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Das große Siedeln

Von WZ-Korrespondentin Martyna Czarnowska

Politik
Alles neu im Hause Berlaymont in Brüssel- im Gebäude der Europäischen Kommission findet ein groß angelegter Umzug statt.
© reu/Yves Herman

Rund 600 Umzüge stehen an diesem Wochenende in der EU-Kommission an - und ein paar radikale Änderungen.


Brüssel. Die letzten Bilder sind schon von den Wänden abgenommen. Ein paar gelbe Säcke stehen noch in den Ecken der Korridore herum. In sie wird in Belgien das Altpapier gepackt, bevor es, vor die Haustür gestellt, abgeholt wird. In den Zimmern stapeln sich Kisten, versehen mit Aufklebern, auf denen Namen und Abkürzungen zu lesen sind, die Kennern dieses spezifischen Bürokratie-Jargons den Bestimmungsort der Pakete verraten. "CAB" steht da am Anfang, oder "DG". Das eine bedeutet Kabinett, das andere weist auf eine der Generaldirektionen hin.

Es ist Umzugszeit in der EU-Kommission. Die Mannschaft rund um Präsident Jose Manuel Barroso hat ihre Büros ausgeräumt. Am Wochenende nimmt das Team von Jean-Claude Juncker die Arbeit im Berlaymont auf, in dem kreuzförmigen Gebäude am Platz Schuman, mitten im Europa-Viertel. Es ist nur eines von mehreren Dutzend Häusern in Brüssel, in denen die Kommission samt ihren Agenturen in Gestalt von mehr als 30.000 Beschäftigten tätig ist. Doch wird eben dort die - nicht zuletzt politische - Ausrichtung dieser Arbeit bestimmt, von den 27 Kommissaren und dem Präsidenten.

Die müssen nun ihre Büros beziehen. Und nicht nur sie: Änderungen gibt es auch beim Sprecherdienst, der sich um die Medienkommunikation kümmert. Auch dort, im ersten, zweiten, dritten und vierten Stock des Berlaymont herrscht noch Umsiedlungshektik. Im dreizehnten ist das Büro des Kommissionspräsidenten untergebracht, ein Stockwerk tiefer haben die Vizepräsidenten ihren Arbeitsplatz; und bis runter in die siebente Etage sitzen die Kommissare. Rund 600 Umzüge stehen an diesem Wochenende an.

Der österreichische Vertreter Johannes Hahn erfährt dabei einen räumlichen Aufstieg: Als Regionalkommissar hatte er seine Räumlichkeiten im neunten Stock, und seinen neuen Zuständigkeitsbereich Nachbarschaftspolitik wird er im elften betreuen. Auch seine übrigen sechs Kollegen, die ebenfalls noch in Barrosos Kommission Mitglieder waren, müssen ihre Möbel in andere Zimmer bringen lassen.

Ringen um Einfluss

Um die Plätze an den Schreibtischen rundherum aber hat es heftiges Ringen gegeben. Es ging dabei um die Besetzung der Kabinette der Kommissare, die aus sechs und bei den Vizepräsidenten aus sieben Personen bestehen. Und wie zuvor bei der Verteilung der Ressorts an die Kommissare selbst waren die Regierungen auch bei der Auswahl des engsten Mitarbeiterkreises daran interessiert, sich möglichst viel Einfluss zu sichern. Als ambitionierteste Lobbyisten haben sich dabei die Italiener erwiesen: Sie sollen eine Namensliste mit gleich 200 Personalvorschlägen geliefert haben. Dennoch gibt es zumindest unter den Kabinettschefs mehr Deutsche: Sie haben vier dieser einflussreichen Posten besetzt.

Hahn wählte einen Österreicher zum Büroleiter: Michael Karnitschnig, der schon bei Ex-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner mit außenpolitischen Agenden befasst war, wechselte von Barrosos Kabinett zu seinem Landsmann.

Die radikalsten Änderungen wird aber der Sprecherdienst erfahren - von der Struktur bis hin zu den Räumlichkeiten, wo sogar die Wände verschoben werden. Denn die von Juncker geplante Organisation der Behörde, in der Teams zum Zweck des ressortübergreifenden Arbeitens gebildet werden sollen, soll sich auch in der Kommunikation widerspiegeln. Statt eines Sprechers pro Kommissar wird es daher künftig höchstens 17 solcher Mitarbeiter insgesamt geben: einen Chefsprecher, zwei Stellvertreter, Koordinatoren und eine Gruppe für bestimmte Themengebiete. Für so manchen Ex-Sprecher bedeutet der Umbau, sich auf Jobsuche machen zu müssen. Denn nicht alle von ihnen waren Beamte, die nun eine andere Stelle in der Kommission finden können.

Weit weniger Anpassungen wird es hingegen in den sogenannten Generaldirektionen geben. Abgesehen von kleinen Umschichtungen werden es weiterhin mehr als 40 Fachabteilungen und Dienste sein, die die Basis der Brüsseler Behörde bilden. Mit seinen mehr als 30.000 Mitarbeitern ist das der Verwaltungsapparat, der die Kontinuität der Arbeit sicherstellen soll. Zu den größten Abteilungen gehören dabei jene, die für Entwicklung und Zusammenarbeit zuständig ist, sowie der Übersetzerdienst. Dort arbeiten knapp 4000 beziehungsweise rund 2400 Menschen.

Allerdings möchte die neue Kommissionsführung nun auch in den Generaldirektionen mehr Kooperation sehen. So sollen die Abteilungen gleich für mehrere Kommissare tätig sein können und die Vizepräsidenten auf die Arbeit jeder einzelnen zugreifen dürfen. Damit sollen "feudalistische Strukturen" abgeschafft werden, heißt es aus Junckers Umgebung. So wie ein Kommissar nicht mehr "mein Sprecher" sagen werde können, solle es nicht mehr "mein Generaldirektor" heißen.

Enger eingebunden wird auch die neue Außenbeauftragte Federica Mogherini - und zwar räumlich. Ihr Büro wird künftig ebenso im Berlaymont sein und nicht nur im Gebäude gegenüber.