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Das Gehirn arbeiten sehen

Von Heiner Boberski

Wissen
Berührungen sind für Wachkoma-Patienten sehr wichtig.
© corbis

Experte Johann Donis sieht enormen Aufschwung der Neurowissenschaften.


Wien. Der Patient liegt mit zeitweise geöffneten Augen im Bett, aber regungslos und ohne sichtbare Reaktionen auf seine Umgebung. Dass er in diesem Zustand des sogenannten Wachkomas mehr wahrnimmt und im Gehirn verarbeitet, als man von außen erkennen kann, lässt sich seit einigen Jahren mittels der funktionellen Magnetresonanz nachweisen, die Aktivitäten in den einzelnen Gehirnarealen abbildet.

Laut neuesten Untersuchungen reagiert auch das Gehirn des seit 2006 im Wachkoma liegenden ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon auf Außenreize. Eine Nachricht, die den Wiener Neurologen Johann Donis nicht überrascht: "Wir können davon ausgehen, dass Wachkoma-Patienten mehr wahrnehmen, als man bisher angenommen hat, durch diese neuen bildgebenden Verfahren ist es nun möglich, das auch darzustellen."

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" nennt Donis, Chef der Neurologie im Geriatriezentrum am Wienerwald und Vorsitzender der Österreichischen Wachkoma-Gesellschaft, die wesentlichen Ursachen für das - auch apallisches Syndrom genannte - Wachkoma: Unfälle mit schweren Schädel-Hirn-Traumen und zu langer unzureichender Blut- und Sauerstoffzufuhr, Herz-Kreislauf-Stillstände, schwere Schlaganfälle oder Gehirnblutungen.

In der Regel kommen auf 100.000 Menschen etwa fünf bis zehn Wachkoma-Fälle. In Österreich dürften derzeit rund 800 Patienten davon betroffen sein. Etwa die Hälfte davon, so Donis, befindet sich in Pflegeeinrichtungen, die andere Hälfte in häuslicher Betreuung. "Wachkoma ist immer eine dramatische Angelegenheit", sagt Donis und erinnert an spektakuläre Fälle wie den ehemaligen Spitzer Bürgermeister, der mit einem Schokolade-Bonbon vergiftet wurde, an zwei Buben, die an der Wiener Alten Donau im Eis einbrachen, oder eine Gruppe junger Leute, denen auf einer Almhütte der explodierende Kachelofen zum Verhängnis wurde.

"Sensorische Stimulation"

Die deutschen Medien nahmen gerade den 65. Geburtstag von Heinz Flohe wahr, der 1974 dem deutschen Weltmeister-Fußballteam angehörte und 2010 ins Koma fiel. Und als am Montag die holländische Königin Beatrix ihre Abdankung ankündigte, dachten viele unwillkürlich an ihren Sohn Johan Friso, dem 2012 in Österreich eine Lawine dieses Schicksal bereitete.

Aus Sicht von Donis "entsteht Wachkoma nur dann, wenn eine schwere, beträchtliche Störung des Gehirns vorliegt". Wie weit eine Besserung des Zustandes möglich ist, hänge von mehreren Faktoren ab, etwa vom Alter, vom Ausmaß der Schädigung des Gehirns und von anderen Krankheiten. Donis unterscheidet zwei Bereiche: "Das eine ist das Wiedererlangen der bewussten Wahrnehmung, das andere die Rückbildung - Remission - der damit verbundenen schweren neurologischen Ausfälle - wie Lähmungen, sensorische Störungen, Sprachstörungen." Dies geschehe meist nicht parallel.

Donis sieht einen "gigantischen Aufschwung der Neurowissenschaften, nicht zuletzt aufgrund der neuen bildgebenden Verfahren". Die Chancen für Patienten werden besser, "eine minimale Remission findet fast immer statt". Etwa 70 bis 80 Prozent der Patienten können zumindest durch Händedruck oder Augenbewegungen wieder mit der Umwelt Kontakt aufnehmen. Donis hat selbst einige Fälle erlebt, wo Patienten wieder ein relativ normales Leben führen konnten, einer davon sogar nach einem Koma von drei Jahren. Aber je länger der Zustand dauert, umso weniger günstig falle die Prognose aus. Die meisten Patienten bleiben auf Dauer schwer behindert.

Entscheidend für die Therapie sei neben Medikamenten eine "gezielte sensorische Stimulation": Damit meint Donis "akustische, visuelle, taktile, olfaktorische und gustatorische Reize, die vertraut und bekannt sowie auch angenehm sind. Hier spielt die Familie als Transporteur einer sensorischen Stimulation eine ganz wesentliche Rolle." Vor allem Berührungen können die Regeneration des Gehirns und das Wiedererlangen von synaptischen Verbindungen fördern. Die Botschaft aus dem Fall Sharon lautet für Donis: "Nicht die Hoffnung aufgeben, dass auch nach langer Zeit noch Besserung eintritt."