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Das globale Gefälle bei der religiösen Toleranz

Von Arno Tausch

Gastkommentare

Muslimische Staaten sind Schlusslichter im Index.


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Die Globalisierung von Waren, Kapital, Dienstleistungen und Arbeitskraft hat es mit sich gebracht, dass die internationalen Sozialwissenschaften nicht nur die globalen Bewegungen entlang dieser "vier Freiheiten" analysieren, sondern auch die Strukturen der Werte in einer zunehmend verbundenen internationalen Gesellschaft.

Seit geraumer Zeit schon versuchen deshalb Sozialwissenschafter, die Strukturen und Verschiebungen internationaler Wertemuster zu Familie, Politik, Religion, Wirtschaft etc. durch systematische Auswertungen repräsentativer Meinungsumfragen mit gleichlautenden und dem entsprechenden Publikum übersetzten Fragebögen in vielen Ländern der Welt zu ergründen. Die Daten des aktuellen "World Values Survey" erlauben dabei einen einzigartigen Einblick auch und gerade in die erstmals global vergleichbar erfassten, allgemeinen Meinungsprofile in der arabischen Welt. Leider hat die öffentliche Debatte in Österreich und auch die heimische Sozialwissenschaft das Potenzial dieser Umfragen kaum - bis auf wenige Ausnahmen - erkannt, während sie gerade beim so hitzig diskutierten Thema Integration eine solide wissenschaftliche Grundlage bilden könnten.

Bedeutende rezente soziologische Studien von Ronald Inglehart, Geert Hofstede und Shalom Schwartz haben dabei immer wieder Konstanten herausgefiltert, wie den globalen Trend zu einer säkulareren Orientierung, Machtdistanz, Altruismus und viele andere, die den Wandel in den internationalen Werteskalen erklären. Dabei sind sich diese Forscher bewusst geworden, welch wichtige Kraft die religiösen Überzeugungen im Nahen Osten und in der muslimischen Welt derzeit spielen, die von diesen internationalen Meinungsumfragen immer mehr erfasst wurden und der Säkularisierung im Westen offenbar widersprechen. Fraglos ist in einer Welt, in der zunehmend Angehörige verschiedener Religionen in einem in der Geschichte noch nie dagewesenen Maße in verschiedenen Ländern nebeneinander leben, die gelebte Bereitschaft zu religiöser Toleranz von entscheidender Bedeutung.

Was die Menschen auf der Straße über Toleranz denken

Anhand der jüngsten Erhebungswelle des im Internet frei herunterladbaren "World Values Survey" 2017 der University of Michigan zeigt sich, wie sehr religiöse Toleranz oder Intoleranz die real existierende Meinung der Menschen in den einzelnen Staaten der Welt prägt. Also nicht das, was Theologen der Konfessionen in internationalen Dialogveranstaltungen verkünden, sondern was die Menschen auf der Straße in den Staaten der Welt tatsächlich darüber denken.

Anhand von fünf Fragen aus dem "World Values Survey" lässt sich ein Index der religiösen Toleranz bilden. Sich überhaupt die Frage zu stellen, ob es von Land zu Land unterschiedliche Kulturen der Toleranz und Intoleranz gegenüber anderen Religionen gibt, mag eine Art Tabubruch in einer Debatte darstellen, in der zumeist die Bringschuld der Toleranz bei den kulturellen Mainstream-Bevölkerungen in den globalen Aufnahmestaaten der Migration gesehen wird. Es ergibt sich dabei quasi von selbst, dass die hier vorgestellten Materialien die Integrationsdebatte in Österreich, wie sie bisher verlaufen ist, in vieler Hinsicht auf den Kopf stellen.

Die statistische Methode der Indexbildung orientiert sich dabei am UN-Entwicklungsprogramm UNDP und seinem international sehr bekannten "Humanentwicklungsindex", der gleichgewichtig verschiedene Komponenten auf eine Skala von 0 (schlechtester Wert) bis 1 (bester Wert) projiziert. Wiewohl sich die Berechnungsmethoden des UNDP in den vergangenen Jahren etwas verkompliziert haben, bleibt das einfache Grundprinzip, nachdem auch der Index der religiösen Toleranz berechnet wird, erhalten. Dieser kombiniert die Zustimmung zu folgenden Meinungen in der jeweiligen Gesamtbevölkerung über 18 Jahre:

Auch andere Religionen sind akzeptabel, nicht nur die eigene (Mittelwert der Skala).

Alle Religionen sollen im Unterricht berücksichtigt werden (Mittelwert der Skala).

Auch Menschen mit anderer Religion als der eigenen können moralisch sein (Mittelwert der Skala).

Vertrauen in Menschen mit einer anderen Religion als der eigenen (Prozentsätze).

Statt Normen und Zeremonien ist es in der Religion am wichtigsten, anderen Menschen Gutes zu tun (Prozentsätze).

Das EU-Mitglied Deutschland liegt nur auf Rang 40 von 59

Für die 59 untersuchten Staaten gibt es komplette Daten. Die hier verwendeten Materialien erlauben auch sozialwissenschaftlich gesicherte Aussagen über die Meinungsprofile für etwa zwei Drittel der Gesamtbevölkerung der Staaten der Arabischen Liga. Sie alle beruhen in der Regel auf durch die arabischen Partnerorganisationen der Universität Michigan professionell durchgeführten Umfragen mit jeweils mehr als 1000 Interviewpartnern. Die gleichen hohen Qualitätskriterien gelten auch für die restlichen analysierten Staaten.

