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Das Ghetto in Warschau 1940 bis 1943

Von Michael Schmölzer

Politik

In den Jahren vor der deutschen Invasion 1939 war Warschau nach New York die zweitgrößte jüdische Metropole der Welt. Der jüdische Bevölkerungsanteil der Stadt betrug 30 Prozent der gesamten Einwohnerschaft, das waren etwa 380.000 Personen. Nach der Einnahme der Stadt durch die deutsche Wehrmacht begann für Warschaus Jüdinnen und Juden ein unvorstellbarer Leidensweg.


In der Nacht vom 15. auf den 16. November 1940 riegelten die Deutschen ein Areal im Zentrum Warschaus als jüdisches Ghetto ab. Schon zuvor war der Bezirk von den Nazis unter der Bezeichnung "Seuchensperrgebiet" weitgehend geschlossen worden. Im Frühling 1941 mussten sich 450.000 Juden, teils aus anderen Gegenden Polens nach Warschau deportiert, auf der geringen Fläche von etwa 307 Hektar zusammendrängen.

Die Lebensumstände im Ghetto waren grauenhaft: Im Zeitraum von Oktober 1939 bis Mitte 1942 starben rund 100.000 InsassInnen allein an Nahrungsmangel, Krankheiten, Entkräftung. Das Leben der GhettobewohnerInnen gestaltete sich allerdings unterschiedlich. Aus Berichten von Überlebenden geht hervor, dass es eine schmale "Oberschicht" von etwa fünf Prozent gab, die ohne jeden Mangel lebte. Ein Großteil musste sich jeden Tag aufs Neue durchschlagen, Nahrungsmittel und Kleidung "organisieren", konnte sich aber zumindest am Leben erhalten. Der Rest der Bevölkerung vegetierte hungernd, zerlumpt und bettelnd auf den Straßen dahin. Hilfsorganisationen, die sich im Ghetto bildeten, versuchten das Elend zu lindern. Für alle Schichten galt jedoch: Der Tod war meist nur eine Frage der Zeit.

Am erstaunlichsten ist wohl, dass sich im Ghetto trotz der widrigen Umstände kulturelles Leben entfalten konnte. So gab es illegalen Schulunterricht für die Kinder, literarische Lesungen in Kaffeehäusern. In einem dieser Unterhaltungslokale spielte Wladyslaw Szpilman, um zum kargen Lebensunterhalt seiner Familie beizutragen. Im Ghetto entstanden auch viele seiner Lieder.

Etwa 40 Ghettozeitungen erschienen in regelmäßigen Abständen. Wer diese las, wusste auch von den Plänen der Nazis zur "Endlösung".

Auslöschung

Die Deportationen in die Vernichtungslager begannen am 22. Juli 1942. Täglich wurden 5.000 Juden zusammengetrieben und in Züge verfrachtet. Die Abwicklung wurde von einem dafür geschaffenen jüdischen Ordnungsdienst organisiert, der in der Anfangsphase einen blühenden Handel mit Menschenleben aufbaute: Reiche Juden wurden gegen Bezahlung vorerst verschont, an ihrer Stelle wurden verwaiste Kinder zu den Sammelstellen gebracht. Der NS-Todesmaschinerie ist dennoch kaum einer entkommen: Bis zum 21. September 1942 fanden 300.000 Warschauer Jüdinnen und Juden, hauptsächlich im Vernichtungslager Treblinka, den Tod.

Als am 19. April 1943 deutsche Panzer im Ghetto auftauchen, um die Verbliebenen, meist junge Männer, die zuvor noch als Arbeitskräfte gebraucht worden waren, abzutransportieren, bricht der Ghettoaufstand los. Jüdische Milizverbände nehmen die Deutschen unter Beschuss, der kommandierende SS-General Jürgen Stroop brennt daraufhin den gesamten Bezirk nieder. Nur wenigen WiderständlerInnen gelingt es, sich unter den Trümmern zu verstecken. Einige Überlebende werden erst im Zuge des allgemeinen Warschauer Aufstandes 1944 wiedergefunden.