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Das Gespenst der Armut

Von Christian Hoffmann

Wissen

In der Zeit vor Weihnachten sind sentimentale Betrachtungen zum Thema "Armut" beliebt. Doch leider helfen sentimentale Betrachtungen nicht, Klarheit über gesellschaftliche Vorgänge zu bekommen. Gegenwärtig wird die Armut zu einem Gespenst, das mehr und mehr Menschen erschreckt.


Malerische Armut auf der Opernbühne: Angela Gheorghiu als Mimi und .Tito Beltran als Rodolfo im Jahr 2006, Royal Opera, London .
© Robbie Jack/Corbis

Malerische Bilder der Armut kennt jeder. Die bitterkalte Mansarde zum Beispiel, in der der erste Akt der Oper "La Bohème" beginnt. Sie ist ein fester Bestandteil der kollektiven Phantasie, ebenso wie das Manuskript, das der Dichter Rodolfo dort opfert, um an diesem Weihnachtsabend noch einmal einheizen zu können, und auch seine strahlende Arie über die Armut: "In povertà mia lieta".

So berührend diese Bilder auch sein mögen und so hinreißend die Musik, die sie begleiten, so fern sind sie natürlich den modernen Gesichtern der Armut, wie sie der Soziologe Heinz Bude in "Die Ausgeschlossenen" erforscht hat. "Es kann einem aber auch passieren", schreibt er, "dass man auf einem Fest zu einem runden Geburtstag nach vielen Jahren auf einen Bekannten von früher trifft, der zu viel redet, zu viel trinkt und zu viel schwitzt." Dabei zeigt sich in dieser Szene, der natürlich die ganze Romantik der Opernbühne fehlt, dass es für diesen alten Bekannten beruflich im Moment, vorübergehend, nicht allzu gut läuft und dass er von Frau und Kind getrennt lebt. "Nach und nach stellt sich heraus, dass der einst so siegesgewisse Verlagsleiter, den man wegen seines ungeheuren Erfolgs bei Kommilitoninnen heimlich immer schon beneidet hatte, nach dem Controlling des Verlags durch eine einschlägige Unternehmensberatung seinen Hut nehmen und sich als Mittvierziger fortan von einem freien Lektorenjob zum nächsten durchschlagen musste. Man gewahrt plötzlich, wie jemand, mit dem man sich früher vergleichen konnte, den Boden unter den Füßen verliert."

Das Buch, in dem sich Bude mit solchen neuen Gesichtern der Armut befasst, heißt im Untertitel "Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft". Klarer kann man die gesellschaftliche Entwicklung in den westeuropäischen Industrieländern wahrscheinlich kaum auf den Punkt bringen. Die Angst vor dem sozialen Abstieg sitzt zunehmend mehr Menschen im Genick, die mit den Glücksverheißungen der Wohlstandsgesellschaft groß wurden, die sich in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts etabliert hatte.

In der preußischen Eisenbahn

Armut ist selbstverständlich kein neues Problem. Die einzige Gesellschaft, die keine Armut kannte, waren vermutlich die steinzeitlichen Horden, deren Mitglieder allesamt von einem Tag auf den nächsten ums Überleben kämpften. Armut ist so gesehen ein Produkt der gesellschaftlichen Weiterentwicklung, der Entstehung von Überschuss und von Reichtum. In seiner neuen Sozialgeschichte des Römischen Reichs schreibt beispielsweise der US-Historiker Richard Knapp: "Man darf zu Recht davon ausgehen, dass die breite Bevölkerung des Römischen Reiches an Armut litt. Die Armen waren freie Männer und Frauen, die überwiegend von der Hand in den Mund lebten, das heißt, sie hatten gerade genug, um satt zu werden, und selten genug, um zu sparen, zu investieren und eine Veränderung ihrer Situation herbeizuführen." In den Epigrammen des römischen Dichters Martial wird einer jener Armen als "unbegrabener Toter" geschildert, aus dem Torweg vertrieben, in dem er sich verkrochen hat, von Hunden gehetzt und in einen Kampf mit den Vögeln verstrickt, die ihm seinen letzten Bissen abzujagen versuchen.

In der Entwicklung der europäischen Gesellschaften absolvierte bis in die jüngere Gegenwart die große Mehrheit der Menschen ihr Dasein in dem Bereich, den Steffen Mau, ein anderer Soziologe, treffend das "Segment der begrenzten Lebenschancen" nennt. Sowohl die landwirtschaftlich geprägte Wirtschaft des Mittelalters als auch der aufkommende Frühkapitalismus erzeugten eine soziale Struktur, die einer Pyramide glich, in der eine breite Basis von Armen die Grundlage schuf, auf die sich der Rest der Gesellschaft stützte.

