der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt - aus sicherlich ehrlich empfundener Sorge um Europa die EU primär als Friedensprojekt preisen. Und damit ja irgendwie insinuieren, dass Krieg die Alternative zur EU wäre.

Das mag einmal so gewesen sein, aber es stimmt zum Glück so nicht mehr. Man kann heute keinem jüngeren Menschen plausibel erklären, warum etwa Deutschland wieder gegen Polen kämpfen sollte, gäbe es die EU morgen nicht. Wer für richtig hält, dass die EU - in der noch bis vor kurzem und mit gutem Grund ein gegenseitiger Haftungsausschluss der Mitglieder verabredet war - nun zu einer Haftungsunion auf Gedeih und Verderb werde, der wird gerade jüngeren Menschen ziemlich überzeugend erklären müssen, warum das eigentlich in ihrem Interesse gelegen sein soll. Der Begriff "Friedensprojekt" wird dabei nicht genügen. Mehr noch: Eine Währungs- und demnächst wohl auch Wirtschaftsunion kann nur funktionieren, wenn die Griechen ein gutes Stück wie die Deutschen werden - und umgekehrt Deutsche (oder Österreicher) ein Stück wie Griechen; denn sonst wird es immer wieder zu katastrophalen ökonomischen Ungleichgewichten kommen. Ohne das Schleifen und Planieren bestimmter nationaler Eigenheiten wird das freilich nicht gehen. Dass die Europäer wirklich bereit sind, sich dieser mühsamen Kur zu unterziehen, ist heute freilich nicht wirklich absehbar.

ortner@wienerzeitung.at