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Das Geheimnis der Partnerwahl

Von Christian Thiel

Reflexionen
Da treffen wohl unterschiedliche Interessen aufeinander...
© Fotolia.de:waugi

Im Juli des Jahres 1981 steht ein junger, ein wenig linkisch wirkender Marineoffizier auf dem Balkon des Buckingham Palace. Seine Segelohren leuchten rot und er schaut auf die unübersehbare Menschenmenge, die sich an diesem strahlenden Sommertag zur Feier seiner Hochzeit eingefunden hat. Der 32-Jährige trägt die Galauniform der englischen Marine mit roter Weste und blauer Schärpe. Er hebt den cremefarbenen Brautschleier seiner Ehefrau an. Die Wangen der 20-Jährigen glühen in der gleichen Farbe wie seine weltbekannten Ohren. Sie wagt ein scheues Lächeln. Dann küssen sich die beiden.


Weltweit sitzen 750.000.000 Menschen vor ihren Fernsehern und sehen diesen Kuss des soeben getrauten Paares. Sie träumen den märchengleichen Traum von ewiger und unzerbrechlicher Liebe mit und machen, im Zusammenspiel mit den Medien, die noch immer junge Liebe der beiden zur wichtigsten Liebes-Ikone des 20. Jahrhunderts. So wie die beiden frisch Vermählten sind auch die Menschen auf den Straßen von London und vor den Fernsehapparaten davon überzeugt, dass Charles Philip Arthur George Mountbatten-Windsor und Diana Frances Mountbatten-Windsor, geborene Spencer, eine gute Antwort gefunden haben auf die wohl wichtigste Frage im menschlichen Leben: Wer passt zu mir? Sie alle sollten sich irren.

Wer passt zu mir? Nichts beeinflusst unser Leben so grundlegend wie die Antwort, die wir auf diese Frage finden. Diese Antwort entscheidet über Glück und Unglück. Sie entscheidet über Gesundheit und Krankheit. Ja, sie entscheidet in manchen Fällen sogar über Leben und Tod. Einen ersten Hinweis darauf, wer zueinander passt, gibt die Sympathieforschung. Demnach sind sich Menschen sympathisch, weil sie Übereinstimmungen feststellen. Der andere denkt wie wir, er verhält sich wie wir, er hat ähnliche Erfahrungen in seinem Leben gemacht oder ähnliche Entscheidungen getroffen - schon springt ein kleines Lämpchen in unserem Gemüt an und signalisiert Sympathie. Je mehr Ähnlichkeiten wir feststellen, desto mehr Lämpchen leuchten auf und desto sympathischer sind wir uns. Dieses Muster gilt, wann immer Menschen aufeinander treffen. Es gilt bei der Arbeit. Es gilt in der Freizeit. Und es gilt eben auch für die Partnerwahl. Menschen suchen, bewusst oder instinktiv, Partner, die ihnen ähnlich sind.

Aussehen. Menschen wählen in der Regel Partner, die ähnlich gut aussehen wie sie selber. Sie wählen außerdem in ihrer übergroßen Mehrheit (80 Prozent) nach einem Idealbild, das sie von ihrem gegengeschlechtlichen Elternteil ableiten. Ein Mann wählt demnach eine Frau, die seiner Mutter ähnelt. Eine Frau fühlt sich zu Männern hingezogen, die ihrem Vater ähneln. Nicht alle aber handeln so, 20 Prozent wählen oppositionell. Sie entscheiden sich für einen Partner, der sie vom Äußeren her nicht an Vater oder Mutter erinnert. Das Aussehen ist für Männer das entscheidende Kriterium bei der Partnerwahl. Zu diesem Ergebnis kommt weltweit eine Fülle von wissenschaftlichen Studien. Das hat Folgen für die Partnersuche. Da sie genauer hinschaut als er, liegt die Verantwortung für die Antwort auf die Frage "Wer passt zu mir?" in der Regel bei ihr. Die Frau entscheidet, ob der Mann zu ihr passt.