Diese Struktur veränderte sich in Europa erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge des sogenannten Wirtschaftswunders, das zu einem Anschwellen der gesellschaftlichen Mitte führte. Steffen Mau verwendet als Bild für diesen Vorgang die Entwicklung der preußischen Eisenbahn. "Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Preußen das Vier-Klassen-System eingeführt: Die erste und zweite Klasse – Salonwagen und Coupés – waren für die gehobenen Stände reserviert, die dritte Klasse mit Holzbänken und ohne Abteile für das Proletariat und die Stehplätze (zunächst noch ohne Dach) in der vierten Klasse für die untersten Schichten und die Armen. Das Modell hielt sich circa 70 Jahre, dann wurde in den zwanziger Jahren zunächst die vierte Klasse abgeschafft, Mitte der Fünfziger – im Zuge des Wirtschaftswunders und des Anwachsens der Mitte – schließlich die dritte oder Holzklasse. Heute sitzt das Gros der Bahnreisenden in der zweiten Klasse. Polstermöbel, Klimaanlage und Steckdosen sind dort längst Standard, die Zeiten harter Sitze und ungeheizter Waggons sind vorbei."

In soziologischen Fachkreisen wurde diese Veränderung auch mit dem Begriff "Bolte-Zwiebel" bedacht, nach Karl Martin Bolte, der diese Veränderung der Gesellschaftsstruktur im Jahr 1966 als einer der ersten beschrieb: Die Einkommensverteilung der Gesellschaft ergab nun im Diagramm dargestellt nicht mehr die Form einer Pyramide sondern eine zwiebelförmige Figur mit schmaler Basis, breiter Mitte und schmaler Spitze. Zur Mittelschicht gehörte in den Zeiten des Wirtschaftswunders allmählich die Mehrheit der Bevölkerung, die Armut schien endgültig im Schwinden begriffen, ein Randproblem, das sich allmählich verlieren würde. "Nach und nach", schreibt Steffen Mau, "begann die Gesellschaft sich als Wohlstandgesellschaft zu verstehen."

Was Steffen Mau für die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland festhält, galt durchaus auch für Österreich: Das Verschwinden der Armut und das Wachsen der Mittelschicht war keineswegs nur das Ergebnis des Wirtschaftswachstums und schon gar nicht der Lohn für Tüchtigkeit und Fleiß, sondern wurde von allem Anfang an zu einem beträchtlichen Teil durch staatliche Umverteilung bewirkt, durch günstige Bildungsangebote, ein erschwingliches Gesundheitswesen und ein großzügiges System der Altersversorgung – Einrichtungen, die frühere Generationen in dieser Form nicht kannten. Zugleich war eine der merkwürdigsten Eigenschaften dieser neuen Mittelschicht, dass sie gerne übersah und immer noch übersieht, in wie hohem Maß ihr behagliches Leben weitgehend von staatlichen Transferleistungen abhing. Vielleicht kommt diese Verzerrung der Wahrnehmung daher, dass sich viele Angehörige dieser Mittelschicht als Teil der Oberschicht auffassen und daher übersehen, dass sich jede Sparpolitik im sozialen Bereich auf kurz oder lang gegen ihre eigene Existenz richtet. Steffen Mau bringt diesen Zusammenhang auf den Punkt: "Ganz allgemein gilt: Ein schlanker Staat geht oft mit einer schlanken Mittelschicht einher, ein ausgebauter Staat mit großer fiskalischer Kraft und einem breiten Aufgabenspektrum dagegen mit einer tendenziell größeren."

Lebenschancen

Nun sind die guten Zeiten ganz offensichtlich vorbei. Seit Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ist die Politik, egal welcher Couleur, damit beschäftigt, drei schwer vereinbare Ziele zugleich anzustreben: erstens zu sparen, um die Budgets zu sanieren und auf den Finanzmärkten gut dazustehen. Zweitens die Oberschicht nicht durch irgendwelche zusätzlichen Belastungen zu vergrämen. Und drittens eine zunehmend verunsicherte und unzufriedene Mittelschicht ruhig zu halten, die durch den Blick in den Abgrund der Armut zunehmend nervös wird.

Wobei natürlich der Begriff der Armut in einem hochentwickelten Industrieland etwas ganz anderes bedeutet als beispielsweise in der Dritten Welt. Amtlich und bürokratisch wird er mittlerweile in der EU-Silc-Erhebung definiert, eine Abkürzung für "Statistics on Income and Living Conditions", die seit den Beschlüssen des Europäischen Rates von Lissabon regelmäßig durchgeführt wird. Eine wichtige Rolle spielt dabei die statistische Kennziffer Median, die nicht mit dem Durchschnitt verwechselt werden darf. In einer Zahlenreihe, die nach Größe sortiert ist, wird der Wert, der in der Mitte steht, Median genannt.

