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Das ganz große Glücksspiel

Von Reinhard Göweil

Wirtschaft

Novomatic greift nach der Mehrheit der Casinos Austria, und der Staat pokert mit. EU-Kartellbehörde wird prüfen.


Wien. Johann Graf (69) war, lange bevor er 1980 den heutigen Glücksspielkonzern Novomatic gründete, jüngster Fleischhauermeister Österreichs. Nun liefert er erneut eine Meisterarbeit ab. Mit erheblichem strategischen Geschick ist er gerade dabei, die Mehrheit an den Casinos Austria zu erwerben. 28 Prozent hat er seit dem Wochenende, als die Bablik-Stiftung und Leipnik-Lundenburger (Mehl-Holding Raiffeisens) ihre Anteile verkauften. In den kommenden Tagen wird die Uniqa-Versicherung (ebenfalls Raiffeisen) folgen, dann hat er 39,6 Prozent. Wenn die VIG (Städtische Versicherung) noch diese Woche verkauft, hält Novomatic genau 51 Prozent.

Die Stiftung des verstorbenen Bankers Josef Melchart hält schwache fünf Prozent und will auch verkaufen. Das Hotel Sacher von Elisabeth Gürtler, das etwa ein Prozent hält, will ebenso veräußern, ist zu hören.

Wenn Städtische verkauft, hält Novomatic 51 Prozent

Und die Novomatic, die Johann Graf gehört, kauft. Sie lockt mit einem guten Preis. Etwa 500 Millionen Euro bietet sie für die Casinos Austria AG, jedes Prozent ist also fünf Millionen Euro wert.

Jedenfalls, so rechnen Insider, wird er noch diese Woche mindestens die 35-Prozent-Marke überspringen, und ab dann ist die Sache Angelegenheit der Wettbewerbsbehörden. Als sicher gilt, dass nicht die heimische Bundeswettbewerbsbehörde BWB, sondern die EU-Kartellbehörde zuständig sein wird. Denn beide Unternehmen kontrollieren gemeinsam einen Glücksspiel-Umsatz von mehr als sieben Milliarden Euro, und das in mehr als drei europäischen Ländern.

Denkbar ist allerdings, dass Brüssel die BWB zu einer Stellungnahme auffordert, denn in Österreich hätte das Glücksspiel dann einen Namen. Nach ersten Recherchen entfallen auf die Casinos Austria etwa 33 Prozent Marktanteil, auf Novomatic 28 Prozent. "Das ist mehr als Verdacht auf Marktbeherrschung, das ist eine", sagte ein Kartell-Anwalt zur "Wiener Zeitung" unter Zusicherung von Anonymität.

Bis es soweit ist, wird noch heftig gefeilscht, und mitten drin befindet sich das Finanzministerium. Denn aus noch immer nicht ganz nachvollziehbaren Gründen hat die Staatsholding ÖBIB im Frühjahr 33,2 Prozent an der Casinos Austria AG (Casag) von der Nationalbank übernommen mit der Idee, eine Mehrheit zu erwerben. Allerdings bietet die ÖBIB dafür auf Basis eines Gutachtens, das die Casag mit 350 Millionen Euro bewertete.

Heimische Banken und Stiftungen, die die Mehrheit halten, winkten denn auch ab. In den vergangenen Tagen kam im Finanzministerium das große Umdenken, nun werden plötzlich Anteile verkauft. ÖBIB-Geschäftsführerin Oberndorfer sagte am Montag, dass sie "Novomatic nicht überbieten werde". Eine Vereinfachung der Eigentümerstruktur würde sogar deren Wert erhöhen, so die Staatsholding.

Staat bezahlte noch nichts für seine Casinos-Anteile

Ein nicht ungefährlicher Satz für den Staat, denn er hält zwar 33,2 Prozent am Unternehmen, hat dafür aber noch keinen Cent bezahlt. Erst im Oktober wird der auf Basis von zwei Gutachten zu vereinbarende Kaufpreis an die Nationalbank überwiesen. Dass die Eigentumsrechte schon davor übertragen wurden, werten Banker als Entgegenkommen der Notenbank an den Staat.

Und dass die ÖBIB keine Anteile mehr kaufen wird, gilt seit gestern als sicher, sonst hätte man dem Einstieg von Johann Grafs‘ Novomatic nicht tatenlos zugesehen.

Eine Frage lautet nun, ob es im Gefolge dieser Neuordnung der Glückspiel-Szene auch in der Novomatic zu Eigentumsverschiebungen kommt. Investmentbanker halten es für möglich, dass die staatliche ÖBIB ihren Casino-Anteil tauscht, die Novomatic-Zentrale in Gumpoldskirchen aber wiegelt solche Ideen ab.

Die Finanzierung der Casinos-Übernahme ist für Johann Graf beziehungsweise seine Novomatic keine Kleinigkeit, aber locker darstellbar. Bankkredite wurden zuletzt getilgt, das Unternehmen hat eine Eigenmittelquote von 44 Prozent und platzierte jüngst eine 200-Millionen-Anleihe (drei Prozent, sieben Jahre Laufzeit) problemlos. Die Novomatic, die in Österreich mangels Lizenz derzeit kein eigenes Voll-Casino betreibt, hat mit Spielautomaten reüssiert.

1980 begann Graf mit dem Import von Flipper-Automaten, heute ist das Unternehmen weltweit tätig, auch wenn das Umsatzgros in wenigen europäischen Ländern gemacht wird. 18.000 Mitarbeiter hat der Konzern, der sich nun stark aufs Lotterien-Geschäft konzentrieren möchte.

"Squeeze-out" bei Lotterien,wenn notwendig

Bereits in der Vorwoche hat Novomatic 18 Prozent (von heimischen Banken) an den heimischen Lotterien erworben. Die Lotto-Toto-Gesellschaft steht zu 67 Prozent im Eigentum der Casinos Austria. Dass Novomatic so vorgeht, macht für Glücksspielexperten Sinn. Sollte Novomatic die Mehrheit an den Casinos erreichen, gehören dem Konzern 85 Prozent an den Lotterien. Ob der ORF, der mit sechs Prozent an den Lotterien beteiligt ist, drinnen bleibt oder nicht, kann der Novomatic dann egal sein. In einer solchen Konstellation machen die jetzt recht komplizierten Syndikatsverträge, die Casinos-Eigentümer mit Vorkaufsrechten aneinanderketten, keinen Sinn mehr.

Die große Frage wird lauten, wie die Wettbewerbsbehörden darauf reagieren. Denkbar ist etwa, dass bestimmte Firmenteile verkauft werden müssen. In Deutschland, der Schweiz und Tschechien sind sowohl Novomatic als auch Casinos Austria stark vertreten.

Auch um den Online-Glücksspielkonzern bwin gibt es einen Übernahme-Poker. GVC hat nun 1,4 Milliarden Euro geboten. Hannes Androsch hält vier Prozent an "bwin.party".