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Das Gleichgewicht der Gegensätze

Von Alexandra Grass

Wissen

Himmel und Erde, oben und unten, außen und innen, Tag und Nacht . . . Gegensätze um uns herum und in uns selbst prägen unser Leben. Gesund sein heißt in der chinesischen Lehre, diese Gegensätze - Yin und Yang - im Gleichgewicht zu halten. Ziel der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist deren Harmonie. Auch wenn diese Philosophie auf uns "Westler" geheimnisvoll wirkt, so ist sie schon mehr verbreitet, als man denkt. Immer mehr heimische Ärzte setzen auf dieses jahrtausendealte Diagnose- und Therapiesystem.


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Mit jahrtausendealten Rezepturen rückt die fernöstliche Heilkunde modernen Krankheiten zu Leibe - und triumphiert dabei immer öfter über die westliche Schulmedizin. TCM kann die herkömmliche Schulmedizin aber nie ersetzen, stellte Andreas Bayer, Präsident der Akademie für Traditionelle Chinesische Medizin - und Schulmediziner -, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" klar. TCM-Behandlungsmethoden setzt man primär bei funktionellen, vor allem chronischen Störungen ein. Erfahrungsgemäß lassen sich insbesondere Atemwegserkrankungen, Verdauungsstörungen und psychosomatisch bedingte Beschwerden besonders gut behandeln. Oft seien funktionelle Störungen schulmedizinisch gar nicht messbar, Patienten werden dann von westlichen Ärzten viel zu häufig mit allgemeinen Ratschlägen "abgespeist". Hier erzielt jedoch die TCM oft die verblüffendsten Wirkungen, erklärte Bayer.

"Frostige" Naturen, die immer eine Hülle mehr benötigen, fürchten die Erkältung und reagieren so sensibel, dass ihnen leicht etwas "an die Nieren" geht. Angst sitzt einem im Nacken, und der Schreck fährt einem in die Knochen. Diese Betrachtungen beziehen sich auf körperlich-seelische Funktionen. Sie lassen Aussagen über Energiegleichgewichte bzw. Energieungleichgewichte zu. Das betreffende Körperorgan ist in der Regel aus schulmedizinischer Sicht gesund.

Ein jahrelang bestehendes Energieungleichgewicht kann aber organische Krankheiten begünstigen. Ein Motor, der permanent unrund läuft, wird bald versagen, stellte Bayer bildlich dar. Ziel jeder TCM -Behandlung ist es, die Selbstheilkräfte zu aktivieren.

Die Beobachtung beginnt, sobald der Patient die Praxis betritt. Die Diagnose erstellt der Arzt durch Betrachten, Riechen, Hören, Betasten und Befragen. So ist etwa nach chinesischer Auffassung in den Augen und auf der Zunge der ganze Organismus abgebildet. Betastet wird vor allem der Bauch, Fingerspitzengefühl erfordert die Pulsdiagnostik. Man unterscheidet 28 Pulsbilder, die über den Zustand der Organe Auskunft geben. Nach der Diagnose stehen fünf Behandlungswege zur Verfügung: Pharmakologie, Akupunktur, Tuina, Qi Gong und Ernährungslehre. (siehe unten)

"Die Mitarbeit des Patienten in der Genesung spielt eine enorme Rolle", betonte Bayer. Der Arzt könne nur durch die entsprechenden Behandlungsmethoden Reize setzen, um die Selbstheilkräfte im Körper anzukurbeln.

Inwieweit nun TCM in Österreich anerkannt ist, darüber wurde erst vor kurzem diskutiert. Eine schriftliche Stellungnahme des Gesundheitsministeriums besagt immerhin, dass TCM als ärztliche Tätigkeit im Sinne von § 2 Ärztegesetz 1998 anzusehen ist, weil sie Ausübung der Medizin ist. Das gebe Anlass zur Hoffnung, dass künftig auch die Kassen bei der Übernahme der Behandlungskosten einsichtiger werden, meinte Bayer. Derzeit werden die Kosten nur bei bestimmten Indikationen übernommen. Einige Privatkassen bezahlen mittlerweile die komplette Behandlung.