Die statistische Definition der Armut geht vom Medianwert aller Einkommen aus. Die Kategorie der "Armutsgefährdung" wird mit einem Einkommen von sechzig Prozent des Medianeinkommens definiert. Im Jahr 2011 lag diese Zahl bei einem monatlichen Einkommen von 1066 Euro für eine allein lebende Person. Da die Armutsstatistik von Haushalten ausgeht, werden zu diesem Wert 320 Euro monatlich für jedes Kind und zusätzlichen 533 Euro für weitere erwachsene Personen im Haushalt gerechnet.

Neben der "Armutsgefährdung" verwendet die Statistik zweitens Begriff der "Deprivation", womit eine Einschränkung bei der Befriedigung von Grundbedürfnissen gemeint ist, die anhand von sieben Merkmalen definiert wird, dem "absolut notwendigen Mindestlebensstandard in Österreich" (Lebensmittel, Heizung, Arztbesuche und so weiter). Ein drittes Kriterium, das in die Statistik Eingang findet, ist die "Erwerbsintensität", das heißt die Einbindung der Mitglieder eines Haushalts in den Arbeitsmarkt. Von "geringer Erwerbsintensität" wird gesprochen, wenn ein Haushalt weniger als zwanzig Prozent seines "Erwerbspotenzials ausschöpft". Anhand dieser drei Begriffe (Armutsgefährdung, Deprivation, Erwerbsintensität) wird schließlich "manifeste Armut" definiert. Sie liegt dann vor, wenn zu dem geringen Einkommen (Armutsgefährdung) auch Deprivation kommt. Dauert dieser Zustand länger als zwei Jahre, wird von "verfestigter Deprivation" gesprochen.
Es ist wichtig, diese Definitionen zu kennen, um mit den Statistiken nach EU-Standard etwas anfangen zu können. Im Jahr 2011 fielen in Österreich nach dieser Lesart 1,4 Millionen Personen unter den Begriff der Armutsgefährdung, immerhin mehr als zwölf Prozent der Bevölkerung. 431.000 Personen oder fünf Prozent galten als "manifest arm". Von 27 EU-Staaten, die in den Silc-Erhebungen erfasst werden, liegt Österreich auf dem fünften Platz als eines der Länder mit der geringsten Armutsgefährdung. Bessere Werte haben nur noch Tschechien, die Niederlande, Schweden und Luxemburg. Die höchste Armutsgefährdung wird hingegen für Lettland, Bulgarien und Rumänien ausgewiesen.

Doch trotz solcher Zahlenwerte müsste auch die breite Mehrheit der Gesellschaft, alle die, die nicht zu diesen 1,4 Millionen gehören, an einer Politik interessiert sein, die alle, die gefährdet sind, vor dem Abrutschen in Armut schützt, und denen, die davon betroffen sind, einen Ausweg ermöglicht. Steffen Mau verwendet dafür den Begriff "Politik der Lebenschancen" und meint damit eine Politik, die möglichst alle Mitglieder einer Gesellschaft in die Lage versetzt, "ihr Leben autonom erfolgreich zu gestalten". Und er denkt dabei nicht nur an politische Maßnahmen in den Schlüsselbereichen Bildung, Gesundheit und Altersvorsorge, sondern auch an einen umfassenderen Geist sozialer Verantwortung: "Dazu ist zunächst eine robuste Grundsicherung notwendig, die verhindert, dass Risiken in Marginalisierung und Mutlosigkeit umschlagen. Außerdem gilt es sicherzustellen, dass Aufstiegskanäle offen bleiben und Phasen des Scheiterns oder des Abstiegs sich nicht als Einbahnstraßen erweisen. In diesem Bereich sind alle gefragt: Bildungspolitiker, Kommunen, sozialpolitische Institutionen, Schulen und Universitäten, Unternehmen und Personalabteilungen." Ja, auch Unternehmen und Personalabteilungen. Im Unterschied zu vorweihnachtlichen Anfällen von Sentimentalität würde nämlich eine solche Haltung sozialer Verantwortung auch im wirtschaftlichen Alltag helfen, Armut dauerhaft zu bekämpfen beziehungsweise immer wieder bewusst Wege aus der Armut zu öffnen.

Nachlesen

  • Steffen Mau: "Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht?" Edition Suhrkamp, Berlin, 2012, 270 Seiten

  • Heinz Bude: "Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft". Carl Hanser Verlag, München, 2008, 141 Seiten

Print-Artikel erschienen am 6. Dezember 2013 In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 4–8