Überraschende Ergebnisse zum Vertrauen in Andersgläubige

Während etwa in Schweden und den USA 30 Prozent oder weniger der Bevölkerung kein Vertrauen in Menschen mit einer anderen Konfession als ihrer eigenen haben, sind dies in Algerien, Armenien, Jemen, Kirgisistan, Libyen, Marokko, Mexiko, Palästina (besetzte Gebiete), Peru, Rumänien, Tunesien und Usbekistan jeweils mehr als 70 Prozent.

Das klare Nord-Süd-Gefälle der religiösen Toleranz auf unserem Globus entspricht leider auch einem klaren konfessionellen Gefälle. Unter den zehn Staaten mit der niedrigsten allgemeinen religiösen Toleranz, basierend auf unseren fünf Indikatoren, sind neun mehrheitlich muslimisch geprägte Staaten zu finden. Nur das mehrheitlich christlich geprägte Armenien befindet sich bei der öffentlichen Meinung ebenfalls unter den Schlusslichtern.

Freilich zeigt sich auch das große relative Defizit der religiösen Toleranz in Deutschland, dem am schlechtesten gereihten EU-Staat. Deutschland belegt nur Rang 40 von 59 gereihten Staaten. Flexibilität und Toleranz im religiösen Denken sind offensichtlich leider, nach all den Pogromen der Geschichte, dem Dreißigjährigen Krieg, der Shoah und zwei Weltkriegen, noch immer nicht die Sache der Deutschen.

Einigen Stoff zum Nachdenken liefern die statistischen Daten auch für die Entscheidungsträger (aus naheliegenden Gründen ohne Binnen-I) der Katholischen Kirche. Diese feierte ja im Oktober den 55. Jahrestag des Beginns des Zweiten Vatikanischen Konzils (11. Oktober 1962). Ein echter Meilenstein bezüglich der Toleranz war die Verkündigung der Konzilserklärung "Nostra Aetate" am 8. Dezember 1965. Doch glauben die fast 500 Millionen der weltweit 1,3 Milliarden Katholiken, die sonntags noch in die Kirche gehen, so, wie es ihnen "Nostra Aetate" eigentlich nahelegt? Ein wenig kühn lässt sich behaupten, dass die zuvor erwähnten fünf Indikatoren genau den Vorgaben von "Nostra Aetate" entsprechen.

Katholiken sind weltweit sehr unterschiedlich tolerant

Die Bandbreite der religiösen Toleranz/Intoleranz der praktizierenden Katholiken gegenüber anderen Religionen ist den ausgewerteten Daten zufolge erheblich. Die liberalste katholische Gemeinde der Welt ist demnach im Karibikstaat Trinidad und Tobago zu finden, gefolgt von Australien, Brasilien, Niederlanden und den USA. Die relativ schlechtesten Ergebnisse gibt es in Peru, Libanon, Mexiko, Deutschland und Nigeria. Die Daten geben auch Aufschluss darüber, wo praktizierende Katholiken toleranter gegenüber Andersgläubigen sind als die jeweilige Gesamtbevölkerung. Dies ist insbesondere in den Niederlanden, Australien und Uruguay der Fall, während ihre Toleranz im Libanon, in Spanien und der Ukraine weniger stark ausgeprägt ist als jene der Gesamtgesellschaft.

Der Index zeigt also, dass die Bringschuld der religiösen Toleranz auf unserem Globus eine sehr deutliche geografische und leider auch soziokulturelle Ausprägung hat, deren Implikationen auch die Integrationspolitik in den westlichen Staaten betreffen. Abschließend sei erwähnt, dass es innerhalb der muslimischen Gemeinden global ebenso erhebliche Bandbreiten von Beispielen bester und schlechtester Praxis gibt. Vorzeigemodelle eines liberalen und toleranten Islam sind wiederum in Trinidad und Tobago, Georgien, Indien, Ghana und Südafrika zu beobachten.

Dass die religiöse Toleranzentwicklung auch eine Sache des globalen Südens ist und nicht nur des Nordens und dass bei der Islamophobiedebatte leider vergessen wird, dass in der muslimischen Welt eine teils extreme Form der Abneigung gegen andere Religionen besteht, ist die vielleicht wichtigste Implikation, auch und gerade für die Integrationspolitik in den EU-Staaten, die nunmehr vor einer großen Welle erneuter Zuwanderung stehen.

Besorgniserregend ist dabei allerdings auch, dass Deutschland, das Hauptzielland der Zuwanderung ab Sommer 2015, bezüglich der religiösen Toleranzbereitschaft relativ schlecht dasteht. Und das betrifft nicht nur die katholischen Gemeinden, sondern auch andere Religionsgruppen, etwa die deutschen Muslime. Diese zählen ebenso wie die deutschen Katholiken im weltweiten Vergleich mit ihren Glaubensgenossen zu den schlechtergereihten Gemeinden.

Arno Tausch ist Politikwissenschafter und Ökonom an der Universität Innsbruck und der Corvinus University Budapest. Er war von 1992 bis 2016 österreichischer Beamter in den Bereichen EU und Internationales und
verfasste zahlreiche Bücher und Zeitschriftenartikel bei führenden internationalen Verlagen und globalen Thinktanks.