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Das große Saubermachen

Von Ronald Schönhuber

Wirtschaft

VW startet jenen Mammutrückruf, der den Abgasskandal bereinigen soll. Ob Leistung und Verbrauch schlechter werden, will der ÖAMTC prüfen.


Salzburg/Wolfsburg. Normalerweise würde man über den zu erwartenden Ansturm wohl jubeln, schließlich sind es aus rechnerischer Sicht 400 Fahrzeuge pro Autohaus, die in diesem Jahr zu einem zusätzlichen Werkstatt-Termin kommen sollen. Doch bei den allermeisten österreichischen Volkswagen-Vertretungen hätte man auf diesen Andrang wohl lieber verzichtet. Denn wenn in wenigen Tagen die Mechaniker damit beginnen, eine neue Motorsteuerungssoftware aufzuspielen, geht es nicht um ein Routine-Service, sondern darum, den größten Skandal in der VW-Firmengeschichte durch eine Mammutrückrufaktion auszumerzen.

Allein in Österreich sind es 363.000 Dieselfahrzeuge, bei denen die Abgaswerte bei Prüfstandtests durch eine Schummelsoftware geschönt werden. In Deutschland geht das Kraftfahrbundesamt von 2,4 Millionen betroffenen Modellen aus, europaweit dürften es sogar 8,5 Millionen sein.

Pickups machen den Anfang

In Österreich wird der Rückruf mit dem Pickup-Modell Amarok gestartet, bei dem knapp 2300 Fahrzeuge mit dem 2,0-Liter-TDI-Motor von den Abgasmanipulationen betroffen sind. "Wir warten derzeit noch auf die endgültige Freigabe bei Volkswagen, rechnen aber damit, dass das noch diese Woche erfolgen wird", sagt Richard Mieling, Sprecher der in Salzburg beheimateten Porsche Holding, zur "Wiener Zeitung".

Sobald es grünes Licht aus Wolfsburg gibt, will der VW-Österreich-Importeur die Fahrzeughalter dann mit Hilfe des österreichischen Versicherungsverbands anschreiben. Damit soll vor allem sichergestellt werden, dass nicht nur die Erstbesitzer erreicht werden, sondern auch jene, die ihr Auto gebraucht gekauft haben. Im besten Fall könnten die betroffenen Amarok-Fahrer also schon in der ersten oder zweiten Februarwoche Post bekommen und sich dann mit ihrer Werkstätte einen Termin ausmachen. Einplanen sollte man dafür gut eine Stunde, denn zu den 30 Minuten, die VW für die Arbeitszeit veranschlagt, kommen natürlich auch noch die entsprechenden Formalitäten und vielleicht auch Wartezeiten.

Auf die großen VW-Pickups folgen dann im Abstand einiger Wochen die ersten Varianten der Passat-Diesel mit 2,0 Liter Hubraum und Euro-5-Abgasverhalten. Wann die übrigen Passats an die Reihe kommen, ist noch in Schwebe. Auch zum Verkaufsschlager Golf, dem meistverkauften Pkw des Landes, sind noch keine Details klar. VW will die Kunden aber möglichst zeitnah informieren.

Die vielen Wellen bei Anschreiben und Rückrufen sind vor allem den vielen Varianten geschuldet, die sich mit den verschiedenen Motorgrößen, Modellreihen, Baujahren und Getriebearten ergeben. So sind die betroffenen Motorversionen mit 1,2 Liter Hubraum, die ebenso wie die 2,0-Liter-Maschinen mit einem Softwareupdate auskommen, frühestens ab Jahresmitte an der Reihe. Überhaupt erst für den Herbst eingeplant sind die 1,6-Liter-Varianten, die auch bauliche Veränderungen benötigen. Bei ihnen muss ein kleines Rohr mit Gitternetz eingebaut werden, um die angestrebten Werte bei den Stickstoff-Emissionen zu erreichen.

Das größte Fragezeichen bleibt

Vorsichtig ist man bei VW allerdings, was die Nebenwirkungen der Rückrufaktion betrifft. Denn eine mit voller Leistung arbeitende Abgasreinigung kostet üblicherweise ein paar PS oder treibt den Spritkonsum in die Höhe. "Ziel von Volkswagen ist es, dass es keine Änderung bei Verbrauchs- und Leistungswerten gibt", so Porsche-Holding-Sprecher Mieling.

Allein darauf will man sich beim Autofahrerklub ÖAMTC allerdings nicht verlassen. "Wir wissen immer noch nicht ganz genau, was VW macht", sagt Chef-Techniker Max Lang zur "Wiener Zeitung". "Wir haben uns daher mit anderen Klubs wie etwa dem deutschen ADAC zusammengeschlossen und werden uns gemeinsam betroffene Fahrzeuge vor und nach dem Update anschauen, um festzustellen, ob sich da etwas geändert hat." Unter anderem soll dabei die Leistung am Rollenprüfstand gemessen werden, beim Test auf der Straße will man dann Verbrauch und Fahrverhalten überprüfen.

Das wohl größte Rätsel der Abgasmanipulationen wird sich aber wohl auch durch diese Tests nicht klären lassen. Denn bis heute können sich Experten keinen Reim darauf machen, warum VW in Europa überhaupt eine Schummelsoftware verbaut hat. Anders als in den USA, wo die Grenzwerte für Diesel schon seit jeher sehr streng sind, galt in der EU bis zum 1. September nämlich die Euro-5-Norm, die vergleichsweise einfach zu erreichen war.