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"Das Geld allein ist es nicht"

Von Ina Weber

Politik
© stock.adobe.com/juan_aunion

Wiens wenige Kinderärzte mit Kassenvertrag sind überlastet, für acht vakante Stellen finden sich keine Bewerber mehr.


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Wien. Die Situation der Kinderärzte in Wien ist bedenklich. Laut Statistik Austria leben derzeit 97.233 Kinder von 0 bis 4 Jahren in Wien. Bei gerade einmal 83 Kassenärzten im Kinder- und Jugendheilbereich ergibt sich ein schweres Missverhältnis zwischen den kleinen Patienten und den Medizinern: Rein rechnerisch kommen auf einen Kassenarzt 1171 Kleinkinder. In der Praxis gibt es freilich weitere 109 private Kinderärzte, die aber nur zum Teil zur Verfügung stehen. Denn viele von ihnen arbeiten in Spitälern, gehen einer Nebenbeschäftigung nach und haben damit stark eingeschränkte Öffnungszeiten.

Die Opposition schlägt Alarm. ÖVP und Neos sehen sich durch die jüngsten Aussagen von Patientenanwältin Sigrid Pilz gegenüber dem ORF bestärkt. Die Beschwerden bei der Anwaltschaft über oft monatelange Wartezeiten würden sich häufen, so Pilz. Dass in Wien 83 Kassenärzte 109 Wahlärzten gegenüberstehen, sei ein klares Missverhältnis. Hinzu kommt, dass laut der Patientenanwältin drei Viertel der Kinderärzte bereits über 50 Jahre alt sind und demnächst in Pension gehen werden.

Die Stadtregierung sieht zwar keinen Notstand, aber auch Handlungsbedarf. Aus dem Büro von Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger heißt es, dass die Gespräche mit der Wiener Gebietskrankenkassa (WGKK) über Verbesserungen laufen. Man hoffe auf eine rasche Lösung. Weiters versuche man gerade im Rahmen eines Projektes herauszufinden, warum denn der Beruf des Kinderarztes so unattraktiv geworden sei. Im Jahr 2025 würden zwar mehr als die Hälfte der Kinderärzte in Pension gehen, rechnet das Stadtratsbüro vor. Gleichzeitig müsse aber darauf hingewiesen werden, dass sich derzeit 80 Kinderärzte in den KAV-Spitälern in Ausbildung befinden. Wie viele davon ins Ausland gehen oder als Wahlärzte in Wien arbeiten werden, könne man nicht sagen.

Auch die WGKK ist sich der Situation bewusst. Hauptproblem sei jedoch nicht das Geld, sondern die Tatsache, dass sich viele davor scheuen würden, eine Ordination selbständig zu führen. "Die Erwartungen an die Arbeitswelt haben sich verändert. Wir brauchen neue Anreizmodelle", sagt Andrea Fleischmann, stellvertretende Leiterin der Abteilung Vertragspartnerverrechnung in der WGKK zur "Wiener Zeitung". Als Kassenarzt sei man nun einmal an gewisse Spielregeln gebunden. Für Veränderungen müssten Stadtregierung, WGKK und Ärztekammer an einem Strang ziehen.

"Wir haben bereits eine Drei-Klassen-Medizin"

Für den Wiener Kinderarzt Rudolf Schmitzberger eine untragbare Situation. Ihm gehe es zwar relativ gut, sagt er der "Wiener Zeitung". Viele seiner Kollegen würden jedoch aufgrund von Überlastung bereits Aufnahmestopps verhängen. Die Tätigkeit als Kinderarzt sei sehr gesprächsintensiv, so Schmitzberger. Das derzeitige Honorarsystem sei auf Frequenz aufgebaut. Das sei nicht sinnvoll.

"Das Geld allein ist es aber nicht", sagt der Kinderarzt. Die Bürokratie, die Vertretungsregelungen (ein Arzt darf etwa in Grippezeiten keinen zweiten Arzt zu Hilfe holen, er darf sich nur vertreten lassen, Anm.), teure Lehrpraktikanten würden den Job unattraktiv machen. "Wir haben bereits eine Drei-Klassen-Medizin: Die Kassenärzte sind überlaufen, die Wartezimmer der Wahlärzte werden auch immer voller, bleibt der reine Privatarzt."