Alter. Die allermeisten Paare sind sich in Bezug auf das Alter sehr nahe. Männer sind im Durchschnitt zwei bis drei Jahre älter als Frauen. Das hat für eine Partnerschaft Vorteile: Wer ein annähernd gleiches Alter hat, hat seine Kindheit und Jugend in einer ähnlichen Zeit verlebt. Das schafft Verbundenheit. Beziehungen mit einem geringen Altersabstand sind im Durchschnitt stabiler als Beziehungen, in denen der Mann oder die Frau erheblich jünger ist.

Lebensereignisse. Ähnliche Lebensereignisse führen ebenfalls zu dem Gefühl von Übereinstimmung. Zum Beispiel, wenn beide Partner verwitwet sind. Oder Kinder haben. Oder wenn beide schon in jungen Jahren einen Elternteil verloren haben.

Interessen. Gemeinsame Interessen sind häufig der Kitt, der ein Paar zusammenhält. Beide spielen leidenschaftlich gerne Tennis, schätzen klassische Musik und lieben lange Fernreisen - so etwas kann verbinden. Die Bedeutung von gemeinsamen Interessen für die Stabilität von Beziehungen wird allerdings oft überschätzt. Ein Paar, das nicht gut zueinander passt, kann beim gemeinsamen Tennisspiel wütend aufeinander werden oder im Urlaub unaufhörlich genervt sein von den Eigenheiten des jeweils anderen. Gemeinsame Interessen sind also angenehm, garantieren aber keine glückliche Beziehung. Auch Paare mit unterschiedlichen Hobbys können sehr glücklich miteinander sein.

Bildung. Ein ähnliches Bildungsniveau ist für eine Beziehung von Vorteil. Die allermeisten Menschen wählen in dieser Hinsicht ähnlich. Abweichungen sind sehr selten.

Milieu. Paare kommen oft aus einem ähnlichen sozialen Milieu. Eine ähnliche Herkunft verbindet. Das gilt auch für die geografische Herkunft. 80 Prozent aller verheirateten Paare sind in Deutschland nicht weiter als 30 Kilometer entfernt voneinander geboren worden.

Charakter. Der Charakter ist unser Schicksal. Diese Erkenntnis haben viele berühmte Tiefenpsychologen in immer neuen Formen vertreten. Sigmund Freud sprach von dem Wiederholungszwang des Menschen. Alfred Adler benutzte den Begriff des Lebensstils. Die Transaktionsanalyse spricht vom Skript eines Menschen. Wer sich schwer damit tut, den Charakter eines Menschen einzuschätzen, der versucht, den anderen anhand der leichter erkennbaren Qualitäten einzuschätzen. Er versucht, nach den Kriterien Aussehen, Bildung, Interessen, soziales Milieu und Werte seine Entscheidung zu treffen. Am glücklichsten sind aber Paare, bei denen beide ähnliche Charakterzüge haben. Leider aber ist der Charakter eines Menschen nicht mit bloßem Auge zu erkennen. Um ihn zu erfassen, brauchen wir Menschenkenntnis. Und wir müssen schon beim Kennenlernen auf die rosarote Brille verzichten. Wir müssen bereit sein, den anderen realistisch zu sehen und einige wesentliche Fragen zu stellen.

