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Das große Fasten

Von Abualwafa Mohammed

Gastkommentare
Abualwafa Mohammed ist promovierter Religionspädagoge, islamischer Gelehrter und interkultureller Experte (www.abualwafa.at).
© privat

Der muslimische Ramadan kann auch für die Gesellschaft bereichernd sein.


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Ein paar Tage nach Ostern beginnt nun weltweit der muslimische Fastenmonat Ramadan, die höchste spirituelle und religiöse Saison für Muslime. Laut der Studie "Muslime in Österreich" (2012) betet jeder vierte einheimische Muslim fünfmal am Tag, zwei Drittel fasten im Ramadan und jeder Fünfte zumindest an bestimmten Tagen. Das zeigt den Stellenwert des Fastens für das religiöse Leben.

Aber was ist das große Fasten? Das Unterlassen von Essen und Trinken sowie Intimverkehr von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang betrachte ich als das kleine Fasten. Es braucht ein großes Fasten. Ein Fasten, von dem das Individuum und die Gesellschaft profitieren können und wodurch zwischenmenschlich mehr Liebe und Barmherzigkeit entsteht. Der Prophet Muhammed meint: "Wer Lügen und Verleumdungen nicht unterlässt, dessen Verzicht auf Essen und Trinken hat bei Gott keine Bedeutung."

Aktuelle Themen und Herausforderungen werden im Sprachgebrauch nicht selten mit religiösen Begrifflichkeiten verknüpft. Initiativen wie "klimafasten.de" oder "Eco-jihad" sind keine Seltenheit mehr. Das spiegelt eine Entwicklung wider, bei der die Religionsgemeinschaften zunehmend ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusster werden. Die Pandemie ist erschöpfend, aber macht auch schöpferisch für das Gemeindeleben und die religiöse Praxis. Die moderne Religiosität ist in ihrer Individualität reicher und vielfältiger geworden.

Das Fasten hat das Potenzial, für die Gesellschaft bereichernd zu sein. Eine Studie aus Ägypten zeigt, dass dort die Kriminalität im Ramadan um 50 Prozent sinkt, die Hilfsbereitschaft hingegen nimmt signifikant zu. Dies zeigt, wie positiv sich das Fasten in der Gesellschaft widerspiegelt, indem die Menschen mehr füreinander (auch seelisch) sorgen und den Bedürftigen großzügig beistehen.

Der Sinn des Fastens besteht dem Koran nach darin, selbst- und gottesbewusster zu werden. Gottesbewusstsein bedeutet vor allem, die eigenen Charakterzüge, Handlungen und Worte zu reflektieren und die eigene gesellschaftliche Verantwortung zu verstehen und auszuüben. Nur um ein Nahrungsfasten geht es hier also wohl kaum.

Spricht der Koran von Fasten, so wird das Gemeinsame vor das Trennende gestellt. Muslimisches Fasten wird nicht als islamische Besonderheit gesehen, sondern als gemeinsames spirituelles Erlebnis, das Muslime mit anderen Religionen in Verbindung und Harmonie setzt. Im Koran heißt es in Sure 2, Vers 183: "O ihr, die ihr glaubt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch lebten - vielleicht seid ihr ja gottesbewusster."

Eine weitere Fastenübung ist Geduld, sich nicht in Konflikte oder Streitigkeiten verwickeln zu lassen. "Das Fasten ist auch das Fernhalten hässlicher, schlechter und grober Worte. Wenn jemand sich mit dir anlegt, dich provoziert oder beschimpft, während du fastest, sage ihm: ‚Ich faste, ich faste.‘" Die Erfahrung Marias, der Mutter Jesu, mit ihrem "Fasten vom Reden" ist im Koran zu lesen (19,26). Verbal angegriffen, sollte sie vom Reden fasten und reagierte auf die böswilligen Kommentare nicht. Weil die Wahrheit ihre Zeit braucht.

Die Fastenzeit ist kein Modus von Stillstand und Müdigkeit, sondern die Zeit des spirituellen Tankens, der Selbstreflexion, der Produktivität und der Dankbarkeit.