Zum Hauptinhalt springen

Das Geschäft mit der Ängstlichkeit

Von Franz Steinbauer

Wirtschaft

Bloß behauptete Zahlungsrückstände als neuer Trick von Geldeintreibern. | Österreichische Konsumenten auch über EU-Grenzen hinweg belästigt. | Besonders krasser Fall eines deutschen Inkassobüros. | Wien. Zahlungsaufforderungen von Inkassobüro sind ärgerlich genug - noch schlimmer sind wohl nur Forderungen von Geldeintreibern ohne jegliche Grundlage. Immer öfter flattern Konsumenten in Österreich geharnischte Briefe ins Haus, in denen Rückstände bei angeblichen Internet-Abos gemahnt werden.


Die Aktivitäten der Eintreiber machen dem Verein für Konsumenteninformation (VKI) zufolge auch vor EU-Grenzen nicht halt, beispielsweise brach im Mai eine wahre Briefwelle aus Deutschland über die Österreicher herein. Besonders Senioren seien betroffen gewesen, was jedoch nicht heiße, dass Jüngere ausgenommen waren. "Viele der Angeschriebenen waren älter als 70 Jahre", erklärt VKI-Rechtsexpertin Ulrike Wolf im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Auch Personen, die keinen Computer besitzen oder noch nie im Internet gesurft haben, erhielten Mahnschreiben von Proinkasso", betont die VKI-Expertin. In zumindest zwei nachgewiesen Fällen schickten die deutschen Geldeintreiber sogar Briefe an - seit über einem Jahr - Verstorbene.

Bei der Arbeiterkammer Wien (AK Wien) gab es zum Fall des deutschen Inkassobüros Proinkasso rund 150 Beschwerden. "Da kann man sicher nicht mehr von vereinzelten Fällen sprechen", sagt Konsumentenschutzexpertin Jutta Repl von der AK Wien der "Wiener Zeitung". Beim VKI fragten dem Vernehmen nach rund 300 beunruhigte Bürger um Rat, was gegen Proinkasso-Zahlungsaufforderungen unternommen werden kann.

In Nepp-Briefen jeweils 160 Euro verlangt

Nach übereinstimmenden Angaben des Konsumentenschutzministeriums, der AK Wien und des VKI sind die Massenbriefe von Proinkasso folgendermaßen aufgebaut: Als Mandant, der angeblich das Büro mit dem Eintreiben des Geldes beauftragt hat, scheint meist ein Unternehmen (die Firma SkyBorn) auf, dessen Anschrift und Kontaktdaten in Deutschland nicht eindeutig nachvollziehbar sind. Die angeblich geschuldete Gesamtsumme, die innerhalb von sieben Tagen auf ein deutsches Konto überwiesen werden soll, beträgt knapp 160 Euro. Weiters enthalten die Schreiben Angaben zum Datum (mit der genauen Uhrzeit und IP-Adresse des Computers, von dem aus der Abschluss getätigt worden sein soll), an dem sich die Konsumenten angeblich für kostenpflichtige Abo-Services wie etwa die Internetseite www.pflanzen-heute.com angemeldet haben sollen.

Auffällig war dem VKI zufolge, dass die in den Briefen angegebenen IP-Adressen von Internetprovidern in Übersee - etwa in Indonesien oder im arabischen Raum - stammen. Das heißt: Proinkasso und SkyBorn scheinen davon auszugehen, dass die Gemahnten die Internet-Abos auf Auslandsreisen abgeschlossen haben. Wobei die Konsumenten sich zu den genannten Zeitpunkten nachweislich nicht in Übersee aufhielten.

Wo genau die Adressen beschafft wurden, ist unklar. Typischerweise würden die Daten bei Adressverlagen angekauft, Zwischenhändler spielten in dem Geschäft ebenfalls eine wichtige Rolle, sagt Wolf vom VKI. Insbesondere durch Gewinnsspiele, bei denen viele nur allzu bereitwillig ihre Kontaktdaten herausrücken, aber auch über öffentlich zugängliche Quellen wie Telefonbücher können trickreiche Datensammler an die gefragten Adressen gelangen.

Tipps

Ein Rundruf beim Konsumentenschutzministerium, beim Verein für Konsumenteninformation sowie bei der Arbeiterkammer Wien ergab:

Der wichtigste Ratschlag lautet, bei bloß behaupteten Forderungen, die keine Grundlage in einem zuvor getätigten Abschluss haben, keinesfalls zu zahlen.

Die Verbraucher sollten sich informieren und gegen ungerechtfertigte Mahnbriefe wehren. Wer rechtlich auf der sicheren Seite sein will, muss die angeblichen Forderungen in einem eingeschriebenen Brief zurückweisen.

Weiterführende Informationen (auch Musterbriefe) sind im Internet unter www.europakonsument.at abrufbar.