Wie ist es etwa um seine psychische Stabilität bestellt? Getrennte Paare haben oft eine unterschiedliche psychische Stabilität. Die Ehefrau zum Beispiel ist betont ausgeglichen und beherrscht, der Mann dagegen angespannt und nervös. Diese Form der Gegensätzlichkeit findet sich eher bei unglücklichen oder bei getrennten Paaren. In den Bereich des Charakters gehört auch die Frage nach der Tüchtigkeit eines Menschen. Manche Menschen lieben die Herausforderungen des Lebens und stellen sich ihnen. Andere brauchen etwas Zeit, um Antworten auf die Schwierigkeiten zu finden, die sich ihnen in den Weg stellen. Wieder andere ziehen ein beschauliches Abwarten hinter dem warmen Ofen vor. Er kennt von zu Hause grenzenlose Verwöhnung und Mama versuchte immer, Schwierigkeiten für ihn zu beseitigen, sie musste schon früh ihr Leben in die eigene Hand nehmen und selber die Steine aus dem Weg räumen - eine solche Kombination verlangt beiden Partnern viel ab. Eine unterschiedliche Tüchtigkeit belastet eine Beziehung sehr.

Familiensituation. Wie war die Familiensituation des anderen? War sie der eigenen ähnlich? Menschen fühlen sich zu anderen hingezogen, wenn deren Familienwelt der eigenen ähnlich war und wenn deren psychologische Situation in der Ursprungsfamilie der eigenen ähnelt. Wenn die Eltern also ähnliche Rollen einnahmen. Oder ähnliche Schwierigkeiten miteinander hatten. Ist er ein typischer Erstgeborener? Ein Einzelkind? Ein Nesthäkchen? Die Stellung in der Geschwisterreihe hat einen großen Einfluss auf den Charakter eines Menschen. Er ist ein typischer Erstgeborener, fleißig und strebsam, sie eine waschechte Zweitgeborene, rebellisch und selten zur Anpassung bereit - das klingt nach einer schwierigen Kombination. Häufig zieht es Älteste ganz instinktiv zu anderen Ältesten und Zweitgeborene zu Zweitgeborenen. Der Charakter ist unser Schicksal. Er ist unsere ganz persönliche Art, die Welt zu sehen und mit ihr umzugehen. Jeder Mensch ist eine eigene Welt. In einer Partnerschaft begegnen wir einem anderen Charakter und damit einer anderen Welt. Die Partnerwahl ist deshalb im Kern die Wahl eines anderen Charakters. Ähnliche charakterliche Eigenschaften sind aus diesem Grund die Goldwährung bei der Partnersuche.

Ein neuer Versuch. Am 9. April 2005 ist es endlich so weit. Beinahe 24 Jahre nach seiner ersten Hochzeit gibt der Admiral der Royal Navy und englische Thronfolger Charles, Prince of Wales, Duke of Cornwell und Earl of Chester erneut eine Antwort auf die Frage "Wer passt zu mir?". Er heiratet im Standesamt von Windsor Camilla Parker-Bowles, seine langjährige Geliebte. Er ist damit nicht nur der erste englische Thronprätendent, der weltlich heiratet, sondern auch der erste seit über 1000 Jahren, der seine Geliebte zur Ehefrau macht. Camilla hat eine gescheiterte Ehe hinter sich - wie er. Sie hat zwei Kinder groß gezogen - wie er. Sie sieht nur mäßig gut aus, böse Stimmen sagen ähnlich schlecht - wie er. Sie ist annähernd gleich alt wie er. Sie ist eine Erstgeborene - wie er. Sie hat einen ähnlich derben, manchmal skurrilen Humor wie er. Sie kommt aus einer Familie, in der die Eltern sich nicht trennten - wie er. Sie ist von einer ähnlich unerschütterlichen Lebensart wie er. Sie ist ihm ebenbürtig an Bildung und an Lebenserfahrung. Keine Fernsehstation überträgt das Ja-Wort der Hochzeit live. Nur 15.000 Menschen stehen an den Straßen von Windsor, um den Frischvermählten zuzuwinken und ihre Hände zu schütteln. Einige halten Fotos von Diana in den Händen. Das in die Jahre gekommene Brautpaar Charles und Camilla strahlt überglücklich. Die beiden werden wohl nicht zur Liebes-Ikone des 21. Jahrhunderts. Schade eigentlich.