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Das Geheimnis des Dominique Meyer

Von Edwin Baumgartner

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Wien ist nicht mehr Wien. Wäre Wien noch Wien, würden Staatsopern-Stehplatz und Presse einmütig nach der Demission des Staatsopern-Direktors rufen.

Kleinigkeiten wie undiplomatische Aussprüche, einige unkluge Engagements und eine als unglücklich empfundene Werkauswahl hatten in der Vergangenheit Direktoren um die Publikums- und Kritikergunst gebracht. Keinem dieser Direktoren ist ein Generalmusikdirektor aus künstlerischen Gründen davongelaufen, keinem ein weiterer wichtiger Dirigent mit einer ähnlichen Begründung. Kaum eine Direktion verpflichtete dermaßen viele Sänger mit schöner, aber zu kleiner Stimme. Und dass eine Opernaufführung mit Ausschnitten zu Ende gebracht werden muss, weil ein Protagonist nicht mehr weiterkann, aber kein Ersatz gefunden wird, ist in den Annalen der Staatsoper auch kaum je (wann eigentlich?) verzeichnet worden. Es müsste Aufruhr herrschen am Stehplatz und in der Presse. Doch Wien ist offenbar nicht mehr Wien.

Ein Interview mit Meyer in der ORF2-Sendung "Wien heute" am Montag enthüllte indessen sein Geheimnis. Freundlich, ruhig und bescheiden gab er eigene Fehler zu. Und, ja, er will sich verbessern. Wann hört man das schon von einer Führungskraft? Er wird auch applaudieren, wenn der ihm abhanden gekommene Ex-Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst beim Philharmonikerball dirigiert. Das war nicht der Opernimperatorenauftritt eines Ioan Holender, nicht der arrogant-kühle eines Lorin Maazel. Meyer wirkt so klug wie menschlich. Meyer ist einfach ungeheuer sympathisch. Auch mir. Obwohl ich finde, dass Wien etwas mehr Wien sein könnte.